Talkshowdown

Selten verursacht mir Fernsehen direkte körperliches Unwohlsein, geradezu Schmerzen. Fremdschämen vielleicht, manchmal, wenn man wieder – ganz aus Versehen – in “Frauentausch” oder ähnliches zappt. Aber “Hart aber fair” gestern Abend zum Thema ob wir den Israelis nochmal verzeihen wollen wie weit die Solidarität mit Israel geht, das war so ein Ding. Mir geht geradezu das Messer in der Tasche auf, wenn da 70+ Jahre alte männliche(!) “Experten” wie der abgehalfterte frühere Renten- (“die Rente is sischer”) und heutige Nahost-Experte Norbert Blüm daherschwadronieren dürfen.

Schlimm, wenn mir wirklich nur noch Michel Friedman sympathisch (ja, sympathisch, wirklich) ist, weil er offenbar seinen Verstand nicht in der Garderobe vergessen hat und nicht nur noch aus dem Bauch heraus rumpoltert, wie seine Kontrahenten.

Und noch was seltsames zu der Diskussionsrunde – die Besprechung bei “Spiegel Online” (ja, wirklich, Spiegel Online) spricht mir aus dem Herzen:

Wer etwa, wie Norbert Blüm, einen völlig unsinnigen Satz äußert wie “Christen können keine Antisemiten sein!”, verliert seine Glaubwürdigkeit. Und wer, wie Udo Steinbach, den Israelis gleichsam vorwirft, nichts aus dem Holocaust gelernt zu haben – Motto: Wer so Schreckliches erlebt hat, muss doch für immer gegen alles Böse gefeit sein –, steckt derart tief im Schlamassel des Unbewussten, dass er gerade kein Beispiel für das ist, was wir brauchen: Eine freie, mutige und zugleich selbstkritische Diskussion, die nicht “Tabu!” ruft, wo sie offene Türen einrennt

Vielleicht sollte ich lieber abschalten, wenn das nächste Mal Blüm, Steinbach & Co. eingeladen sind.

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Rechtsstaat

In Berlin darf auf der “Friedensdemonstration” gegen den Krieg in Gaza jetzt doch für die Hamas Werbung gemacht werden. Das hat das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg entschieden. Warum, das konnte ich heute nicht rausfinden – die Internetseite des Gerichts wird offenbar am Wochenende eher nicht mit Pressemitteilungen und Beschlüssen bestückt.

Richterschelte ist ja eigentlich nicht ok, aber wenn man sich nur mal diese Sätze aus der Charta der Hamas durchliest, dann fragt man sich schon ob etwas was so in den Köpfen dieser Richter vorgeht:

Artikel 7: Weil Muslime, die die Sache der Hamas verfolgen und für ihren Sieg kämpfen (…), überall auf der Erde verbreitet sind, ist die Islamistische Widerstandsbewegung eine universelle Bewegung. (…) Hamas ist eines der Glieder in der Kette des Djihad, die sich der zionistischen Invasion entgegenstellt. Dieser Djihad verbindet sich mit dem Impuls des Märtyrers Izz a-din al-Quassam und seinen Brüdern in der Muslimbruderschaft, die den Heiligen Krieg von 1936 führten; er ist darüberhinaus (…) mit dem Djihad der Muslimbrüder während des Kriegs von 1948 verbunden, wie auch mit den Djihad-Operationen der Muslimbrüder von 1968 und danach. (…) Der Prophet – Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm, – erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn! (…)

Aber wer eine Israel-Fahne aus dem Fenster hängt, dem kann die Polizei schon mal die Tür eintreten. Ich bin mir fast sicher, es wird sich ein Richter finden, der den Einsatz der Polizei als korrekt bewertet. Selbst wenn dafür das OVG Berlin-Brandenburg nicht zuständig ist.

