Über Journalisten

Was muss ein Journalist eigentlich können? Gut schreiben muss er, natürlich. Und flink recherchieren können. Schnell lesen, Fakten ordnen. Sich eine Meinung bilden und als Kommentar zu Papier bringen. Und… All das und noch viel mehr, ja, richtig. Aber das Wichtigste, was man als Journalist mitbringen muss, ist

Geduld.

Ja, viel Geduld. Wenn mal wieder der Email-Briefkasten mit Pressemitteilungen überquillt, bei denen kein Absender klar erkennbar ist und der Nachrichtentext sich auf “Pressemitteilung 17/2007″ beschränkt, während dafür Dutzende vielbytige Anlagen hinten dran hängen. PDF öffnen, Word-Dokument aufmachen, warten, warten, lesen, schließen, löschen. So vergeht Minute um Minute. Continue reading

Gaza

Die Bilder aus Nahost beherrschen wieder die “Tagesthemen” und die Titelseite von “Spiegel Online”. Bürgerkrieg in Gaza. Wer wissen will, was Israelis dabei empfinden, dem sei Lilas Text “Mit Verzweiflung und Sorge” zur Lektüre empfohlen:

Aber so ein vollkommen unkontrollierbares Chaos, so ein Abgrund an Unberechenbarkeit und brutaler Gewalt – das steht auf einem komplett anderen Blatt. Ich finde keine Worte, mein Grauen auszudrücken. Wie kann man Schulkinder exekutieren, weil ihr Vater einer Bewegung X oder Y angehört? Nachbarn, die man jahrelang kennt? Mit 45 Kugeln durchlöchern, aus nächster Nähe erschießen? Wer kann diese Männer, die jetzt mit der Waffe in der Hand in Gaza Angst und Schrecken verbreiten, eines Tages in friedliche Bürger verwandeln? Sind sie nicht für ein ziviles, ruhiges Leben verloren? Was soll aus ihnen allen werden? Ich fühle mich wie in einem Albtraum, aus dem wir alle nie aufwachen. Mein Mitgefühl gilt all denen, die dort leben, klar denken und so wie ich nur wollen, daß dieser Albtraum bald ein Ende hat. Aber auch uns, die wir unsanft aus einem Friedens-Traum (”Land for Peace”) nach dem anderen gerissen werden. Traurige, traurige Tage.

Da fällt mir ein, dass ich heute morgen auf Inforadio einen Menschen von der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah gehört habe, der – ich hatte darauf schon seit gestern gewartet – indirekt ja doch Israel wieder die Schuld an dem Konflikt zugeschoben hat. Schließlich lebten die Menschen in Gaza eingepfercht, ohne funktionierende Wirtschaft, ohne Hoffnung…

Und, nochmal by the way, wer bis hierhin gelesen hat, sollte vielleicht auch noch diesen Text von Lila lesen – und sich daran erinnern, dass noch ein paar israelische Soldaten irgendwo in Geiselhaft sitzen, über die hier in Deutschland schon lange nichts mehr geschrieben worden ist.

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You know what Spam means?

Meine Gewerkschaft hat mir gerade eine Pressemitteilung geschickt, in der es stolz heißt:

Per E-Mail wurden über 11.000 Journalisten in Redaktionen angeschrieben, die noch keine DJV-Mitglieder sind. “Wir wollen”, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken, “möglichst viele Kolleginnen und Kollegen von den Vorteilen einer Mitgliedschaft im DJV überzeugen.

Mal abgesehen davon, dass ich als Mitglied auch die Mail bekommen habe (also oben: 10.999 Journalisten einsetzen) bekomme ich solche Mails auch jeden Tag von Aktienhändlern, bei denen ich noch nicht Kunde bin, Pillenproduzenten, bei denen ich noch nicht Kunde bin, und Casino-Betreibern, bei denen ich noch nicht Kunde bin. Der Unterschied dieser ungewollten elektronischen Postwurfsendungen erschließt sich mir nicht – allerdings schicken die nicht hinterher Pressemitteilungen und Belobhudeln sich selbst für die Aktion.

Merkwürdig auch noch, dass der DJV noch ein PDF angehängt hat, statt einen Link auf eine Infoseite mitzuschicken. Aber gut, der DJV hat den Unterschied zwischen einem Blog und einer Pressemitteilungsverteilungsplattform ja auch noch nicht so ganz verstanden.

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Selbsterkenntnis

Bei “Spiegel Online” gibt es gerade einen Bericht, der sich mit der Desinforamtion rund um den G8-Protest befasst. Darin sagt der Sprecher der Polizei-Sondereinheit “Kavala”, Ulf Claassen, den schönen Satz: “Man muss ja auch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen.”

Oder, im Kontext:

Gab es gestern also tatsächlich Kartoffeln, die mit Nägeln gespickt waren, und Molotow-Cocktails an der Galopprennbahn vor Heiligendamm? Von den zahlreichen anwesenden Journalisten hatte dies keiner bemerkt.

