Ein großes SM-Studio ist ja eigentlich auch nur ein kleines mittelständisches Unternehmen, das damit kämpft, das alles teurer wird, aber die Preise beim Kunden schwer zu erhöhen sind. Das es nicht leicht hat, qualifiziertes Personal zu finden – und das Mitglied in der Industrie- und Handelskammer (IHK) ist und öfter mal Besuch vom Finanzamt bekommt.
Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich für die “Märkische Allgemeine” eine größere Geschichte über die Erotik-Branche geschrieben. Es war der Versuch herauszufinden, wie viel Geld eigentlich rund um Sex in Deutschland gemacht wird – und wer es macht. Das Ergebnis, die Seite 1 in unserer Beilage MAZ-spezial mit dem Titel “Nackte Zahlen”, war etwas ernüchternd. Wirklich recherchieren lässt sich das auf die Schnelle nicht, man kann nur ein paar Schlaglichter auf das Thema werfen.
Bei der Recherche hatte ich allerdings ein längeres Interview mit Sabine Meyer geführt, die als Lady Mercedes zusammen mit ihrer Partnerin das SM-Studio “Avalon” in Berlin-Spandau betreibt. Im Text vorgekommen ist daraus, wie so oft, nur ein kleiner Teil. Beim Aufräumen habe ich kürzlich das komplett abgeschriebene Interview wiedergefunden und nach Rücksprache mit Frau Meyer darf ich es an dieser Stelle veröffentlichen. Ich finde es extrem interessant und es gibt eine Menge Einblick in eine Branche, die viele neugierig beäugen – aber nur aus sicherer Entfernung. Und ohne dass sie es je zugeben würden.
Es ist eine Materialschlacht geworden
Betreiberin eines SM-Studios – da denkt man an ein dickes Bankkonto, den Porsche vor der Tür und ein finanziell ausgesorgtes Leben.
Sabine Meyer: Unsere Stundenpreise liegen bei 220 Euro. Das klingt erstmal so, als ob hier wahnsinniges Geld verdient wird. Aber wir müssen einen enormen Aufwand betreiben, um Menschen mit diesen anderen Fantasien einen Rahmen zu bieten, in dem sie sich aufgehoben fühlen. Da fließt wirklich viel Geld hinein. Um das mal deutlich zu machen: Das fängt schon damit an, dass es warm sein muss, dazu sind 400 Quadratmeter zu heizen. Und dann kommt ja auch nicht jede Stunde ein Gast.
Wenn schon dieses Klischee nicht stimmt, fangen wir doch vorne an. Wie wird man denn Studio-Betreiberin?
Meyer: Man muss eine Veranlagung dazu haben. Man muss eine Liebe zu SM haben, man muss das auf jeden Fall mögen. Man wird nicht einfach so SM-Studio-Betreiberin oder Domina. Wichtig ist auch, dass man diese Mode gerne mag. Und man muss auch bereit sein, sich in dieses Leben hineinfallen zu lassen. Man ist ja nicht in einer festen Arbeitssituation, man muss sich um alles selber kümmern.
Was heißt das praktisch?
Meyer: Zunächst fängt es an mit einer Neigung. Dann geht es damit weiter, dass man sich ein vernünftiges Studio sucht – so wie unseres – und sagt, ich möchte das lernen. Dann lernt man das und dann bekommt man schon mit, durch Feedback von Gästen und Kolleginnen, ob man ambitioniert ist oder nicht. Erst wenn man eine solche Ausbildung bekommen hat und damit fertig ist, dann kann man hier einsteigen.
Ausbildung, das klingt ja richtig wie einen Beruf lernen…
Meyer: Das ist wie einen Beruf lernen. Das ist wirklich hochkomplex, was die Frauen hier machen mit den Leuten, das ist sehr anspruchsvoll. Das ist nicht so, dass man sich denkt, man hat sich hier mal eine Peitsche gekauft und dann geht es los. Aber genau das ist leider das Klischee. Ich würde es so formulieren: Ein Arzt wird auch sagen, seinen Job könnte nicht jeder machen, dazu gehört eine bestimmte Veranlagung dazu. Aber selbst wer die hat, muss noch eine Menge lernen, bevor er in der Praxis stehen kann.
