Peinlich

Es gibt viele peinliche Dinge im Leben. Das peinlichste ist aber im zweiten Leben das zweite Leben. Second Life. Das gab’s mal einen Hype. Einen kurzen und heftigen. Aber ist spätestens seit dem Sommer vorbei. Inzwischen spricht da niemand mehr davon. Zumindest niemand, der noch klar bei Verstand ist.

Und jetzt kommt der Tüv Nord. Und schickt eine Pressemitteilung seinen Redaktions-Service. Und freut sich ganz diebisch mit der Schlagzeile: “Tüv Nord in Second Life – Kompetenz künftig auch auf 3D-Plattform im Internet erlebbar”. Und der Vorsitzende Dr. Guido Rettig wird mit irgendwas zur “Zukunftsaufstellung unseres Unternehmens” zitiert. Der arme, was ihm da irgendwelche PR-Klitschen empfohlen haben?

Und dann gibt’s sogar noch Fotos auf der entsprechenden Tüv-Internetseite. Zum Beispiel dieses hier

mit der tollen Bildunterschrift: “Dr. Guido Rettig (links) legt den Grundstein zur Second Life-Präsenz der TÜV NORD Gruppe. Rechts IT-Leiter Gunnar Thaden.”

Und ich frage mich gerade, will nicht jemand mal einen virtuellen Film “Halbe Treppe” in Second Life drehen? Das wäre sozusagen die Autohaus-Szene der virtuellen Welt. Und dann säuselt jemand den Tüv-Nord-Satz leise ins Mikrophon:

Ein Engagement, das die Tüv Nord Gruppe als aktiven Teilhaber und Treiber auf diesem medialen Zukunftsfeld frühzeitig(sic!) positionieren will…

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Drückerkolonne

Der Deutsche Fachjournalisten Verband hat ja offenbar ein paar gute Thesen zum Thema Web 2.0 & Journalismus aufgestellt, allerdings finde ich die Mitgliederwebung, die diese Organisation betreibt, inzwischen mehr als grenzwertig.

Im aktuellen Brief werde ich da angehauen, man habe die tolle Testmitgliedschaft noch bis 15. November verlängert – und deshalb solle ich mal überlegen. Fett gedruckt sind dabei in dem Schreiben die Worte “beitragsfrei”, “nur 95 Euro”, “über 7200 Mitglieder” und “Leistungsspektrum”. Und außerdem: “anderen Journalistenverband”, “Kündigung”, “Nachweis”.

Denn man bietet mir nicht nur eine kostenlose Testmitgliedschaft in einem Billigverband an, sondern man kündigt auch gleich meine bestehende Mitgliedschaft woanders. Das ist ja wie beim Stromversorger.

Aber vielen Dank, lieber Fachjournalistenverband, wer so sehr auf den Preis abzielt und der Konkurrenz eins auswischen will, dem werde ich die Vertretung meiner berufsständischen Interessen nicht anvertrauen. Von weiteren Zusendungen bitte ich abzusehen – andernfalls weitere Unmutsäußerungen an dieser Stelle.

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Liebe Bundesbank,

vielen Dank dass Du mich zu Deinem Empfang “50 Jahre Deutsche Bundesbank” am1. November nach Berlin einlädst. Auf dem Beiliegenden Formular steht aber “Um Rückantwort wird gebeten bis 11. Oktober 2007″. Heute ist blöderweise schon der 18.

Und auf dem Potsstempel ist der 17. Oktober drauf.

Aber, ok, bei der Euro-Einführung warst Du wirklich spitze, pünktlich und ganz total korrekt mit allen Daten.

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Alles ist gut

Das Fachmagazin für modernen Journalismus, das im Verlag Hubert Burda Media erscheinende Heft “Das Haus”, berichtet: “Zeitunglesen nach Feierabend wichtig.”

Immerhin 30 Prozent der befragten “1000 Frauen und Männer ab 14 Jahren”, so heißt es in der Pressemitteilung, würden, sobald sie nach Hause kommen, “Zeitung lesen und Post aufmachen”. Nur vier Prozent schauen zuerst nach den Blumen. Wow.

Wenig überrascht hat mich, dass sich nur 14 Prozent “erzählen, was sie tagsüber erlebt haben”. Ich erzähle mir das eigentlich nie abends nochmal, ich war ja schon den ganzen Tag dabei. Oder haben die Presseprofis von Hubert Burda Media da nur ein bisschen unglücklich formuliert?

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Sprachgefühl

Aus einer AFP-Tickermeldung über eine Firma, die künfitig im Irak gefertigte Kleidung in die USA exportieren will:

In den USA wird demnächst Bekleidung „Made in Irak“ verkauft. Damit werde ein erster Schritt auf dem umkämpften US-Markt gemacht, sagte Vize-Industrieminister Sami el Aradschi am Sonntag vor Journalisten in Bagdad.

