Googlegate

Oha, sowohl das “Heute Journal” als auch die “Tagesthemen” haben heute Google (mal wieder) einen längeren Beitrag gewidmet. Beim “Heute Journal” war es sogar die erste Nachricht.

Die Botschaft für den unbedarften Zuschauer: Der Internetriese, der ohnehin alles wissen will (heute journal: “Die Welt ist Google nicht genug”), macht nicht nur Fotos von deutschen Städten, sondern hat sich auch heimlich in private Wlan-Netzwerke eingehackt und dort Daten mitgeschnitten. Unsere Verbraucherschutzministerin findet, das geht überhaupt nicht.

Wow, ein echter Datenschutzskandal. Telekom, Bahn etc. hoch zwei. Oder drei.

Nicht so ganz doll rübergebracht haben die Journalistenkollegen allerdings, dass Google a) nur für Sekundenbruchteile Daten wie Urls oder sogar (Teile von) Emails gesehen und gespeichert hat, weil das Fahrzeug am Haus vorbei gefahren ist und dabei in rasanter Geschwindigkeit die Empfangskanäle gewechselt hat. Und b) waren davon nicht etwa alle privaten Wlan-Netzwerke betroffen, sondern nur solche, die unverschlüsselt senden.

Das schreibt Google übrigens selbst schön auf:

However, we will typically have collected only fragments of payload data because: our cars are on the move; someone would need to be using the network as a car passed by; and our in-car WiFi equipment automatically changes channels roughly five times a second. In addition, we did not collect information traveling over secure, password-protected WiFi networks.

Wer aber ein unverschlüsseltes Wlan betreibt und nicht weiß, was er da tut, für den ist Google mit Sicherheit das kleinste Problem. Man hätte vielleicht dem Zuschauer erklären können, dass praktisch jeder, der sich mit einem Laptop vor eine solche Wohnung stellt, nicht nur Fragmente, sondern die gesamte Kommunikation mitlesen und aufzeichnen kann. Hätte man gar nicht für recherchieren müssen, Wikipedia hätte genügt.

Also: meine Mails bleiben weiter bei Googlemail, weil der Dienst wenigstens schnell und stabil ist. Und ich will endlich Streetview für Deutschland haben, weil das eine mega praktische Sache ist. Und ich wünsche mir, dass unsere Verbraucherschutzministerin nicht immer, wenn jemand “Google!” ruft, losrennt und ein Gesetz ankündigt, sondern lieber mal was gegen die Dinge macht, wo tatsächliche Datensammelwut herrscht. Zum Beispiel gegen Elena.

Bitte lächeln, sie werden gefilmt

Egal wer nun wirklich am Mord an Hamas-Führer Mahmud al-Mabhuh steckt, ob es der israelische Mossad war oder irgendwer anderes, interessant finde ich, wie die Bewegung von Menschen nachträglich rekonstruiert werden kann. Die Sicherheitstechnik ist längst so weit – und ich würde nicht darauf wetten, dass es ausreicht, dass Speicherung von Daten etc. einfach verboten wird.

Dieses Video von Gulf TV rekonstruiert die Bewegung der vermuteten Mörder seit der Einreise nach Dubai. Bitte lächeln, sie werden gefilmt!

Stimme auf Bewährung

Nach meinem Verständnis als Journalist ist es wichtig, keiner Partei zu nahe zu stehen und ganz grundsätzlich alle mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Eine notwendige berufliche und professionelle Distanz. Nur alle paar Jahre werde ich als Bürger dazu gezwungen, mich selbst zu verorten – und eine Wahlentscheidung zu treffen. Und in diesem Jahr gehöre ich zu dem Schlag Wähler, die Infratest Dimap & Co. in den Wahnsinn treiben. Ich kann mich einfach nicht entscheiden, wen ich wählen soll. Und das einen Tag vor der Wahl.

Und am Ende werde ich wohl doch die Piraten wählen.

Ja, ich weiß, ich habe extreme Vorbehalte gegen diese Partei, die meines Erachtens zu rinks und lechts noch eine Menge lernen muss. Mir sind Gruppen suspekt, die “einfach nur vorne” sein wollen – aber das “Wertedreieck” als Selbstdarstellung sieht ja bei aller sicher nötiger Diskussion mal gar nicht schlecht aus. Und hält einen maximalen Abstand zu NPD, DVU & Co.