Was macht den Beruf einer Domina aus Ihrer Sicht so anspruchsvoll?
Meyer: In unserem Beruf gehen wir viel mit dem menschlichen Körper um – und der menschliche Körper ist sehr sensibel. Man muss genau wissen, wie man jemanden hinstellt, wie man jemanden fixiert. Wo darf ich meine Seile anbringen und wo nicht? Das muss man wissen. Wenn man den menschlichen Körper so sieht, dann gibt es eine Menge neuralgischer Punkte. Das darf ich nicht machen und das darf ich auch nicht machen, aber das kann ich machen. Es ist sicher kein Zufall, dass wir sehr viele Frauen haben, die aus dem Krankenpflegebereich kommen. Ich selbst übrigens auch. Dieser Beruf im Studio, das hat schon was mit behandeln zu tun, wir behandeln Menschen. Mit Freude und mit Lust. Und das muss man sich dann auch trauen, da muss man auch über ein gesundes, freudvolles Maß Sadismus verfügen wenn man in diesem Beruf arbeitet.
Und abgesehen von diesen körperlichen Sachen, die man wissen muss, gibt es ja auch noch die total wichtige psychologische Seite. Wie man mit jemandem kommuniziert und erfährt, was er möchte. Das ist nochmal die ganz andere Seite, neben dem Wissen über den menschlichen Körper. Das ist diese soziale Kompetenz, dass ich weiß, wie weit kann ich gehen? Wie tickt diese Person? Was sind seine Fetische, worauf steht er, was geht in seinem Kopf vor? Denn manche Fantasien sind ja schon ziemlich abstrus.
Wie ist das konkret, bei Ihnen meldet sich eine Frau und sagt einfach, ich würde das jetzt gerne beruflich machen…
Meyer: Die Frauen müssen eine Bewerbung schicken oder anrufen. Wenn sich die Email oder Stimme vernünftig anhört, dann geht es weiter. Es gibt so bestimmte Punkte wo eine Stimme ganz gruselig ist oder die Frau nicht in der Lage ist, drei zusammenhängende Sätze zu artikulieren, oder die Email ist gespickt mit Fehlern, dann weiß man ganz genau, die kommt nicht in Frage. Aber wenn jemand da ist, der sich vernünftig anhört, dann kommen die Damen meist hierher und dann führen wir ein sehr ausführliches Gespräch. Wenn jemand sagt, ich habe mich damit schon beschäftigt, dann gibt es so ein paar Fragen, wo man abtestet, ob das stimmt. Dann gibt es Frauen die sagen, ich habe überhaupt keine Ahnung, aber ich möchte das einmal ausprobieren, ob das für mich was ist.
Auf jeden Fall werden wir klar am Anfang sagen, was auf eine Frau zukommt. Das bedeutet, die ersten zwei Monate so viel Arbeitseinsatz wie möglich, mindestens zweimal die Woche sechs bis sieben Stunden im Studio sein, wo sie nur zuschaut, nur lernt, und kein Geld verdient. Wenn das nach dieser Zeit vernünftig aussieht – und die Frauen sind ja dann auch heiß und wollen arbeiten und alleine eine Session gestalten – dann macht man Werbung, macht ordentliche Fotos, die ins Internet gestellt werden, und hofft, dass die Gäste diese Frau dann auch attraktiv finden.
Werden die Frauen dann bei Ihnen eingestellt?
Meyer: Nein. In so einem großen Studio, wir sind ja fast 15 Leute, geht das gar nicht. Wir vermieten unsere Räume. Die Frauen zahlen eine Nutzungspauschale für die Zeit, in der sie hier tätig sind. Sie nutzen ja unsere Räume, die komplett eingerichtet sind. Den Stundensatz bekommt die Frau, muss aber davon ihre Miete an uns und ihre Steuer an das Finanzamt abführen.
Sie haben ein normales Gewerbe angemeldet?