Übersetzt heißt das: “Man muss mir doch auch nicht alles glauben.”

Würde ein Maurer sagen, “nicht jede Mauer muss doch gerade sein” oder ein Arzt “man solle doch nicht gleich über jeden schiefen Schnitt jammern”, derjenige müsste sich einen neuen Jobs suchen. Als Pressesprecher scheint das zu gehen. Zumindest bei der Polizei.

Aber vielleicht war er auch einfach nur mal gnadenlos ehrlich.

Update:

Noch was aus dem “kleinen Handbuch für Pressesprecher” von Herrn Claassen, gefunden bei “Spiegel Online”: Die “gestern war gestern“-Variante.

Entgegen einem ersten Dementi hat die Sondereinheit “Kavala” den Einsatz eines Zivilbeamten bei einer Blockade-Aktion an der zentralen Sicherheitsschleuse vor der Galopprennbahn bestätigt. Gestern war gestern – und heute ist heute, so kommentiert “Kavala”-Sprecher Ulf Claassen gegenüber SPIEGEL ONLINE das Dementi vom Dementi.

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Einmal rasieren, bitte

PR-Agenturen schreiben oft schrecklich öde Pressemitteilungen. Das nervt. Noch schlimmer nerven Pressemitteilungen mit Megabyte großen Anhängen, die sich nur quälend langsam löschen lassen. Am meisten nerven aber die Versuchen von PR-Menschen, ganz besonders witzig zu sein und so Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Die Firma Philips schickt derzeit so zum Beispiel eine Pressemappe über ihren neuen Rasierer “Cool Skin” in die Redaktionsstuben. Und bittet darin die Journalisten, doch mal den “Rasierer-Test” zu machen:

Dazu darf man den ausgeschnittenen Papprasierer nehmen und dem Bürschchen seine aufgeklebten Bartstoppeln wegrubbeln. Und dann zu dem Ergebnis kommen: Boah, der Cool Skin, der rasiert ja voll cool.

Manchmal frage ich mich schon, was für eine Vorstellung vom Journalismus solche Agenturen haben.

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Zeitreise

Hin und wieder gibt es diesen Moment wo man denkt: Das war doch alles schon mal da. Oder wo man denkt: Mensch, vor fünf, sechs Jahren hätte man das noch für absoluten Science-Fiction gehalten. Oder wo beides zusammen kommt. Bei der aktuellen Debatte über den Einsatz von modernen Waffen gegen gewalttätige Demonstrationen ist mir ein Text eingefallen, den ich selbst einmal verfasst habe. Vor vielen, vielen Jahren, noch für eine Studi-Zeitung. Über die Qualität der journalistischen Leistung will ich lieber mal nicht nachdenken, aber die Zeilen stammen aus dem Juni 2002. Doch irgendwie erscheinen sie brandaktuell.

Nur ein kleines bisschen tödlich

Das US-Militär sucht die perfekte “nonlethal weapon” – und die Polizei freut sich schon

Seattle, Prag, Göteborg, Genua – die Massenproteste der Globalisierungskritikerinnen und Globalisierungskritiker haben für Unruhe in den Sicherheitsapparaten gesorgt. Die Frage: Wie lassen sich große Menschenmassen in den Griff bekommen, ohne dass es zu Schwerverletzten oder gar Toten kommt? Continue reading

Qualitätsjournalismus (2)

Man denkt ja immer, dümmer geht’s nimmer, aber jetzt hat die “B.Z.” einen “Autonomen” aus der Schublade gezogen, der genau das sagt, was ein Autonomer halt so sagen soll: Voll unpolitisch und nur geil auf Randale.

Markus R. (22) aus Friedrichshain ist seit Sonnabend in Rostock. Nicht zum Demonstrieren, sondern zum Steine werfen und Krawallmachen. Das sagt er selbst.

Aber, hoppla, kurz darunter heißt es dann:

„Wir wohnen hier in einem Camp, trinken jeden Tag Bier und fahren dann immer dorthin, wo es Keile gibt“, berichtet Markus T. der B.Z..

Hoppla, macht da einer ein T. für ein R. vor? Oder umgekehrt? Der doppelte Markus? Oder haben da Journalisten in ihrem Camp gesessen, zu viel Bier getrunken und keinen Bock mehr gehabt, dahin zu fahren, wo die Geschichten sind? Und dann ist’s so in den Notizblock geflossen?

Merkwürdig, das alles.

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Eskalationsspirale

Gestern früh habe ich in einem Telefonat mit einem Freund noch gewitzelt, im Tagesverlauf werde nach den Bildern aus Rostock sicher jemand die Bewaffnung der deutschen Polizisten mit Gummigeschossen fordern. Und was konnte man mittags lesen, was der erste stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, zu sagen hatte:

sueddeutsche.de: Sie fordern nun den Einsatz von Gummigeschossen gegen militante Demonstranten. Wann genau soll damit denn geschossen werden dürfen?