Wertedreieck

Und außerdem gibt es ja auch durchaus positive Aktionen in dieser Hinsicht. Ausbaufähig, also.

Das mal vorweg, warum ich meine Meinung revidiert habe.

Mich nervt an den etablierten Parteien, die im Bundestag sitzen, dass sie mir schon vor der Wahl erzählen, welche Koalitionen überhaupt diskutabel sind. Ich erwarte von Parteien aber Programme und Positionen, aufgrund derer ich ihnen meine Stimme gebe. Und in Koalitionsverhandlungen sollen sie diese, also meine, Positionen möglichst umfassend durchsetzen. So stelle ich mir Politik vor. Nicht: “Jamaika kommt für uns nicht in Frage.” “Eine Ampel schließe ich aus.” “Nie mit der Linkspartei.”

Vielleicht ist das ja ein wenig naiv, aber diesen Politikstil will ich nicht ernstnehmen – und finde auch meine Stimme nicht ernstgenommen. Wenn die Bundestagswahl sich schon vorab als “Große Koalition” oder “Schwarz-Gelb”, Sie haben die Wahl!, darstellt, dann erlaube ich mir festzustellen: das ist mir zu wenig.

Allein wegen dieser Ausgangslage erscheint es mir möglich, einen Außenseiter wie die Piratenpartei zu wählen.

Wenn ich mich dann an den Umgang der Großkoalitionäre mit der Massenpetition gegen die Internetsperre erinnere, an die absolute Ahnungslosigkeit, mit der Regierungspolitiker (und auch die Opposition) über das Internet gesprochen haben, dann steigt in mir wieder der Ärger hoch. Würde ein Politiker von CDUCSUSPD so bar jeder Kenntnis Position in der Renten- oder Gesundheitspolitik äußern, es wäre wohl ein heftiger Karriereknick die Folge. Doch sobald es um Mail, Web, Google & Co. geht, darf jeder jeden Unsinn ungestraft rausposaunen und wird nicht einmal ausgelacht.

Auch wenn der Vergleich inzwischen etwas überstrapaziert ist, aber die Piraten erinnern nun mal ein wenig an die Grünen, die zu einer Zeit Umweltthemen auf die Agenda setzten, als sie dafür nur Kopfschütteln und fragende Blicke ernteten. Und auch ihr Auftreten war damals etwas – gewöhnungsbedürftig. Inzwischen sprechen alle Parteien über Klimaschutz und erneuerbare Energien, kaum ein Spitzenpolitiker kann es sich noch leisten, auf diesem Gebiet totalen Quark zu verkünden.

Heute geht es darum, nicht Waldsterben und Smog auf die politische Tagesordnung zu drücken, sondern den Umgang mit dem Netz, den Widerstand gegen Zensurinfrastruktur und Überwachung und all die Fragen, die rund um eine sich wandelnde Wissensgesellschaft entstehen (wie zum Beispiel das Urheberrecht).

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die Piraten als Partei am Ende die Lösungen dafür liefern werden. Aber nur gute Wahlergebnisse werden dazu führen, dass diese Themen bei den anderen Parteien einen höheren Stellenwert erhalten und sich auch Fach(!)politiker dafür finden, die ein gewisses Standing innerhalb der Partei haben. Schneiden die Piraten dagegen bei der Wahl schlecht ab, so wird es ein überhebliches “na seht ihr, Nischenthema, interessiert keinen normalen Menschen” zur Folge haben. Und die Internetausdrucker werden weitermachen wie bisher. Und es werden wertvolle Jahre verstreichen und falsche Gesetze gemacht werden, bis irgendwann verstanden wird, dass man das Internet zu Unrecht nur als einen Kommunikationskanal wie Telefon oder Fax angesehen hat.

Deshalb kriegen die Piraten diesmal meine Stimme – trotz etlicher Vorbehalte. Auf Bewährung, sozusagen.

7 Gedanken zu den Piraten

  1. Ich habe – trotz meiner Kritik – tatsächlich immer noch überlegt, ob ich nicht bei der nächsten Wahl der Piratenpartei meine Stimme geben sollte. Ich halte das Thema Internet und Zensur (im allgemeinen) für so wichtig, dass ich mir vorstellen könnte, dafür auch eine Ein-Punkt-Partei ohne realistische Chance auf den Einzug ins Parlament zu wählen.