Aber auch jeder “Friedensdemonstrant” der sich an einer Demo beteiligt, in der für die Hamas geworben wird, muss sich schon fragen, wie denn der “Friede” aussehen soll, für den er da auf die Straße geht. Nur mal noch ein weiterer Absatz:

Artikel 13: Ansätze zum Frieden, die sogenannten friedlichen Lösungen und die internationalen Konferenzen zur Lösung der Palästinafrage stehen sämtlichst im Widerspruch zu den Auffassungen der Islamischen Widerstandsbewegung. Denn auf irgendeinen Teil Palästinas zu verzichten bedeutet, auf einen Teil der Religion zu verzichten; der Nationalismus der Islamischen Widerstandsbewegung ist Bestandteil ihres Glaubens. (…) Für die Palästina-Frage gibt es keine andere Lösung als den Djihad. Die Initiativen, Vorschläge und Internationalen Konferenzen sind reine Zeitverschwendung und eine Praxis der Sinnlosigkeit. Das palästinensische Volk aber ist zu edel, um seine Zukunft, seine Rechte und sein Schicksal einem sinnlosen Spiel zu unterwerfen.

Und wo wir schon beim Thema sind: Es gibt ja Berichte, wonach Israel eine einseitige Waffenruhe verkünden will. Dazu schreibt “Spiegel Online”:

Hamas-Exil-Sprecher Osama Hamdan erklärte, eine von Israel ausgerufene einseitige Waffenruhe habe keine Bedeutung, solange israelische Truppen im Gazastreifen blieben.

Weiterkämpfen, weiterkämpfen, weiterkämpfen – wie war das nochmal mit der “humanitären Katastophe” in Gaza? Und wem geht das offenbar ziemlich am Arsch vorbei ist das weniger wichtig als irgendwelche Forderungen zu stellen?

Bin mal gespannt ob nach der Erklärung der Feuerpause der UN-Sicherheitsrat die weiteren Beschüsse Israels durch die Hamas dann auch mit einer gepfefferten Note verdammt. Oder ob sich da doch ein paar Leute finden, die dafür volles Verständnis haben…

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Eine ganz andere Bankenkrise

Manchmal hat man als Journalist morgens so eine Idee und denkt sich, das wäre doch mal fein. Und leicht umzusetzen. Zum Beispiel am heutigen Donnerstag anlässlich der erwarteten Leitzinssenkung der EZB bei ein paar Banken in Brandenburg nachfragen, wie die denn seit Oktober die inzwischen vier Leitzinssenkungen verarbeitet haben. Wurden Kredite billiger, etwa die Dispo-Zinsen? Und wie haben sich die Guthaben-Zinsen entwickelt?

Die Realität dieser “einfachen Idee”: Der Kollege, der das übernommen hat, hat von 11.30 Uhr bis zum Abend den Banken hinterher telefoniert und hat am Ende dennoch nicht alles bekommen. Warum ist das denn eigentlich so schwer…. oder wissen die Banken echt nicht, wie vor vier Monaten ihre Zinssätze waren? Das würde dann wieder erklären, wie es zu der Finanzkrise kam (Stichwort: Controlling und so).

Zum Nachlesen: Zentralbank dreht an der Zinsschraube – Senkung um 0,5 Punkte / Geldinstitute reagieren unterschiedlich

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Die Sache mit der Rente

Es gibt wenige Themen, bei denen ich als Journalist mehr Leserreaktionen bekomme als bei allem rund um die Rente. Das Thema ist ein Minenfeld – und leider ziemlich kompliziert. Oft zu kompliziert für den Platz, den ein Text in einer Zeitung hat.

