Eilmeldungs-Terror

Ich habe ja viele Jahre als Tageszeitungsjournalist gearbeitet. Wichtiges Arbeitsmittel dabei: der elektronische Ticker der Nachrichtenagenturen, also das Computersystem, in das im Minutentakt die Agenturmeldungen einlaufen. Weil es da schnell mal unübersichtlich wird, bekommen Meldungen immer eine Priorität von der Agentur mit. Und das System beim Redakteur sorgt dafür, dass besonders eilige oder dringende Meldungen farblich und manchmal auch akustisch hervorgehoben werden.

Allerdings sind die Agenturen – aus gutem Grund – sehr zurückhaltend mit der Kennzeichnung “Eilt” oder “Dringend”.

Anders sieht es da bei den News-Apps auf dem Smartphone aus. Zwar nutze ich die SZ-App oder die Spiegel-App sehr gerne und bin auch froh, dass mir dringende Nachrichten à la Bombenanschlag in Boston auch entsprechend akustisch und optisch in den Alltag gespült werden. Aber ich würde mir da eine Zurückhaltung wie bei den Profis von den Agenturen wünschen. Ein Ergebnis der Champions League ist für mich genau so wenig Breaking News wie das Urteil eines italienischen Berufungsgerichts über Berlusconi, dem sicher bald ein weiteres Berufungsverfahren folgt.

Dieses aufdringliche Werben um meine Aufmerksamkeit wird am Ende also eher dazu führen, dass ich die Push-Benachrichtigungen ganz abschalte. Oder auf die App verzichte und lieber die nutze, die von Journalisten gemacht werden. Und nicht von vermeintlichen Vertriebsprofis.

Eine Timeline zum #BER

Ich hatte vor ziemlich genau einem Jahr einmal einen Beitrag geschrieben, was man mit dem Timeline-Tool Timeline so machen kann. Damals hatte ich damit herumgespielt, um eine Chronologie zur Eröffnung des neuen Großflughafens BER in Schönefeld für die “Märkische Allgemeine” zu erstellen.

Nun, der Flughafen ist ja dann nicht eröffnet worden, erstmal. Aber die Timeline mit den Daten ist nun doch noch online gegangen. Sie ist jetzt optisch sicher nicht super beeindruckend, aber ich freue mich, dass die inzwischen von den Kollegen fleißig ergänzte Arbeit doch noch ihren Weg ins Netz gefunden hat:

BER-Timeline

BER-Timeline

…dass ich Rumpelstilzchen heiß

Ich hatte mich ja ein wenig darüber verwundert gezeigt, warum ein Printerzeugnis sich bei guten Sprüchen auf Facebook und Twitter bedient, und wie das zum Leistungsschutzrecht passt – noch dazu, wenn man nicht einmal die Urheber der Zitate nennt.

Jetzt wurde mir eine lustige Erklärung dazu zugetragen: Es sei ja so eine rechtliche Grauzone, wenn man aus Facebook und Twitter zitiere (es gab da wohl mal einen Fall, wo ein Urheber eines Facebook-Zitats nicht in der Zeitung zitiert werden wollte und im Nachhinein darüber verärgert war), deshalb nenne man die Urheber einfach nicht.

Das ist natürlich reichlich absurd eine tolle Idee. Dann könnte man ja künftig in völlig beliebiger Länge aus Zeitungen im Internet zitieren – und lässt halt einfach die Quelle und einen Link weg. Dann ist ja alles gut.

P.S.
Vor dem gleichen Problem stand auch bereits, einmal die “Welt kompakt”, die Tweets (unter Nennung des Autors, selbstverständlich) abgedruckt hat – und das dann leider wieder abgestellt hat. In dem Beitrag der “Welt” über sich selbst wird auch eine Twitter-Sprecherin zitiert:

Twitter selbst hat keine Einwände gegen die Verwendung von Tweets für journalistische Zwecke. Es müsse der Nutzername, der vollständige Text und die Quelle, sprich Twitter, deutlich gemacht werden. “Viele, viele unserer Medienpartner machen dies so”, sagt Sprecherin Rachel Bremer auf Anfrage von “Welt Kompakt”.