Meyer: Natürlich, wir sind ja auch kein Prostitutionsbetrieb. Wir sind ordentlich angemeldet und im Handelsregister eingetragen als Filmstudio, dominante Begleitung und Handel mit Fetischmode. Das sind unsere drei Standbeine. Zu uns kommt regelmäßig das Finanzamt und guckt nach. Das sind alles Sachen, die gut funktionieren. Wir zahlen Steuern und wurden auch schon immer mal wieder geprüft. Glauben Sie, bei uns schauen die Obrigkeiten ganz genau hin! Wenn eine Frau zu uns kommt heißt das deshalb auch, dass wir als erstes mit unserer Vereinbarung wedeln. Hier kann niemand arbeiten, der keine Steuernummer hat und nicht angemeldet ist.
Sind Sie damit auch Mitglied bei der Industrie- und Handelskammer?
Meyer: Ja. Wir bezahlen jedes Jahr unseren Beitrag, aber mehr ist da auch nicht. Die melden sich ab und zu mal, mit so einem allgemeinen Rundschreiben. Zum Beispiel fragen sie regelmäßig, ob wir Ausbildungsplätze liefern können oder so (lacht). Aber sonst gibt es keinen speziellen Kontakt.
Und die Prüfer vom Finanzamt schauen nicht seltsam, wenn sie in Ihr Studio reinkommen?
Meyer: Ach, das ist für die Prüfer inzwischen genauso normal wie für uns. Es gibt vielleicht mal eine kleine Bemerkung, weil die Frauen ja auch in Lack und Leder gekleidet sind und ein bisschen anders aussehen. Da kriegt der eine oder andere schon mal ein Auge. Und die Polizei kommt uns ja auch in regelmäßigen Abständen besuchen und redet mit den Frauen, ob sie wirklich freiwillig hier sind. Das ist alles ganz normal.
Das Studio ist im Gewerbegebiet, direkt neben BMW. Finden die das nicht ein wenig befremdlich?
Meyer: BMW kriegt uns sowieso nicht mit. Es ist eben was ganz anderes, wenn man ein dominantes Studio betreibt oder ein Bordell. Unsere Gäste sind diskret, hier würde nie jemand laut die Treppen hochpoltern. Die gehen hier rein, gemessenen Schrittes, und wollen vor allem nicht auffallen. Das ist in einem Bordellbetrieb anders, da kommen ja mal Gruppen von Männern, die sich laut unterhalten oder im Treppenhaus Spaß haben. Das ist bei uns anders, unsere Gäste kommen alleine, diskret. Es gibt hier vielleicht im Gewerbegebiet selbst einige Mieter, die finden das nicht so toll, aber die sind trotzdem alle höflich und grüßen uns.
Und es gibt auch Mieter, mit denen verstehen wir uns extrem gut, mit denen arbeiten wir zusammen – zum Beispiel eine Eventagentur. Das ist eine Win-Win-Geschichte. Den Vermieter selbst kennen wir schon sehr lange. Wir sind erst seit einem Jahr hier, früher waren wir in der Kantstraße, da waren wir fast neun Jahre in einem Mietshaus. Und da sind wir auch gut zurechtgekommen. Unser Gewerbe ist ein leises. Wenn jemand auf dem Bock liegt und Senge kriegt, dann schreit er ein bisschen, ok. Aber sonst ist unser Gewerbe ein sehr diskretes, unsere Kunden wollen nicht gesehen werden.
Mit einem Bock alleine ist es ja nicht getan. Wie finanziert man ein solches Studio, geht man da zur Bank und legt einen Businessplan vor?
Meyer: Nein, da muss man schon Freunde haben, die einem Geld leihen. Von der Bank haben wir nichts bekommen. Wir haben das früher mal versucht, aber das war ein No-No. Und dann haben wir es gelassen.
Aber das Geld wäre doch gut investiert, man hat den Eindruck, SM ist eine Boombranche.
