Übers Wochenende war ich auf einem Familientreffen bei meinen Eltern. Auf dem Rückflug von Düsseldorf nach Berlin am Montag wurde ich an der Sicherheitskontrolle am Flughafen, nachdem ich zum ersten Mal seitdem ich mich erinnern kann, ohne Piepen die Schleuse passiert hatte, beim Warten auf meinen durchleuchteten Rucksack und meine Jacke von einem der Herren, die da die Plastikwannen hin und her schieben angeraunzt: “Gehen Sie mal weiter hier!” Ich war latent verdutzt und entgegnete lapidar, dass ich gerne meine Sachen mitnehmen möchte. “Da können Sie auch da hinten warten”, schnauzte es zurück.
Gut, das Ende des Durchleuchtungsförderbandes, gestaltet wie eine Supermarktkasse, würde es ermöglichen, dass man um die zwei, drei anderen Wartenden bzw. diejenigen, die bereits ihre Sachen wieder zusammensuchen, herumgeht, um dann dort, am Ende, zu warten. Könnte man machen. Würde man vielleicht auch – wenn es nicht den natürlichen Trieb geben würde, sich hinter dem, der vor einem gegangen ist, anzustellen. Aber egal ob vernünftig oder nicht, mich regte etwas ganz anderes auf. Nämlich der Ton.
Ich schnauzte jetzt zurück, dass man das Anliegen vielleicht etwas freundlicher formulieren könnte. Und ergänzte, vielleicht nicht ganz deeskalierend, dass es wohl reiche, jemandem sowas wie eine Uniform zu geben, damit er sich aufspielen kann, und dass schließlich die Leute, die hier durchgehen, sein Gehalt bezahlen dürften. Das bemüßigte nun die junge Dame hinter dem Förderband, sich auch noch einzuschalten, wobei ich ihre Worte nicht so recht verstand, weil sich parallel vor mir ein Uniformierter, der die Worte “Polizei” auf seinem Shirt trug, aber aussah wie ein Clown, den sie in ein US-Polizeikostüm gesteckt hatten, vor mir aufbaute und begehrte zu erfahren “was es für ein Problem” gebe. Die Erklärung, ich errege mich über den Umgangston hier und sonst sei nix führten nur dazu, dass er seinem vermutlich im Kurzschulungskurs gelernten “Blick, böse” weiter anwandte.
Ich zog dann von dannen.
Doch drei Fragen bleiben für mich:
- Warum stimmt der Satz, “ich bin nix, ich kann nix, gebt mir eine Uniform” eigentlich doch so oft?
- Warum fallen gerade in Deutschland Dienstleister so unglaublich oft mit einem rüden Umgangston auf?
- Und warum wird auf einem Flughafen, wo diese Leute mit ausländischen Besuchern in Berührung kommen dürften, nicht “wie benehme ich mich richtig und wie heißt gleich das Wort mit den fünf Buchstaben” in den Einführungskurs aufgenommen?
Ach ja, und eine vierte Frage stelle ich mir natürlich auch noch:
- Warum muss die deutsche Polizei eigentlich US-Uniformen kopieren, obwohl
jederdie meisten Beamten darin schlicht aussehen wie die schlechte Karikatur eines Polizisten?
Tags: Düsseldorf, Flughafen, Sicherheitskontrolle, Umgangston
Zur Frage des Verhältnisses der Deutschen zur Uniform hilft Tucholsky weiter.
Z.B. 1913 im “Vorwärts” (den konnte man damals wohl noch lesen) in der Geschichte vom in der Berliner Tram Kontrollierten, der seinen Fahrschein verloren hat (also kein Schwarzfahrer war; na ja, dem wäre so etwas auch nicht passiert): “Hier ist er ganz klein. Denn hier ist das Heiligste an einen Deutschen herangetreten- die Uniform. Und da hört der Spaß auf. … Und das ist eine Misere des deutschen Lebens.”
Oder im Oktober 19328 in der Weltbühne in “Die Beamtenpest (I)”: Wer sich in seiner Straße nicht durchsetzen kann, weil er einen Buckel hat, der zieht sich eine Uniform oder einen Titel an -: Alle sehen nur noch die Uniform, niemand sieht den Buckel.”
Oder im Text “Privat” in der Weltbühne im März 1932: “Sie spielen Dienst. Ob Kellner, Regierungsrat oder Radauknecht bei Hitler -: sie haben eine Uniform an, stehn vor sich selber stramm und glaubt an ihre irdische Mission. Die ist dienstlich.”
Er fehlt, der gute Tucholsky. Heute mehr denn je.