Da sieht man mal wie unterschiedlich die Worte “kämpfen” und “umkämpft” auf den Wirtschaftsseiten und in Zusammenhang mit dem Irak gelesen werden (können).

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Das schlechte Beispiel

Und wenn ich heute schon zwei mal zum Thema “Kundenservice” geschrieben habe, gleich noch ein Eindruck von der “anderen Seite”. Denn als Journalist ist man ja selbst auch Dienstleister, der ein Produkt für seine Kunden erstellt. Und da kommt es immer mal wieder vor, dass Dinge unklar bleiben – wo genau muss ich einen Antrag auf Opferrente stellen? – oder sich blöderweise Fehler eingeschlichen haben.

Dann schicken die Kunden, also unsere Leser, Briefe. Oder, was öfter vorkommt, als ich mir jemals hätte vorstellen können, sie rufen an. Dann bemühe ich mich um Höflichkeit und gebe gerne auch Fehler zu, weil ich mich vor allem als Dienstleister sehe, und nicht zuerst als “vierte Gewalt im Staate”. Meistens kann man den Kunden auch recht schnell weiterhelfen oder sie sind zufrieden, wenn man einen Irrtum einräumt. Manchmal ist es aber auch richtig schwierig.

Wenn am Freitag ein Leser anruft und zunächst mal unsere Dame im Call-Center rund macht, wegen irgendwelcher Fehler im Börsentableau. Die weiß von nichts, erreicht im Ressort in diesem Moment niemanden – und hinterlässt deshalb einen Rückrufwunsch per Mail “nach 14.30 Uhr” bei uns. Und wenn man dann anruft, geht es richtig los.

Er wolle jetzt mal ausholen, sagt der Leser Continue reading

Billiger Schweinkram

Journalisten bekommen jeden Tag merkwürdige Dinge in ihre Redaktion geschickt. Und da meine ich jetzt nicht nur diese Pressemitteilungen, bei denen man auch beim dritten Überfliegen nicht weiß, worum es ansatzweise gehen könnte. Nein, ich meine größere Dinge – Päckchen und Pakete.

Manchmal sind da ungefragt Bücher drin. Das sind in der Regel die Bücher, die niemand zur Rezension bestellt hat. Oder die im Eigenverlag erscheinen. Oder so etwas.

Manchmal, vor allem vor Weihnachten, sind es aber auch Präsente. Häufig von Firmen, von denen man das ganze Jahr nichts (oder noch nie) etwas gehört hat. Da sind dann Nürnberger Stollen drin, mal ein Fläschchen Wein oder auch mal ein komplett fertig geschmückter Weihnachtsbaum. Die werden dann im Haus munter hin und her geschenkt oder kommen auf den Ressort-internen Gabentisch und werden dann, kurz vor den Feiertagsferien, verteilt.

Manchmal kommen Pakete aber auch einfach so, mitten im Sommer.

Päcken zu

Die Firma Eis hat gestern jedem Wirtschaftsredakteur und unseren beiden Chefredakteuren ein solches Päckchen geschickt. Eis klingt, angesichts des wiedergekommenen Sommers, ja ganz angenehm. Aber so richtig glauben, dass a) ein Eishersteller “Eis” heißt und b) dass sich Eis in 08/15-Päckchen verschicken lässt, konnte ich ja auch nicht. Der Inhalt war dann weniger eis als, nun ja, heiß? Nicht wirklich, aber des Wortspiels wegen:

Päckchen auf

Ein Vibratorenset, ein paar Kondome, Gleitgel und eine aufblasbare Gummipuppe mit, ähem, drei Löchern. Sowas schickt Sven Wöhler herum. Das Briefpapier weist aus, dass außer Eis.de irgendwie auch Druckerzubehoer.de, Handyzubehoer.de und Modeschmuck.de zu der Gruppe gehört. Also ein Fachmarkt für Zubehör, irgendwie.

Auf jeden Fall schreibt uns Herr Wöhler, dass sein Unternehmen ordentlich billig sei, während die Platzhirsche der Szene richtig teuer wären. So würden bei anderen Anbietern “bebilderte Luftmatratzen” (vulgo: aufblasbare Gummipuppe mit Löchern) 99 Euro kosten, ein “vibrierendes Stück Plastik” (vulgo: Vibrator) bis zu 130 Euro. Dagegen verlangt Herr Wöhler für die Gummipuppe genauso wie für das Vibratorenset 4,97 Euro statt 99,95 bzw. 29,95 Euro wie die Konkurrenz.