Sie verweist weiter auf Twitter-Richtlinien, um Tweets in “Offline Medien” zu verwenden. “Wir begrüßen und fördern den Einsatz von Twitter in den Medien”, heißt es hier unter anderem. Wenn man sich um die Sicherheit des Nutzers sorge, könne man Tweets in Ausnahmefällen auch anonym verwenden.

Oberhavel, Du musst nicht traurig sein…

Ich habe heute morgen die Schlagzeile in meiner Zeitung gelesen: “Meiste Insolvenzen im Kreis Oberhavel”. Darin steht dann unter anderem

Wie bei Privatinsolvenzen nimmt auch bei Firmenpleiten der Landkreis Oberhavel den traurigen Spitzenplatz ein.

Wie viele es sind, kann man nur vermuten (wohl mehr als 62) (oder beim Original nachschlagen: 67), denn der Text geht etwas kryptisch weiter

Dahinter rangieren mit 62 Firmenpleiten der Kreis Barnim und mit 320 Privatinsolvenzen der Kreis Märkisch-Oderland.

Interessant ist der nächste Satz

Die wenigsten Zusammenbrüche bei Unternehmen registrierten die Kreise Elbe-Elster und Prignitz.

Der unbedarfte Leser wird jetzt schon ziemlich Mitleid haben, mit diesem wirtschaftlich offenbar arg kriselnden Kreis Oberhavel. Wer sich dagegen schon mal in Brandenburg umgesehen hat, wird sich wundern. Oberhavel? War da nicht auch Speckgürtel? Großunternehmen wie Riva oder Bombardier? Gründerparks und leidlich ausgebuchte Gewerbegebiete? Und Elbe-Elster, nun ja, ist das nicht eher ein weißer Fleck auf der wirtschaftspolitischen Landkarte.

Jetzt ist es sicher richtig – Zahlen lügen ja (fast) nie – dass es die meisten Firmenpleiten in Oberhavel gab. Absolut. Aber was sagt diese Zahl eigentlich? Nix. Denn wenn man sich zum Beispiel die Gewerbeanmeldungen anschaut (leider nur für 2011, nach Kreisen sortierte für 2012 habe ich auf die Schnelle nicht gefunden, aber die Tendenz dürfte ähnlich sein) dann sieht man:

Gewerbeanmeldungen Oberhavel: 1820
Gewerbeanmeldungen Barnim: 1664
Gewerbeanmeldungen Elbe-Elster: 656
Gewerbeanmeldungen Prignitz: 491

Damit lässt sich sagen: In Oberhavel gehen mehr Firmen Pleite, aber es werden auch deutlich mehr gegründet. Also kein Grund zu übertriebener Traurigkeit. Noch interessanter und aussagekräftiger wäre natürlich die Zahl der bestehenden Unternehmen in den jeweiligen Kreisen (die ich ebenfalls auf die Schnelle im Web nicht finden konnte) – und dann könnte man aus der absoluten Zahl der Pleiten je Landkreis eine Quote berechnen, die dann womöglich interessante Erkenntnisse liefern würde.

12 Wünsche an meine ideale Zeitungs-App

Ich habe ja bereits über meine wenig erbaulichen Erfahrungen mit Epapern von Zeitungen geschrieben – hier, hier, hier und hier. Jetzt vielleicht mal andersherum – was würde ich mir von der Epaper-App meiner Zeitung wünschen?

Dazu eine Vorbemerkung: Es geht mir um tägliche Inhalte. Für ein Magazin, das z.B. nur einmal im Monat erscheint oder noch weniger häufig, mögen ganz andere Regeln gelten. Was die Bereitschaft angeht, große Dateien herunterzuladen. Und den Wunsch, nach multimedialen Spielereien. Da besteht auch mehr Zeit, solche aufwändigen Dinge zu produzieren als im tagesaktuellen Geschäft.

Also, worum soll es nun gehen?

  1. Der Text im Mittelpunkt
  2. Keine Kopie des Zeitungslayouts
  3. Aktuell, nicht statisch
  4. So ausführlich wie nötig
  5. Links zu Quellen und anderen Informationen
  6. Rubriken werden schlau
  7. Eine Grafik sagt mehr als 1000 Worte – auch eine ganz einfache
  8. Offene Grenzen im Sinne der Leser
  9. Meine Zeitung, mein Archiv
  10. Du bist nicht alleine
  11. Living in the cloud
  12. Werbung – nicht alles was geht, ist gut

Was bedeutet das im Detail? Weiterlesen

Digitales Faksimile IV – über den Tellerrand

Ein interessanter Beitrag über eine Studie der Washington Post, warum junge Leute Digital Natives irgendwie keine gedruckten Zeitungen lesen wollen.