Meyer: Eine Boombranche war es eher vor 20 Jahren. Mittlerweile ist SM so alltagstauglich geworden, dass es nicht mehr das große Geheimnis ist. Wenn man sich normal durchs Leben bewegt, dann steht da eben eine Frau in der Lackhose an der Bushaltestelle. Es ist einfach schon viel mehr im Alltag zu sehen, was die Kleidung anbelangt. Im Fernsehen wird man mit der SM-Geschichte zugemüllt. Nein, das ist keine richtige Boombranche. Stattdessen ist es eine Materialschlacht geworden. Ein gutes SM-Studio muss dieses und jenes haben, sonst ist es kein gutes SM-Studio. Ein Latex-Vakuum-Bett ist zum Beispiel irre teuer, 1500 Euro, aber das muss man haben – für ein paar Gäste, die das wollen. Man hat Tausend Gummianzüge, damit jeder, egal ob er einen dicken oder dünnen Bauch hat, in so eine Gummihaut hineinpasst. Wo es wirklich boomt, da ist bei den ganzen Leuten, die das herstellen.
Wie viel muss man denn in so ein Studio reinstecken?
Meyer: Ich will ihnen nicht sagen, was hier so alles drinsteckt, das ist breathtaking. Allein was in unserem Gummistudio an den Wänden hängt, ist enorm.
Wie viele Studios gibt es denn in Berlin?
Meyer: In Berlin gibt es in der Stadt so 15 Studios, die einigermaßen funktionieren. Wir sind dabei das größte. Es gibt einige andere, sehr gute, aber die haben alle nicht die Möglichkeiten, die wir haben. Die haben vielleicht zwei oder drei Räume, aber wir haben 420 Quadratmeter. Und dann gibt es noch ein paar Prostituierte, die sich ein Kreuz an die Wand geschraubt haben, und sich als SM-Studio bezeichnen, es aber nicht sind.
Was ist ein SM-Studio und was nicht?
Meyer: Mein Verständnis von einem SM-Studio ist: Wir sind kein Bordell und es geht bei uns nicht um Geschlechtsverkehr. Vielleicht gibt es am Ende auch das Glück des Mannes, aber es geht nicht vordergründig um Geschlechtsverkehr. Wir verkaufen etwas ganz anderes. Wir verkaufen bizarre Träume, wir verkaufen Rollenspiele, wir verkaufen fetischistische Träume. Wir verkaufen ganz andere Dinge als andere Leute. Wir sind mit einer Handvoll Studios die einzigen, die darauf wert legen, dass wir nicht Prostitution verkaufen. Wir sehen uns als Sexualtherapeuten, das ist eine andere Kategorie. Da fühlen wir uns wohl und zu Hause. Es ist eine Art von Körpertherapie. Wir wollen es Menschen leichter machen. Es geht um Wohlfühlen, um Druckabbau, darum sich zu spüren.
Letzteres würde vielleicht manche Prostituierte auch über sich und ihr Geschäft sagen.
Meyer: Absolut. Ich habe nichts gegen Prostituierte. Wir haben Frauen, die sind da ausgestiegen, weil sie auf diese Körperlichkeit keine Lust mehr hatten, und das sind ausgezeichnete dominante Frauen geworden. Wir haben aber keine Gäste die hierher kommen, um ausschließlich und nur Geschlechtsverkehr zu haben. Und die wollen wir auch nicht.
Wie sehen Sie Ihre eigene Rolle, verstehen Sie sich als Chefin eines kleinen Unternehmens oder sind Sie die oberste Domina?
Meyer: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust, das der Geschäftsfrau und das der leidenschaftlichen dominanten Führerin. In den Part der Geschäftsfrau bin ich so reingewachsen. Ich leite dieses Studio mit meiner Partnerin zusammen, wir sind ein gutes eingespieltes Team seit vielen Jahren. Wir sind auch der kreative Kopf der ganzen Angelegenheit, wir sind die Ausbilderinnen unserer Damen. Und wir empfangen auch noch hin und wieder eigene Gäste. Wenn ich meine Gäste empfange fühle ich mich ausschließlich der Dominanz verpflichtet. Neben diesem Studio haben wir noch die Residenz, das ist eine Geschichte, die meistens während des Sommers läuft. Da haben wir Events mit verschiedenen Mottos, da geht auch viel Energie rein. Meine Partnerin und ich, wir sind jeden Tag gefordert. Das Studio hat von 365 Tagen 360 Tage offen.