Wendt: Die Bilder im Fernsehen haben ja ganz deutlich gezeigt, dass die Polizisten nicht in der Lage sind, aus einer Distanz von 30 bis 40 Metern auf Störer einzuwirken, wenn sie mit Steinen und Molotowcocktails beworfen werden. Wir haben den viel zu kurzen Schlagstock und wir haben die Pistole. Der Schlagstock ist wirkungslos, den brauchen wir nicht einzusetzen. Und die Pistole will ja wohl keiner einsetzen. Um zu verhindern, dass unsere Kolleginnen und Kollegen möglicherweise einmal in Panik zur Waffe greifen, sagen wir: Die Polizei braucht wirkungsvolle Distanzwaffen. Das sind Gummiwucht- und Gummischrotgeschosse. Damit müssen unsere Hundertschaften jetzt ausgestattet werden, um in Situationen, bei denen Steine geworfen werden, auf die Störer einwirken zu können. Continue reading

Wie Gewalt entsteht

Eine aus Platzgründen leicht gekürzte Fassung des Textes ist in der “Märkischen Allgemeinen” erschienen. Meine Kollegin Ariane Mohl hat dort über den Tag in Rostock geschrieben.

Als gegen 13 Uhr der Demonstrationszug vom Rostocker Hauptbahnhof loszieht, sieht es noch so aus, als ob die zurückhaltende Taktik der Polizei aufgehen könnte. Kein dichter Kordon von Beamten in Kampfmontur am Rande der Strecke, wie zuletzt bei G8-Protesten in Hamburg. Kein Einschreiten gegen den „schwarzen Block“, in dem ein Großteil der 2000 dunkel Gekleideten sich bereits vor Beginn vermummt hatten. Selbst als bereits nach wenige Metern Feuerwerkskörper in Richtung von Bundespolizisten auf einer Eisenbahnbrücke geschossen werden, bleibt jede Reaktion aus. Daran ändert sich auch nichts, als im weiteren Verlauf der etwa vier Kilometer langen Strecke die Scheiben von mindestens zwei Sparkassenfilialen und eines Lotto-Laden eingeschlagen werden. Auch Stein- und Flaschenwürfe auf einzelne Polizeigruppen am Rande werden nur durch Rückzug der Beamten beantwortet. Die wenig sinnvolle Alternative wäre wohl ein Polizeieinsatz mit massiven Straßenschlachten mitten in der Innenstadt gewesen, unter tausenden friedlichen Demonstranten von Gewerkschaften, Kirchengruppen oder Attac.

Praktisch mit dem Ankommen der Demonstration auf dem Platz für die Abschlusskundgebung in der Nähe des Rostocker Hafens gegen 14.45 Uhr verändert sich jedoch alles. Am Rande der Straße parkt ein Polizei-Bus mit zwei Beamten – und der wird von einer Gruppe von etwa zehn Vermummten mit Stöcken und Steinen angegriffen. Eine halbe Minute lang werden sämtliche Scheiben eingeschlagen, während sich ein Beamter verängstigt duckt, der andere aufgeregt in sein Funkgerät spricht. Dann braust der Wagen mit quietschenden Reifen davon. Unverständnis über die Aktion der Autonomen gibt es bei den Umstehenden ebenso wie über das Verhalten der Polizei. „Warum stehen die hier denn überhaupt?“, fragt eine Frau, die als Anwältin für die Demonstrations-Organisatoren arbeitet. Wenige Minuten später tauchen vermummte Trupps der Berliner Polizei auf, stürmen vor und nehmen erste Demonstranten fest. Die Antwort ist ein Stein- und Flaschenhagel, Holzlatten fliegen durch die Luft. Auch ein Molotow-Cocktail schlägt nur wenige Schritte neben der Polizei auf die Straße. Es ist der Anfang von stundenlangen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf auch ein Auto in Flammen aufgeht, und die erst am späten Abend enden sollen.

Auch die Polizei lässt dabei zusehends jedes Augenmaß vermissen. Bei den Vorstöße in die Abschlusskundgebung, die trotz der Scharmützel am Rande mit Reden und Musik fortgesetzt wird, werden nicht selten völlig Unbeteiligte zu Boden gestoßen, von Schlagstöcken und Fäusten getroffen und mit Reizgas besprüht. Der Adrenalinschub und die Aggression hat spätestens jetzt beide Seiten erfasst. Gegen 17.30 Uhr setzt die Polizei mehrere Wasserwerfer ein, die mit hohem Tempo über den Kundgebungsplatz fahren und ohne Vorankündigung und unterschiedslos alle in Reichweite befindlichen Demonstrationsteilnehmer mit ihrem Strahl eindecken. Hunderte Demonstranten mit erhobenen Händen verhindern erfolgreich, dass die Polizei weiter vordringt. In der Ecke des Platzes geht das Konzert bis in die späten Abendstunden weiter.

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