In dem Text kommt der Autor zu dem Schluss, dass es nicht nur um das Print-Produkt geht, sondern auch digitale Angebote der Verlage nicht so einschlagen, wie vielleicht zu erwarten wäre.

Unfortunately, the digital strategy undertaken to date by most publishers is to port their newspaper-style content to the web and then repurpose the material to mobile devices. The warmed-over digital fare offered by the typical newspaper falls well short of the expectations of two whole generations of individuals who are not only empowered by technology to consume media but also know how to use it to make their own. This explains the explosive growth of Facebook, YouTube, Twitter and a host of other do-it-yourself media.

Das entspricht ja meinen ersten Erfahrungen mit E-Papern. Das digitale Angebot erfüllt einfach die Erwartungen. Darum geht es nämlich letztlich, nicht um (die eher billige Ausrede) eine(r) vermeintliche(n) Gratiskultur im Web, wie erfolgreiche Bezahldienste (z.B. iTunes) oder auch das Geschäft mit Apps jenseits der Medienbranche zeigen.

Digitales Faksimile III – Schlimmer geht immer

Ich habe ja bereits hier über die absolut unterirdische “Berliner Morgenpost”-App geschrieben meine eher geringe Freude über die “Berliner Morgenpost”-App geschrieben (wobei es andere ja auch nicht viel besser können). Was ich nicht für möglich gehalten hätte: Dieses Stück Software ist sogar noch schlechter programmiert, als ich mir zunächst vorstellen konnte.

Es ist sicherlich schon schwierig, einen PDF-Viewer zu basteln, der kein vernünftiges Zoom unterstützt. Was für die Darstellung von Zeitungsseiten auf einem Nexus 7″ Tablet irgendwie schon zwingend ist. Aber damit haben die Entwickler nicht mal ihre Bestleistung vollbracht.

Man kann die App nämlich nur mit bestehender Internetverbindung öffnen. Richtig gelesen: ohne Netz startet die App nicht. Das heißt, sie startet schon, aber dann kommt die sich drehende Warteanzeige, die nicht mehr verschwindet. Geht man zurück und öffnet die App erneut, so stürzt sie kommentarlos ab. Und dann kommt wieder die Warteuhr. Hintergrund: Offenbar wird krampfhaft versucht, das Titelbild der aktuellen Ausgabe zu laden. Und zwar ohne Rücksicht auf Verluste eine möglicherweise fehlende Datenverbindung.

Die App lädt

Das bedeutet aber auch: Man kommt unterwegs nicht an seine bereits heruntergeladenen E-Paper-Ausgaben heran, wenn man kein Netz hat. Die App ist dann völlig nutzlos, zum Beispiel in der U-Bahn. Nur, liebe App-Macher, wofür kauft man sich denn ein E-Paper? Sicher nicht, um es dann online only lesen zu dürfen. Dann kann ich wirklich angenehmer und günstiger einfach so im Netz surfen.

Ich bleibe dabei: Diese Android E-Paper-App nutzt bei der Morgenpost bestimmt niemand. Sonst wären solche eklatanten Designfehler vorher aufgefallen. Und man hätte sich nicht getraut, diese Software zu veröffentlichen. Das Schlimmste ist ja: Wer sowas unbedarf ausprobiert und von der technischen Umsetzung auf das Produkt digitale Tageszeitung schließt, der ist für andere oder künftige Apps verloren. Das tut man sich nur einmal an.

Ich bleibe deshalb dabei: Liebe Verlage, vergesst das E-Paper. Macht entweder vernünftige mobile Websites oder aber Apps à la Flipboard, die die Möglichkeiten des Mediums nutzen. Und Spaß machen.

Digitales Faksimile II – der Horror geht weiter

Nach meinen eher bescheidenen Erfahrungen mit E-Paper von Tageszeitungen und meinen Gedanken zu Verbesserungsmöglichkeiten habe ich heute früh mal eine Ausgabe der “Berliner Morgenpost” für mein Android Nexus 7 gekauft.