  2. Funktionäre einer Partei, die bereits ein echtes Problem mit einem Holocaust-Zweifler und -Relativierer in Amt und Würden hatten, sollten sich mit diesem Thema einmal näher beschäftigen. Wenn aber stattdessen ein stellvertretender Parteivorsitzender der “Jungen Freiheit” ein Interview gibt, dann ist das das Gegenteil davon. Vor allem, wenn er danach noch naiv-offen bekennt, er habe die Zeitung überhaupt nicht gekannt. Selbst von Vertretern einer Ein-Punkt-Partei erwarte ich sowas wie eine gewisse Allgemeinbildung für das politische Alltagsgeschäft. Mal angenommen, so jemand kommt tatsächlich mit meiner Unterstützung ins Parlament – was kennt der denn noch alles nicht und sagt hinterher, sorry, wusste ich nicht.

  3. Wenn während der Autorisierung Zweifel an der Publikation aufkommen, dann ist es vielleicht für den zweiten Kassierer eines Karnickelzüchtervereins ok, einfach mal so zu entscheiden, was man jetzt macht. Aber als Parteifunktionär wäre es doch vielleicht ganz gut, spätestens in diesem Moment mal Leute zu fragen, die sich mit sowas auskennen. Hey, über dieses moderne Internet, Email, Chat, Twitter und so, damit soll man sogar unglaublich schnell kommunizieren können. Sagt man so.

  4. Gerade wer gerne verächtlich über die Generation der Internet-Ausdrucker spricht und sich lustig macht (oft zu Recht), sollte dafür sorgen, dass er sich bei Nicht-Internet-Themen nicht wie der letzte Depp benimmt.

  5. Und manchmal sind ja die Reaktionen nach einem Fehler die erhellendsten. Und während der Interviewte selbst ja wenigstens sagt, es sei ein Fehler gewesen und er würde es nicht wieder tun, gibt es wortgewaltige Reaktionen der Basis und Anhängerschaft, die es total richtig finden, mit allem und jedem zu reden. Die grundsätzlich finden, rechts und links gebe es eh nicht. Und dass diese ganze Kritik sowieso nur Teil einer gemeinen Kampagne der etablierten Offline-Parteien sei, die den inzwischen total beängstigenden Gegner “Piraten” auf diese Weise klein kriegen wollen. Wagenburg-Mentalität at it’s best.

  6. Wahlentscheidungen treffe ich aber, wie viele andere auch, nicht nur anhand von konkreten Aussagen und Programmpunkten, sondern es geht auch um gesellschaftliche Grundüberzeugungen. Und während ich mich bei den Sachthemen bei den Piraten weitgehend wiederfinde, trifft das für diesen wichtigen Bereich eben nicht zu.

  7. Man darf einen Fehler machen. Man darf sogar zwei Fehler machen. Aber nicht den gleichen Fehler in so kurzem Abstand hintereinander.

Vom Kurs abgekommen

Ja, mir ist die Piratenpartei von ihrer Idee her sympathisch. Das Internet, Bürger- und Freiheitsrechte und der Umgang der Gesellschaft mit der Digitalisierung sind wichtige Themen, Zukunftsthemen. Mich erinnert das immer weniger an die Grünen in den 80er Jahren als an Attac und die Diskussion um Globalisierung und Finanzmarktkontrolle.

Und es gibt noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, wenn – auch in der Zeitung, für die ich arbeite – beim Thema immer wieder geschrieben wird, das Internet dürfe kein rechtsfreier Raum sein. Als ob das so wäre und als ob das jemand fordern würde.

Tja, aber jetzt ist das passiert, was ich irgendwie schon eine Weile befürchtet habe, nachdem die Piraten immer und immer wieder betont haben, das politische Rechts-/Links-Schema sei überholt und da wolle man sich nicht einfügen. Die Rechten scheinen da zu sein. In Person eines Bodo Thiesen, der auf dem Bundesparteitag in ein Amt gewählt wurde und sonst gerne mal den Holocaust mit der These, die Erde sei eine Scheibe in Verbindung bringt.