Umso mehr hat es mir Freude gemacht, mal eine ganze Seite über die Kontroversen um eine Erhöhung der Ost-Renten und eine Angleichung an das West-Niveau schreiben zu können. Und weil ich das Thema wichtig finde und mir der Text wirklich gefällt, hier an dieser Stelle mal ein klein bisschen Werbung und ein Link zur “Märkischen Allgemeinen”:

Die unvollendete Einheit – Viele Rentner im Osten fühlen sich weiterhin benachteiligt, weil die West-Renten höher sind – doch so einfach ist es nicht

Vor 20 Jahren fiel die Mauer. An diesen Jahrestag wird 2009 häufig erinnert werden. Vielen ostdeutschen Rentnern ist jedoch nicht nach Feiern zumute, weil sie jeden Monat mit ihrer Rentenzahlung daran erinnert werden, dass Deutschland noch nicht völlig zusammengewachsen ist. Der Riss, um den es geht, scheint klein, um genau zu sein beträgt er 3,22 Euro. Denn in den neuen Ländern beträgt der aktuelle Rentenwert, der maßgeblich für die Rentenzahlung ist, genau 23,34 Euro, in den alten Ländern sind es 26,56 Euro. „Der Unmut unter den Rentnern in den neuen Ländern wächst in besorgniserregendem Maße“, mahnt dennoch der Präsident des Sozialverbands Deutschland, Adolf Bauer. (…)

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Mal ein Buchtipp

Nicht dass ich hier in meinem Blog monothematisch zum Nahost-Konflikt schreiben will. Es ist nun mal so, dass ich in meiner kleinen digitalen Stube über das bloggen möchte, was mich gerade beschäftigt. Wobei Dinge, die meine Arbeit und meinen Arbeitgeber berühren in der Regel außen vor bleiben, weil das eben mein privates Ding ist und ich mir von niemanden, auch nicht von jemandem, der mein Gehalt bezahlt, reinreden lassen will. Und ein paar andere Dinge sind mir zu privat, als dass ich sie vor aller Welt ausbreiten will.

Bleibt also derzeit: ziemlich viel Nahost-Konflikt.

Aber heute habe ich mal einen Buchtipp für alle, denen das alles zu kompliziert ist und denen das Messer in der Tasche aufgeht, wenn ich mal wieder mit manchen Losungen der Friedendsdemonstranten wenig anfangen kann. Es ist ein Buch, das sogar unterhaltsam ist. Es ist nämlich ein Krimi – und zwar “Der Verräter von Bethlehem” von Matt Beynon Rees.

Der Inhalt: Omar Jussuf ist Lehrer in Bethlehem. Einer seiner ehemaligen Schüler, ein Christ, wird beschuldigt, als israelischer Kollaborateur den Tod eines Mitglieds der Märtyrerbrigaden auf dem Gewissen zu haben. Doch Omar Jussuf glaubt nicht, dass es so war, wie es scheint, gewesen zu sein. Und er beginnt, praktisch als Privatdetektiv, zu ermitteln. Und dabei stößt er in einem Sumpf von Korruption, Kriminalität und Lüge, wo draußen Freiheitskampf, Aufopferung und Heldentum draufsteht. Und er bewegt sich in einer Welt, die voller Angst und Untedrückung ist – und die resultiert nicht allein von den israelischen Soldaten (wobei Israel, nur um Sorgen mancher meiner Leser gleich zu zerstreuen, auch nicht gut wegkommt).

Jetzt kann man – zu Recht – sagen: Das ist ein Roman, eine Fiktion, eine gute Story. Aber nicht die Realität. Wohl wahr. Ich würde dem aber entgegnen: In einem guten(!) “Tatort” im Fernsehen kann mehr Wahrheit über Deutschland, mehr Sozialkritik, mehr Nachdenkenswertes über die Zustände in unserem Land drinstecken als in einer durchschnittlichen Politiker-Talkshow. So what?

Man muss nach der Lektüre dieses Buches nicht sein Weltbild auf den Kopf stellen – aber man kann sich danach fragen, ob manches denn nicht vielleicht anders sein könnte, als wir es von hier aus sehen. Und dieser Zweifel ist meines Erachtens etwas, was in dem Nahost-Konflikt viel zu selten vorkommt; der ist nämlich gespickt von Leuten, die glauben unumstößliche Wahrheiten zu vertreten. Mit den bekannten Folgen. 327 Seiten die sich lohnen, würde ich sagen.