Um nochmal aufs Finanzielle zurückzukommen, ein Klischee des Studiobesuchers ist ja auch, dass Geld keine große Rolle spielt, dass die erfolgreichen Geschäftsmanner sich die Klinke in die Hand geben. Stimmt das?
Meyer: Die Leute legen ja nicht ihre Visitenkarten auf den Tisch. Aber manchmal sieht man im Fernsehen schon jemanden und sagt sich, “ach, der war das?” Generell haben wir sicher keine armen Gäste. Einen Stundensatz von 220 Euro kann sich niemand leisten, der auf sein Geld schauen muss. Aber es sind nicht die ganz, ganz Reichen, wenn auch schon eher die Anzugträger. Es passiert auch nur ganz, ganz selten, dass wir Trinkgeld bekommen. Wenn die erste Stunde 220 Euro kostete und jede weitere Verlängerung 200 Euro, dann legt der 420 Euro hin und keine 450 Euro. Man gibt dann eben auch Wechselgeld raus. Die Leute schauen wirklich alle aufs Geld. Und es gibt auch kein solches Puff-Gebahren, dass jemand 10.000 Euro auf den Tisch legt und sagt, verwöhnt mich mal. Das geht bei uns auch nicht. Die Leute haben eine klare Vorstellung, was sie erleben wollen. Teilweise ist das minutiös vorgeplant und streng ritualisiert.
Die Frauen zahlen von ihren Einnahmen die müssen Nutzungsgebühr an Sie, dazu Steuern und Versicherung. Das ganz große Geld bleibt davon nicht übrig.
Meyer: Das ist in der Tat so. Das ist ja die Ungerechtigkeit, dass die Leute immer denken, “ach ja, die lebt ja von der Prostitution, die hat so ein großes Studio, die muss ja ein Schweinegeld verdienen”. Das ist wirklich nicht so. Als ich vor zehn Jahren mit meiner Partnerin angefangen habe, da hatten wir eine Wohnung. Wir waren alleine und es ging uns wirtschaftlich wirklich gut. Dann sind wir immer größer geworden, immer mehr Frauen, den ganzen Aufwand, den wir betreiben, die ganzen Quadratmeter, die wir haben – aber es ist trotzdem so, dass wir damit nicht reich werden können. Wir sind Sklave unseres eigenen Imperiums. Auf der anderen Seite macht es aber auch so viel Spaß. Wenn man etwas gefunden hat, was einem Spaß macht und was einem Platz für seine Kreativität lässt, dann ist es das auch wert. Wir haben ja mit so wenig angefangen und es ist so viel daraus geworden. Wir scherzen manchmal, wenn wir die Nase voll haben, jetzt müsste jemand kommen und uns die Summe sowieso bieten, dann würden wir verkaufen. Aber wir hatten gerade zehnjähriges Jubiläum und da haben wir gesagt, zehn Jahre machen wir es noch.
Zehn Jahre, 20 Jahre, das ist alles eine ziemlich lange Zeit…
Meyer: Ja, auch das ist anders als in der Prostitution. Bei uns entstehen gewachsene Beziehungen zu den Gästen. Wir sind nicht ihre Ehefrauen, aber es gibt teilweise sehr intime Beziehungen, wo es auch persönliche Worte gibt. Ich begleite manche Leute schon seit 20 Jahren, seitdem ich diesen Beruf mache. Als Domina ist man eben auch noch interessant und attraktiv, wenn man über 40 ist.
Das Klischee ist doch, die Frauen machen das ein paar Jahre lang und dann eröffnen sie eine schicke Boutique. Kommt das vor?
Meyer: Das ist totaler Quatsch. Ich weiß gar nicht, wo dieses Vorurteil herkommt. In den 20 Jahren habe ich nicht eine getroffen, die das Glück hatte, den Prinzen zu treffen, der die monatliche Apanage locker macht, damit sie ein gesegnetes Leben hat. Das sind alles Frauen, die für das, was sie verdienen, echt hart arbeiten müssen.
Ist das eher ein Haupt- oder Nebenberuf?