Dass es so ein Mensch bei einer chaotischen Parteigründung irgendwie in Amt und Würden bringt – da würde ich ja persönlich noch sagen: geschenkt. Das passiert, und dann muss man entsprechend darauf reagieren. Aber wie darauf reagiert wird, da bekomme ich dann schon das Kotzen ein bisschen Wut.

Da schreibt eni Vorstand der Piraten aus dem Saarland zu dem Thema:

Die Postitionen von Bodo Thiesen sind sicherlich fragwürdig. Eine tatsächliche Relativierung des Holocoust geben sie aber derzeit nicht her! Er zweifelt offenbar an den Details ODER am gesamten. Entweder drückt er sich bescheuert aus, oder er ist es tatsächtlich. Nur wird das aus dem gesagten nicht klar! Daher heisst es wohl “in dubio pro reo”. Mal als Beispiel: Auch ich finde einige Details in der deutschen Geschichte schlicht Pauschalisierung derselben. Der Norwegenfeldzug war wohl nach allen mir bekannten Fakten ein reiner Reaktionskrieg und keine reine Angriffshandlung. Hier zu differenzieren, finde ich OK. Eine strategische Betrachtung des Kriegsverlaufes nimmt nichts an der Schuld,

Jemand anderes meint:

Der Typ scheint zwischen seinen schwachsinnigen “geschichtswissenschaftlichen” Äußerungen und seiner konkreten Parteiarbeit differenzieren zu können, ich würde da nur ein Problem sehen, wenn er seine seltsamen Ideen in die Politik mit einbringen würde, so ist er aber nur eine Person mit seltsamen “Privat”ansichten, was ihn ja nicht davon abhält, Vernünftiges in die Diskussion einzubringen. Aud keinen Fall aber ist er ein Nazi- Vielleicht seltsam fasziniert von dem 3ten Reich, aber kein Nazi.

Und Pirat Thorsten Wirth twittert:

Was soll da los sein, ein Mensch hat in jungen Jahren mal Bullshit von sich gegeben. Das Zitat ist meines Wissen nach sehr alt

Abwiegeln, runterreden, entschuldigen.

Nee, sorry, eine Partei, die eine offene Flanke nach rechts hat, ist für mich untendurch. Wie es ausgeht, wird sich wohl in den nächsten Tagen zeigen.

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Besser keine Emails lesen

Es ist schwierig zu erklären, warum die Netzsperren Unfug sind. Das fällt mir in Gesprächen immer wieder auf. Kinderpornographie im Netz erschweren, das ist doch eine gute Sache. Und betroffen von den Maßnahmen sind doch allenfalls Leute, die auf solche kriminellen Seiten wollen.

Sicher?

Mario Ruprecht erklärt ganz anschaulich, dass sich jeder Sorgen machen sollte, der im Netz unterwegs ist:

Na gut, das interessiert mich nicht, werden viele sagen, ich schaue mir keine bösen Seiten an. Dazu nur zwei kleine Hinweise: Die Sperrliste des BKAs wird nicht zugänglich sein, ihr wisst also im Vorfeld gar nicht, ob der Link mit dem lustigen Video vom Kollegen nicht auf eine böse Seite zeigt. Oder ein zweites Beispiel: Bekommt ihr vielleicht ab und zu mal eine Spam-Email, in der euch jemand blaue Pillen, Aktienschnäppchen oder Casinobesuche verspricht? Diese Emails werden meist mit Bildern aufgehübscht. Das hat zwei Gründe: a) Es sieht besser aus und b) der Absender kann erkennen, ob eine Email ihren Empfänger erreichte und angezeigt wurde. Wichtig für Spammer, denn auf Grund von b) wissen sie, ob eine Emailadresse gültig ist oder nicht. Nun kann das eingebettete Bild aber auf einem bösen Server liegen. Was dann? Dann hat das BKA eure Daten (siehe oben) und das nur, weil ihr euch eine unaufgefordert zugesandte Email angeschaut habt. Gefährlich, oder? Im doppelten Sinne.