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The good, the bad and the ugly

Wer sich über den Nahost-Konflikt informieren wollte, der konnte das am vergangenen Wochenende auf mehreren Demonstrationen tun – und zwar aus ganz verschiedenen Blickwinkeln. Am Samstag zog eine pro-palästinensische “Stoppt den Krieg in Gaza”-Demonstration vom Alexanderplatz zum Hauptbahnhof. Am Sonntagmorgen gab es die Luxemburg-Liebknecht-Demo verschiedenster linker Gruppen, ebenfalls unter anderem mit dem Thema “Krieg in Gaza”. Und am Sonntagnachmittag gab es eine “Solidarität mit Israel”-Kundgebung am Breitscheidtplatz.

Auch wenn ich bereits mehrfach geschrieben habe, dass ich bei dem Nahost-Konflikt nicht “neutral” bin, habe ich doch Verständnis für alle, die ganz einfach ein Ende der militärischen Aktionen fordern und die Toten beklagen. Auch auf früheren Friedensdemonstrationen war die Position schließlich nur “keine neuen Raketen”, “kein Krieg” oder was auch immer, ohne damit gleich eine Antwort geliefert zu haben oder liefern zu müssen, wie dann der dahinter stehende Konflikt zu lösen ist. Diese Position, diesen Hinweis auf das Leid der Bevölkerung in Gaza, die Trauer, aber auch die Empörung, nehme ich einem Teil der 6500 bis 8000 Teilnehmer der Demonstration am Samstag durchaus ab.

Abschreckend fand ich aber die ausnahmslos einseitige Darstellung des Konflikts. Israel war dort schuld an allem – an den Toten, an dem Leid, an dem dahinter stehenden, jahrzehntelangen Konflikt. Niemand hat in den dreieinhalb Stunden, in denen ich dort war, an den verschiedensten Stellen der Demo, die Hamas kritisiert. Hat sich gegen den Beschuss israelischer Zivilisten – der seit Jahren andauert – durch Palästinenser geäußert. Oder hat die zivilen israelischen Opfer bedauert. Stattdessen wurden Parolen wie “Israel – Mörderstaat. Israel – Terrorstaat” skandiert. Ich wage zu behaupten, dass “Tod, Tod, Israel” nur deshalb nicht gebrüllt wurde, weil es von der Versammlungsbehörde ausdrücklich untersagt wurde, wie zu Beginn der Demo per Lautsprecher mitgeteilt wurde. Dass das gerufene “Kindermörder – Israel” an gewisse antisemitische Stereotype anknüpft, ist da fast nur noch eine Nebenbemerkung.

Was wäre die Lösung des Konflikts auf dieser Demo? Auch darauf gibt es Hinweise – nämlich Plakate wie “Nieder mit Israel”, “Intifada bis zum Sieg” oder Sprechchöre wie “Israel raus aus Palästina”. Wenn ein Slogan wie “Amis raus aus dem Irak” ja irgendwie noch ein möglicher Lösungsansatz wäre, denn die Truppen kommen aus der Ferne und können auch dahin wieder zurück, so fragt man sich bei “Israel raus aus Palästina” ja schon, was dahinter für ein Gedanke steht – wenn gleichzeitig das gesamte Land zwischen Mittelmeer und Jordan als Palästina beansprucht wird. Wie eine solche “Lösung” ohne weitere Opfer erfolgen soll, dann eben “der anderen Seite”, das erschließt sich mir nicht.

Für mich völlig unerträglich sind dann aber die Plakate, die einem historischen Kurzschluss gleich, die Palästinenser zu den Juden und die Israelis zu den Nazis von heute machen. Da wird die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Getto 1943 mit Gaza 2009 verglichen – was man wirklich selbst beim besten Willen nur noch mit übler Demagogie oder einer absolut miserablen Schulbildung erklären kann. Und die Deutschen werden aufgerufen, mal den Holocaust zu vergessen, denn Israel betreibe selbst einen Holocaust an den Palästinensern. “Deutschland erwache” steht da in bester NS-Diktion auf einem Plakat. Bei allem Verständnis für Wut, Trauer, Empörung – Dummheit, historische Ignoranz und Geschichtsklitterung rechtfertigt das nicht.