Soweit alles prima. Schnelle Installation, einfacher Kauf der Sonntags-Ausgabe. Aber dann…

Auch hier bekommt man nur eine PDF, immerhin ist der PDF-Reader aber in der App integriert und es wird nicht der des Systems benutzt. Damit enfällt der merkwürdige Dialog.

Nur: Wer diesen Reader programmiert hat, hat es geschafft, eine Kernfunktion total zu versaubeuteln. Es ist nämlich praktisch unmöglich, in den Text zu zoomen. Es ruckelt und wackelt und wehrt sich. So sieht man zwar die Überschrift zum seitenlangen Portrait des Flughafen-Technikchefs Horst Amman, aber man kann ihn auf 7 Zoll nicht lesen.

Einen knappen Euro in den Sand gesetzt.

Digitales Faksimile

Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein gedrucktes Buch gekauft habe. Seitdem ich die Kindle App auf meinem Nexus-7-Tablet habe (vorher das Galaxy Tab) kaufe ich digital ein. Schnell, bequem und bei englischsprachigen Büchern auch noch deutlich billiger.

Eine digitale Zeitung lese ich nicht. Also ich lese Webseiten von Zeitungen im Internet, aber ich nutze keine App oder das, was die Verlage E-Paper nennen.

Damit bin ich in guter Gesellschaft. Denn laut BeyondPrint.dehaben die Verlage m dritten Quartal 2012 rund 227.700 verkaufte E-Paper-Exemplare angegeben. Klingt viel. Doch vergleich man das mit der verkauften Gesamtauflage von 22,58 Millionen Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen pro Veröffentlichungstag so ist das – bei allen Steigerungsraten – erbärmlich wenig.

Woran liegt das? Wenn man morgens oder abends in der S-Bahn schaut, so sitzen da deutlich mehr Menschen mit Smartphones, Kindles und Tablets rum als solche mit gedruckten Erzeugnissen. Da müsste es doch einen riesigen Markt geben. In dem Artikel gibt es einen schönen Satz, der dafür die notwendigen Erklärungen liefert. So sei

auch die Zahl der Titel gestiegen, die überhaupt als „digitales Faksimile“ erscheinen. Sind es im Jahr 2011 noch 90 Titel gewesen, waren es im letzten Jahr bereits 124 Titel.

Will sagen: Erstmal gibt es eine Vielzahl von Zeitungen gar nicht für Tablet & Co. Auch zum Beispiel meine regionale Tageszeitung, die ich aus Verbundenheit immer noch lese. Sollte eigentlich im vergangenen Frühjahr kommen, jetzt soll es dieses Jahr im Frühjahr werden, hört man. Zeit, so scheint es, hat man in der Medienbranche.

Der zweite Grund steckt in der Formulierung “digitales Faksimile”. Denn genau das sind viele digitale Zeitungen immer noch. Ich habe mal ein Produkt aus dem Norden gewählt. Man installiert eine Android App und kann von dort Ausgaben kaufen und über Google bequem bezahlen. So weit, so gut.

Doch was erhält man? Ein PDF. Das sieht dann beim Öffnen der Ausgabe tatsächlich so aus:

Screenshot_2013-01-26-12-33-45

Das heißt, es wird sogar der ganz normale System-PDF-Viewer genutzt. Und wer mehrere installiert hat, muss sich entscheiden. Und was bedeutet das? Weiterlesen

Effizienz sieht anders aus

Ich mag Weiß. Ich mag Weißraum. Es gibt nichts Schlimmeres als zu viel Inhalt auf zu wenig Platz.

Aber gar zu viel Platz für gar zu wenig Inhalt, das ist auch nicht gut. Zum Beispiel auf der Website einer regionalen Tageszeitung. Das sieht bei mir auf dem Bildschirm nach ein bisschen runterscrollen so aus:

Bildschirmfoto vom 2013-01-08 22:58:08

Ja, mein Bildschirm füllt die gesamte Textfläche, man sieht da diesen kleinen Rahmen um den Screenshot.

Grob geschätzt weniger als ein Drittel des Bildschirms wird für den Inhalt benutzt, der Rest ist Weißraum. Ich möchte ja nicht gleich von Responsive Design träumen, aber ein bisschen effizienter mit den Möglichkeiten könnte man ja schon umgehen.