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Unlogisch ist kein Wort dafür

Journalisten haben ja eigentlich nie frei, deshalb lesen sie natürlich auch am Sonntag, wenn die eigene Zeitung nicht erscheint, was die anderen so treiben. Ich lese zum Beispiel gerne beim Frühstück den “Tagesspiegel am Sonntag”. Und meistens lese ich auch Harald Martenstein und seine Kolumne auf Seite 1 gerne. Unterhaltsam, denke ich mir dann.

Und heute? Heute habe ich mir gedacht, warum reden Kolumnisten nicht mal über das, was sie schreiben, mit anderen? Oder gibt es nicht vielleicht einen Redakteur, der nochmal wegen Tippfehlern gegenliest und dann fragt, “Du Harald…” oder “Entschuldigen Sie, Herr Martenstein, das ist doch einfach Unfug, was sie da schreiben.”

Der geneigte Leser wird es ahnen, Herr Martenstein hat sich nämlich mit der Internetsperre beschäftigt. Und eine lustige Episode mit dem Polizeimeister Dimpflmoser erfunden. Die geht ungefähr so, dass wer gegen Internetsperren ist, weil er das Schlimmste befürchtet, auch Angst hat, dass die Polizei nicht nur das Stehlen, sondern bald auch das Spazierengehen verbieten wird. Und dass man Verbrechen nun mal bekämpfen müsse – das sei ja irgendwie klar. “Alles oder nichts ist unlogisch” ist der Text überschrieben.

Tja… nur hat das alles eigentlich niemand behauptet bzw. bestritten. Es gibt Journalistenkollegen, die schreiben gerne heftige Kommentare die super logisch klingen und echt überzeugend sind, indem sie der anderen Seite erstmal einfach irgendwelche Argumente unterschieben, die dann genüsslich zerlegt werden. Ob diese Argumente tatsächlich so geäußert wurden, das weiß der Leser ja nicht. Und andere Argumente, zu denen einem keine Erwiderung einfällt, die lässt man einfach weg. So arbeitet auch Martenstein in diesem Fall in seiner Kolumne.

Denn das Problem ist: Kein mir bekannter Netzsperren-Gegner will, dass die Polizei nix tut. Im Gegenteil. Der Herr Dimpflmoser soll losziehen und die bösen Buben schnappen und die kriminellen Webseiten abschalten. Er soll sich aber nicht an eine Straßenecke stellen dürfen und Passanten wahllos anblaffen, “schauen sie in die andere Richtung, weitergehen, nicht stehenbleiben, wird’s bald”. Weil vielleicht da hinten, in der Straße, gerade ein Verbrechen geschieht, das aber niemand sehen soll. Oder vielleicht auch was ganz anderes – das kann der Bürger aber nicht feststellen, weil er nicht hinschauen darf und die Polizei ganz alleine entscheidet, wo die Dimpflmosers dieser Welt ihr “nicht hinschauen, weitergehen” blaffen.

Aber mit Fakten kann man halt keine lustigen Geschichten schreiben. Zumindest nicht jeder.

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200.000 Multiplikatoren

Ich war in meinem Leben schon auf einer Menge Demonstrationen, auch wenn ich verglichen mit heutigen Maßstäben damit eher spät angefangen habe. Naja, in der Provinz… Eine der ersten richtig großen, an die ich mich erinnern kann, war damals die Demo gegen die Änderung des Asylparagraphen im Grundgesetz, damals noch in Bonn. Aber ich schweife ab.

Die meisten Demonstrationen haben wie die meisten Ansammlungen von vielen Menschen einen Haken: Es sind eine ganze Menge Leute dabei, mit denen man eigentlich gar nicht so viel gemeinsam hat und auch nicht gemeinsam haben will. Was vor allem dann schlimm wird, wenn ausgerechnet diese Leute ihre Meinung auf Transparente gemalt haben.

Warum ich das erzähle? Weil es heute anders war. Ich bin nämlich um 12 Uhr zum Willy-Brandt-Haus in Berlin gegangen, einfach weil mich das Internetsperren-Gesetz, wie gelegentliche Besucher meines Blogs vielleicht schon wahrgenommen haben, richtig auf die Palme bringt. Als Journalist bin ich mit dem Position beziehen ja eher zurückhaltend, mein Job ist es alle Seite zu hören und zu berichten, möglichst unvoreingenommen. Aber die Freiheitseinschränkungen im Internet sind meines Erachtens gerade auch für Medienschaffende ein zu wichtiges Thema um nur zuzuschauen.