Umso schlimmer, dass auch genau diese Getto-Vergleichs-Plakate am nächsten Tag auf der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration unwidersprochen mitgeführt werden. Auf einer Demonstration, auf der vermutlich fast jede beteiligte Gruppe sich als “antifaschistisch” bezeichnen wird. Auch hier gibt es sonst viele Plakate, die sich gegen Israel richten und ein Stopp der Militäraktionen, des Krieges fordern. Aber ich habe auch hier keines gesehen, dass sich gegen die Hamas und deren Terror wendet. Merkwürdig.

Am Sonntagnachmittag dann die Pro-Israel-Kundgebung. Erster Unterschied: Zwar viel “Solidarität mit Israel”-Transparente und Fahnen, aber praktisch nichts, was sich gegen die Palästinenser oder Palästina richtet. Auf einem Plakat, das ich gesehen habe, wurde vom Islamo-Faschismus fabuliert – ganz ohne solche Vergleiche nach dem Motto “die Nazis, das sind immer die anderen” geht es dann doch nicht.

Und noch ein gravierenderer Unterschied: Die Veranstaltung beginnt mit einer Schweigeminute. Für die Opfer des Konflikts, und zwar ganz ausdrücklich die israelischen und die palästinensischen im Gaza-Streifen (irgendwie bezeichnend, dass dieses Schweigen durch Pfiffe und Rufe einer anti-israelischen Gegendemonstration gestört wird). Und praktisch jeder der Redner der politischen Parteien – egal ob Walter Momper für die SPD, Frank Henkel für die CDU oder Klaus Lederer für die Linke – hat neben seiner Solidarität mit Israel auch kritische Worte für die Politik dieses Staates geäußert. Teilweise sehr deutliche kritische Worte. Und es wurden immer die Opfer bedauert – die Opfer beider Seiten. Zwar gab es manchmal Pfiffe für bestimmte Positionen- ganz besonders viele für Franziska Eichstädt-Bohlig von den Grünen, die mir zumindest demonstriert hat, dass sie eher wenig von diesem Nahost-Konflikt weiß, wenn sie Israel immer auffordert, das Gespräch mit der anderen Seite zu suchen -, aber eben nur Pfiffe.

Ich hätte mal gerne am Samstag gesehen was passiert wäre, wenn jemand auf einem Lautsprecherwagen dort der Hamas die Leviten gelesen hätte… Vermutlich wäre dieser Redebeitrag nicht zu Ende geführt worden. Hier, bei den Israel-Unterstützern kann selbst mitten in der Menge jemand pro-palästinensische Flugblätter an Laternenmasten kleben oder ein Schild hochhalten, das auf die 800 Opfer in Gaza hinwieß. Es gab hier keinen solch spürbaren Hass, keine Aggression, wie am Samstag.

Selbst als sich nur zehn Meter seitlich hinter der Bühne eine kleine Gegenkundgebung formierte, die das “Massaker in Gaza” auf einem großen Transparent kritisierte, gab es zwar etliche “Lang lebe Israel”-Rufe der Nahestehenden und ein paar hitzige Wortgefechte, die zu einer Kette der Polizei zwischen beiden Seiten führte. Aber eben nicht mehr. Und von der Bühne wurde nur gesagt, dass man den Gegenprotest befremdlich finde, da am Tag zuvor schließlich auch jene hätten ihre Meinung frei äußern dürfen.

Ich würde es mal so sagen: Es kann sich lohnen, drei Demos an einem Wochenende anzuschauen – um sich selbst ein Bild zu machen.