Meyer: Wir haben hauptberufliche Damen, aber die sind nicht nur bei uns. Das würde sie nicht ernähren. Viele von unseren Damen gehen nach Süddeutschland, weil sie da mehr verdienen. Berlin ist das Armenhaus der Republik, In München oder Nürnberg liegt der Stundensatz bei 250 Euro und da gibt es keinen geringeren Preis für die Folgestunden. Das sollte man sich in Berlin mal trauen, da würde man von allen abgestraft. Eine Preiserhöhung wird in der Fetischgemeine und von der Gästeschaft nicht wohlwollend aufgenommen.
Wie kommen solche regional einheitlichen Preise zustande, gibt es da Absprachen oder sowas wie ein Kartell?
Meyer: Nein, überhaupt nicht. In Berlin ist das einfach der übliche Preis, der ist so entstanden. Ich kann mich erinnern, früher kostete eine Stunde 300 Mark, als ich anfing. Und dann wurde es erhöht auf 400 Mark, das hat sich so ergeben. Seit Einführung des Euro sind wir bei dem Preis, den wir jetzt haben. Da denkt man natürlich darüber nach, wenn man seine Heizkostenrechnung anschaut, die jedes Jahr steigt. Aber eine Preiserhöhung kann man sich nicht erlauben. Dann bleiben die Gäste weg und in Foren im Internet wird geschrieben, was für ein geldfressendes Monster man ist.
Aber wenn Ihr Studio doch so groß und gut ausgestattet ist, dann könnten Sie doch sagen, bei uns ist alles auch etwas teurer?
Meyer: Es ist eher umgekehrt. Es gibt kleine Studios, die weniger bieten, bei denen kostet die Stunde dann nur 150 Euro. Aber, richtig, da gibt es dann auch diese Ausstattung nicht.
Ist das eher ein kollegiales Miteinander mit den anderen Studios oder harter Konkurrenzkampf?
Meyer: Man freut sich natürlich, wenn man tolles Feedback über sich hört. Und feixt, wenn man im Forum liest, wie es dem bei der oder der gegangen ist und es sich ganz schrecklich anhört. Aber man hat schon Kontakt zu ein paar Studios.
Sie haben gesagt, manche Frauen haben SM früher privat schon gelebt. Wie ist das, wenn man es dann beruflich macht. Hängt das einem irgendwann zum Hals raus?
Meyer: Stimmt, viele Frauen kommen aus der privaten Initiative heraus. Wenn man es beruflich macht, dann hören die privaten Geschichte und Spiele bei den Frauen auf. Aber wenn es einem auf die Nerven geht oder man keine Freude mehr hat, dann ist es der Zeitpunkt, wo man auch mal aufhören muss. Wir haben Studentinnen, die zwei Tage die Woche arbeiten. Wir haben da flexible Zeiten. Es gibt Mütter, die sind nur von 12 bis 16 Uhr da, weil dann die Kinder aus der Kita abgeholt werden müssen. Es gibt auch hauptberufliche Frauen, aber allein in Berlin können die ihr Geld nicht zusammenpeitschen. Das sind dann Reisefrauen, die gehen dann nach Frankfurt, die gehen nach München. Unsere Frauen sind alle auch in anderen Studios in Süddeutschland oder in Hamburg mit beschäftigt; nur so funktioniert das, wenn man sich ein Auto oder dies und das leisten will.
Das Studio Avalon hat eine ausführliche Website, mit einem geschützten Bereich mit Fotos und Videos. Ist das in erster Linie eine Werbemaßnahme, um Kunden ins Studio zu bekommen oder bietet das Netz eine weitere Einnahmequelle?
Meyer: Das hat wirklich mal als Werbemaßnahme angefangen. Das ist auch etwas, was gewachsen ist – und sich zu einem wichtigen Standbein entwickelt hat. Das war auch der Grund, warum wir die Residenz gemietet haben, weil wir davor nur im Studio produziert haben. Das war langweilig, weil irgendwann jede Ecke mehrfach abgefilmt war.
Das heißt, Sie produzieren selbst Filme?
Meyer: Ja. Wir produzieren in der Regel drei bis vier Filme im Monat. Wir schreiben das Drehbuch, Filmen selbst, machen die Fotos. Das ist wirklich auch unser Job.