Auf jeden Fall war ich positiv überrascht über doch ein paar Hundert, vielleicht sogar Tausend, Leute, die sich eingefunden hatten. Über treffende und zugleich häufig witzige Plakate. Und über Redebeiträge bei denen ich an keiner Stelle den Kopf schütteln musste – und denen tatsächlich zugehört wurde. Es geht nicht nur um Stopp-Schilder im Netz, es geht um Bürger- und Freiheitsrechte.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss erklärte seinen Austritt aus der SPD und später seinen Eintritt in die Piratenpartei. Er war denen, “die die Gesetze machen” vor, “keine Ahnung” zu haben. Und, nun ja, wenn man sich Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hier anhört, dann fragt man sich schon, was so jemanden zur “Internet-Politikerin 2009″ qualifiziert.

Auf der Demonstration zum Potsdamer Platz war vor allem Musik zu hören – aber selbst diese war so ausgewählt, dass die Texte (ja, Texte!) fasst wie Redebeiträge wirkten. Einen Sommerhit – über dessen musikalische Qualitäten die Meinungen auseinander gehen – gibt es auch schon:

Am Potsdamer Platz hat der Spitzenkandidat der Piraten in Berlin eine Rede gehalten, mit der er bei “Germanys Next Kanzler” wohl nicht mal in die Vorauswahl gekommen wäre. Zum Glück. Die Inhalte waren gut, der Vortrag zwar locker – aber zweifelnde Bürger würden das vermutlich nicht als sehr überzeugend oder gar wählbar ansehen. Aber das ist ja noch ausbaufähig.

Es wird auf jeden Fall spannend werden, wie der Wahlkampf 2009, der sich – wenn Vorbilder wie die USA greifen – zunehmend auch im Internet abspielen wird. durch die Piratenpartei und den Frust eines großen Teils der sogenannten Internetgemeinde auf die etablierten Parteien verändern wird. Wie sagte ein Redner zu Beginn der Demonstration: “Wir sind 200.000 Multiplikatoren, wir müssen unsere Eltern und Bekannten überzeugen.”

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Ab jetzt wird wegzensiert

So, 130.000 Bürger ignoriert und deutlich gemacht, dass die Petition gegen Netzsperren für gewählte Volksverteter nur Müll ist. Der Bundestag hat Sperrseiten gegen Kinderpornografie beschlossen. Und das heißt: Es wird eine Infrastruktur zur Zensur des Internets aufgebaut, die von der Öffentlichkeit nicht kontrolliert werden kann und die allein in den Händen des BKA liegt.

Und damit beginnen ab heute die Zensurfestspiele – denn noch am selben Tag hat die CDU gefordert, auch andere Inhalte zu sperren. Nämlich “Killerspielseiten” im Netz, was immer das auch sein soll.

Köln (ots) – Der CDU-Bundestagsabgeordnete und baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl will über die Sperrung kinderpornografischer Seiten im Internet hinausgehen und hat auch die Sperrung von Killerspielen ins Gespräch gebracht. “Wir prüfen das ernsthaft”, sagte er dem “Kölner Stadt-Anzeiger” (Freitag-Ausgabe). “Wir gehen nach Winnenden nicht zur Tagesordnung über. Wenn es einen Nachweis gibt, dass sich Killerspiele negativ auf das Verhalten Jugendlicher auswirken, dann kann das Internet kein rechtsfreier Raum sein.”

So schnell hätte ich damit nicht gerechnet. In Kürze dürften dann rechtsexreme und terroristische Seiten folgen. Und beim nächsten Großereignis à la G8-Gipfel in Deutschland dürfte auch die eine oder andere Seite, die zu Protesten mobilisiert (“Verhinderung von Aufrufen zu Straftaten” o.ä.) darauf landen. Ich biete die Wette an – wettet jemand dagegen?

Liebe Parteien, das Thema wird für mich persönlich das entscheidende für die kommende Bundestagswahl sein. Und ich hoffe, für ganz, ganz viele andere Leute auch. Und SPDCDUCSU wünsche ich einen “lustigen” Bundestagswahlkampf 2009 im Internet, ich hoffe auf viele kreative Aktionen.

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