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An-, aus- und einpacken

Die große Neuerung des Tages hatte Hubertus Heil ja schon gestern getwittert:

Morgen 13:00 Uhr geht unsere neue Seite online. Highlight ist die Multi-Content- Box auf der neuen Startseite.

Hmmm, Multi-Content-Box? Erster Gedanke: Ich mag das Wort “content” nicht. Wenn in unserer Online-Redaktion die Kolleginnen und Kollegen “Content-Manager” heißen, dann finde ich das schon schlimm genug. Journalismus wird da zu irgendwas, was irgendwo drin ist und irgendwie verwaltet wird. Da muss man sich nicht wundern, wenn immer mehr Menschen nicht die Notwendigkeit sehen, für Recherche und Aufbereitung von Themen Geld zu bezahlen; “content” gibt’s schließlich überall, und fast überall für lau. Blöder Name also.

Zweiter Gedanke: Viel-Inhalts-Kiste? Auch komisch, kann ich mir nichts drunter vorstellen. Heute beim Reinschauen habe ich es dann verstanden. Da ist ja so ein komischer SPD-Karton oben rechts in der Ecke, unter dem steht: “Anpacken. Für unser Land”.

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Oh je, ob das nicht in die Hose geht? Mir fällt bei so einem Päckchen ja eher “auspacken” ein. Und die politische Konkurrenz wird da bald “SPD – Einpacken. Für unser Land.” draus machen. Wetten?

Eingepackt hat dann am Abend, als ich nochmal suchen wollte, wo dieses Multi-Dingens vielleicht sonst noch so auf der Seite sein könnte, die ganze SPD. Zumindest im Internet. Da stand dann nur noch:

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Vielleicht haben mehr als 20 Prozent der Wahlberechtigten versucht, ihren Klick bei der SPD zu setzen? Sowas sind die Sozialdemokrat’n und Sozialdemokraten eben gar nicht mehr gewöhnt.

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Die einfachen Wahrheiten

Ich gebe zu, ich bin beim aktuellen Konflikt in Gaza parteiisch. Ich war in Israel, ich kenne Leute in Israel und ich habe Verständnis dafür, dass man auf Dauer nicht einfach ignorieren kann, dass täglich Raketen aus 30 Kilometer Entfernung auf eigenes Land, auf Dörfer, auf Häuser geschossen werden. Ich bin vielleicht auch parteiisch, wenn ich nicht erkennen kann, dass Israel sich als Ziel gesetzt haben soll, die Palästinenser zu vernichten, sondern ja im Gegenteil sich zum Beispiel aus Gaza zurückgezogen hat – gegen erheblichen Widerstand im eigenen Land.

Aber vielleicht ist es ja doch nicht nur Parteilichkeit, sondern gesunder Menschenverstand wenn ich mich frage, wie ernst zu nehmend eigentlich Leute sind, die auf “Friedensdemonstrationen” für Gaza gehen, auf denen dann vorne “Tod, Tod, Israel!” gebrüllt wird. Frieden durch … Ermordung? Da kann man dann bald auch auf Demos gegen Fremdenfeindlichkeit gegen und “Ausländer raus!” brüllen okay finden, weil sich dadurch das Problem ja irgendwie auch lösen ließe. Irgendwie… wenn man ein bisschen anders denkt.

Beispielhaft, wie diese Reflexe “böses Israel” gegen “guten palästinensisches Widerstand” sich dann ins Groteske steigert, mal hier (Hervorhebung von mir) von “Fefes Blog” (das ich zu anderen Themen ja wirklich gerne lese):

Auch das noch: Die israelischen Streubomben sind offenbar auch noch mit Phosphor bestückt (auch die Fotostrecke angucken). Hey, warum nicht noch ein bisschen Anthrax dazu! Und wie wäre es mit ein bisschen Uran? Oh warte, zu spät, macht Israel schon. Hier sind ein paar Gendefekte durch Uranmunition. Ganz toll. Was kommt als nächstes? UNO-Schulen bombardieren? “Medizinische Versuche” an den Gefangenen? Ist ja auch viel billiger als Vergasen so.