Könnte man sagen, dass nicht nur vor der Kamera, sondern auch mit dem Gast im Studio Ihr Beruf etwas von Schauspielerei hat?
Meyer: Absolut. Dieser Beruf bietet tatsächlich zahlreiche Facetten. Wenn wir in diesen Raum gehen, dann ist – tata! – die Bühne eröffnet. Dann schlüpfen wir in jede Rolle, die es gibt. Wir sind die Lehrerin, die Ärztin, die Henkerin. Wir sind alles, was sich jemand in seiner Fantasie vorstellen kann.
Kommt man sich da nicht manchmal albern vor?
Meyer: Man spielt absolut diese Rolle, eben wie ein guter Schauspieler. Und es ist wünschenswert, dass ein Gast, der sich das vorstellt, in seiner Rolle mitgeht. Wenn ich vor jemandem als Gefängniswärter herumspringe und was von den Regeln der Gefangenschaft erzähle und der sich nur kaputtlacht, dann wären wir kein so gutes Team. Der muss dann schon ein entsprechend erschrockenes Gesicht machen. Aber wenn jemand Geld bezahlt und in ein Spiel eintauchen will, dann verhält er sich auch so. Erst wenn er diesen Lustgewinn hat, dann haben wir auch einen Lustgewinn.
Freut man sich also hinterher, wenn ein Auftritt supergelungen war, oder ist einem selbst das dann schon wieder egal?
Meyer:Natürlich freut man sich über ein gelungenes Spiel, eben weil man auch selbst Spaß daran hat. Ein gelungenes Spiel kann mir den ganzen Tag versüßen, ein misslungenes Spiel kann den ganzen Tag für miese Laune sorgen.Jeder Gast sollte beim Gehen schon mit Vorfreude daran denken, wann er uns das nächste Mal besuchen wird.
Die Branche funktioniert mit Männern als Gästen und Frauen, die einen Service anbieten. Das Angebot mit umgekehrter Rollenverteilung gibt es nicht.
Meyer: Das ist in der Tat so. Es passiert sehr selten, dass wir Frauen als Gäste haben. Wir hatten früher auf unserer Internetseite auch einen Artikel für Frauen, denn wir haben Kontakt zu einem sehr guten Bondage-Meister, der auch Frauen behandelt. Der ist sehr frei verfügbar, aber er hat sehr wenig Termine, weil es echt wenig Frauen gibt, die sich diesen Luxus zugestehen und leisten.
Woran liegt das?
Meyer: Frauen sind anders gestrickt. Keine submissive Frau wird feucht, wenn plötzlich ein dominanter Mann die Bühne betritt. Da muss vorher schon etwas passieren.Bei Männern ist das anders. Der Gast ist nackt im Raum, plötzlich betritt die Dominaseiner Träume den Raum und schon ist er in seiner Rolle, ein Mann kann sich da viel schneller hingeben oder in eine Situation fallen lassen, Bei Frauen passiert viel mehr übers Hirn, das ist halt so.
Trotzdem ist es doch erstaunlich, dass wir seit zig Jahren über Emanzipation reden, aber nicht nur der SM-Bereich, sondern auch andere Erotik-Angeboten fast ausschließlich auf Männer als Kunden ausgerichtet sind.
Meyer: Es ist aber auch so, dass das Angebot teilweise so schlecht ist. Ich weiß von Kolleginnen, die haben sich schon hin und wieder mal einen Dressman bestellt – und das sind dann aber auch echte Gurken. Es gibt keinen Richard Gere als hinreißenden Gentleman. Umgekehrt, wenn man in ein schönes Bordell geht, da sitzen einem Frauen gegenüber, die sind traumschön und die haben was in der Birne. Genau wie hier. Unsere Frauen sehen extrem gut aus und haben auch was im Kopf. Das ist auch ein Vergnügen, sich mit denen zu unterhalten.
Um zum Abschluss nochmal zum Anfang zu kommen, was machen Sie denn für einen Umsatz im Monat?
Meyer: Kein Kommentar
(Fotos: Sabine Meyer (2), Screenshot)

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