Und weil man so billig sei, geht die Klage weiter, werde man von der Konkurrenz, von Lieferanten und der gesamten Branche gemobbt. Was tut man da, wenn man – Zitat aus dem Anschreiben – “keine eigene Presseabteilung” hat? Man schickt den Journalisten der Republik “zur Unterstützung und Überprüfung unserer Informationen” eben ein paar Produktbeispiele. Siehe oben.

Mit Spannung darf man also in den kommenden Tagen in den Qualitätsmedien der Republik die Erfahrungsberichte mit “Banging Bonita” erwarten. Oder wird es eher heißen: Wie ich mit einer bedruckten Luftmatratze einen öden Samstagnachnmittag rumbrachte?

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Sätze

Es gibt Sätze, die hören Journalisten besonders gerne, wenn sie zum Telefon greifen und etwas recherchieren.

Wo liegt denn da das öffentliche Interesse?

Ist so einer. Und natürlich der nachgeschobene

Wenn ich meinen Namen in der Zeitung lese, dann hat das juristische Konsequenzen.

Ich stelle mir dann immer vor, dass solche Leute auch im Restaurant ihre Bestellung mit den Sätzen einleiten: “Ich bin Anwalt. Wenn mit dem Essen was nicht stimmt, dann sollten sie schon jetzt an die Konsequenzen denken. Ich nehme dann mal ein Mineralwasser light und die Nummer 33.”

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Kompetenznachweis

Heute ist mal wieder so eine Pressemitteilung in unser Email-Fach geflattert, von der ich mich immer frage: Glauben die, dass Regionalzeitungen sowas brauchen? Aber mal davon abgesehen, schon der Einstiegssatz

ich habe sehr interessante Neuigkeiten für Sie:

biegt mir die Zehennägel hoch. Ja, was denn sonst? Würde mir jemand eine Pressemitteilung schicken, wenn er keine Neuigkeiten, Komma, interessante, Komma, zu vermelden hätte?

PantherMedia – Bildagentur und Fotocommunity, ein junges deutsches Start-Up Unternehmen (bestehend seit 2004), bietet dem Mittelstand erhebliche Einsparmöglichkeiten mit seinem neuen Firmenkonzept.

Okay, wenigstens einen hippen Großbuchstaben mitten im Wort braucht’s schon. Das sehe ich ein ist praktisch Pflicht. Aber, naja, seit 2004 – und dann noch junges Start-Up sein wollen? Einem normalen Start-Up wäre doch 2005 bereits das Geld ausgegangen – oder es wäre von Google aufgekauft worden. Und dann fällt endlich der tolle Satz:

Web 2.0 macht’s möglich und revolutioniert damit den gesamten Bildermarkt!

Gähn. Web Zwo Null macht bestimmt vieles möglich, aber die Zeit für Revolutionen mit diesem Label ist echt vorbei. Wirklich. Zwar nicht schon seit 2004. Aber fast so lange.

Endgültig qualifiziert für die Rubrik “Ablage B” hat sich Frau E. von der “Public Relations”-Abteilung aber mit der Betreffzeile der Mail:

Pressemitteilung: Mehr Bild fuer weniger Geld – Web 0.2 macht es moeglich

Und, nein, das ist kein Vertipper, in der anhängenden Pressemitteilung wird das Web 2.0 gleich zwei mal “0.2″ und nur ein mal “2.0″ genannt.

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Wer zu spät kommt

Das flattert mir heute eine Pressemitteilung aus dem Dpunkt-Verlag ins elektronische Postfach, die ein

Buch über Second Life

anpreist und verspricht:

Second Life verstehen, erkunden und mitgestalten

Ehrlich gesagt dachte ich, in den vergangenen Monaten sei bereits alles über Second Life gesagt worden, was zu sagen ist. Aber wohl doch noch nicht von allen. So verspricht uns der Verlag, dass Annette Pohlke uns alles über diese neue Welt erzählt. Denn das könnte sich ja lohnen:

Mit mehreren Millionen Spielern und einem ungebremsten Wachstum hat Second Life das Interesse der Medien, der Wirtschaft, aber auch vieler privater Internetnutzer geweckt, die mehr über diese Welt wissen und sie selbst kennenlernen wollen.

Blöd nur, dass es im First Life inzwischen ganz anders ausschaut, mit dem Blick auf Second Life. Aber vielleicht haben sich Lektor und Autorin zu lange in der virtuellen Welt aufgehalten, denn in der echten Welt ist der Hype um Second Life irgendwie schon vorbei und alle klagen darüber, dass dort kein Geld zu verdienen ist, virtuelle Niederlassungen von Firmen verweisen und außer in den zweitweltlichen Rotlicht-Bezirken nicht viel los ist.

Deshalb: Die 22 Euro für 172 Seiten werde ich mir wohl sparen.

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