Genau, denn die Juden sind ja eigentlich die viel schlimmeren Nazis. Da kommt er wieder, der ur-deutsche Reflex. Wer hat nochmal gesagt: “Nur das mit dem Holocaus, das verzeihen die Deutschen den Juden nie.”

Und was die Uno-Schule angeht: Gerade in Kriegszeiten empfinde ich es als wichtig, beide Seiten zu sehen und zu hören. Ich kann nicht beurteilen, wer “die Wahrheit” (so es die denn gibt) sagt, aber im Newsletter der israelischen Botschaft heißt es dazu:

Am Dienstag sind 30 Palästinenser beim Beschuss einer Schule in Jebaliya durch die israelische Armee getötet worden. Erste Untersuchungen weisen darauf hin, dass Terroristen der Hamas Mörsergranaten vom Schulgelände aus auf israelische Truppen abgefeuert hatten, welche das Feuer dann in Richtung seiner Herkunft erwiderten. Das israelische Gegenfeuer ging außerhalb der Schule nieder; eine Reihe von anschließenden Explosionen deutet aber darauf hin, dass sich innerhalb des Gebäudes Munition und Sprengstoff befanden. Geheimdienstinformationen zufolge sind unter den Getöteten zwei bekannte Mörsergranaten-Schützen der Hamas, Immad Abu Iskar und Hassan Abu Iskar. Unschuldige Zivilisten hätten nicht sterben dürfen; es ist jedoch wichtig zu verstehen, wer wirklich für diesen schrecklichen Vorfall die Verantwortung trägt. Die Hamas begann den gegenwärtigen Konflikt, als sie vor drei Wochen einseitig die Waffenruhe aufkündigte und unprovozierte Raketen- und Mörsergranatenangriffe gegen israelische Städte vom Zaun brach. Dieser Akt der Aggression stellt einen klaren Verstoß gegen das internationale Recht dar und wirft ein Schlaglicht auf eine grundsätzliche Tatsache: Nicht ein einziger Israeli und nicht ein einziger Palästinenser wären zu Schaden gekommen, wenn die Hamas nicht mit die brutalen Angriffe gestartet hätte.

Es gibt ein Video aus dem Jahr 2007, dass das israelische Militär online gestellt hat und dessen Authentizität ich nicht prüfen kann. Es soll zeigen, wie von einem Schulgelände aus Raketen Richtung Israel abgefeuert werden. Zu sehen ist es hier.

Warum kritisieren viele von denen, die für “Frieden in Gaza” sind und gegen die israelische Militäraktionen, bei denen zweifellos unschuldige Zivilisten getötet werden, nicht genauso laut den weiteren Beschuss israelischer Städte durch Palästinenser – ein Beschuss, der sich ganz ausschließlich auf zivile Ziele richtet? Oder wie es die israelische Botschaft, parteiisch, aber in diesem Fall wohl treffend, formuliert: “Die vom Iran unterstützte Hamas weigert sich – als Teil ihrer Strategie -, eine der grundlegendsten Anforderungen des internationalen humanitären Rechts zu befolgen – die Unterscheidung zwischen militärischen Einrichtungen und zivilem Besitz zu unterscheiden.”

Die Hamas kann dazu aufrufen, überall in der Welt Israelis als Reaktion auf den Angriff zu töten. Der internationale Aufschrei hielt sich, nun ja, in Grenzen. Man muss sich vielleicht einen solchen Aufruf nur einmal mit veränderten Nationalitäten vorstellen um zu begreifen, was da gesagt wurde.

Allen, die ihre eigene Position in dem Konflikt zumindest mal hinterfragen wollen, empfehle ich diesen Text von Ulrich W. Sahm aus der “Märkischen Allgemeinen”, der sich mit “Klischees und Wirklicheit” des Nahost-Konflikts auseinandersetzt.

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