Dieses 140-Zeichen-Ding

Weil es gerade so gut zu meinem Text “Liebe Zeitung, so wird das nichts” passt, hier eine hübsche, wenn auch etwas ältere Studie zu Twitter.

34 Prozent aller deutschsprachigen Tweets verweisen nämlich auf klassische redaktionelle Inhalte. Im Mittelpunkt: Nachrichten.

Und, ja, Eilmeldungen erklären nicht die Hintergründe der Finanzkrise. Aber sie erzählen uns vielleicht, dass Bank XY gerade pleite ist. Und das ist ja auch was.

Liebe Zeitung, so wird das nichts

Die Zeitungen in Deutschland buhlen um Leser. Angesichts sinkender Auflagen sicher keine schlechte Idee. Aktuell werden aus diesem Grund Image-Anzeigen geschaltet unter dem Motto “Die Zeitungen. Eine schlauere Welt ist machbar”.

Erstmal eine gute Idee. Ich bin da sicher nicht neutral, schließlich arbeite ich für eine Tageszeitung, aber ich glaube wirklich daran, dass die tägliche Lektüre einer Tageszeitung die meisten Menschen schlauer macht bzw. machen würde. Und die – mich – leicht nervende werbige Sprache des Textes: geschenkt. Es ist eben Werbung, gemacht von einer Werbeagentur.

Schön finde ich auch, dass man sich nicht allein auf das gedruckte Wort beschränkt hat, sondern gleich im ersten Satz ePaper und iPad-Apps mit ins Boot holt. Der leichte Nervfaktor, dass zwar die meisten Verlage auch Apps für Android, mein bevorzugtes System, im Angebot haben, Werber aber offenbar nichts jenseits des Apple-Horizontes kennen, soll mal außen vor bleiben.

Richtig dämlich Wenig zielführend finde ich dann aber den Ansatz, die eigene Qualität gleich mal wieder gegen das böse, dumme, schlechte Internet abzugrenzen.

Weil die Zeitung glaubt, dass uns eine 140 Zeichen lange Twitter-Meldung nicht die Ursachen der Finanzkrise erklären kann.

Jaja, diese doofe, kurzatmige, oberflächliche Twitter. Hat von den Anzeigenmachern und -abnehmern schon mal jemand da reingeschaut? Praktisch jede Zeitungsredaktion hierzulande twittert doch selbst. Wieso eigentlich? Und wenn man mal so ein bisschen auf Twitter schaut, dann wird einem auffallen, dass da ganz, ganz oft Links getwittert werden. Wenn man da draufklickt, landet man bei großen Fotos oder langen Texten. Viel länger als 140 Zeichen.

Wie man so eine herablassende Art gegenüber dem Medium, das durch die Umbrüche in den arabischen Ländern im vergangenen Jahr wirklich im Mainstream angekommen ist, hervorbringen kann, erschließt sich mir nicht.

Vor allem ist das Argument gefährlich. Denn man könnte auch fragen, ob ein 100-Zeilen-Tageszeitungs-Artikel denn diese Anforderung, “die Ursachen der Finanzkrise” zu erklären, erfüllen kann. Ich behaupte mal: Nein. Und ein 25-Zeilen-Kommentar durchdringt das Thema in all seinen Facetten? Kaum.

Aber ein guter Artikel kann aufzeigen, wo die Finanzkrise auf die Menschen in der Region durchschlägt. Und ein kluger Kommentar kann sich ein Detail herausgreifen und einordnen. So wie ein Tweet ein O-Ton vom Ort des Geschehens sein kann oder der Link auf einen spannenden Artikel in einer US-Regionalzeitung, auf den man sonst nie, nie, nie gestoßen wäre.

Ich mag Zeitungen. Ob sie gedruckt sind oder digital erscheinen. Ich halte Journalismus für ungemein wichtig, egal welchen Verbreitungskanal er für seine Geschichten und Rechercheergebnisse wählt. Und deshalb mag ich es nicht, wenn “die Zeitungen” ihre Bedeutung dadurch erklären, dass sie sich vom dummen, bösen Internet abgrenzen. Liebe Zeitung, ich befürchte, so wird das nichts mit der Zukunft. Ich persönlich finde im Netz – und auch bei Twitter – viel mehr als nur “wer, wie, was?”, sondern eine Menge “wieso, weshalb, warum”? Und es gibt genügend gedruckte Texte, die bei “wer, wie, was?” stehenbleiben.

P.S.

Nur mal als ein Beispiel, was dieses Twitter so kann, liebe Zeitung: Ein Jahresrückblick mit ganz vielen 140-Zeichen-Meldungen.

Online first – ganz konsequent

Die “New York Times” hat festgestellt, dass es irgendwie ein Problem ist, aus ihrem (Print-)Redaktionssystem CCI Artikel ins Web zu bringen. Wie kriegt man da Links rein? Wie Metadaten?

Die Lösung klingt eigentlich ziemlich trivial: Man dreht den Weg rum, berichtet Poynter über den Ansatz der US-Zeitung.

‘Why don’t we reverse the paradigm?’ … Instead of writing in the old newspaper CMS and trying to put links in and add metadata and do all these things for the Web, let’s do all of that natively and then transfer all that content into the newspaper CMS.”

Da ohnehin immer mehr Texte zuerst fürs Web geschrieben werden, werden eben einfach alle Text in einem Online-CMS erfasst und von dort nach CCI transferiert. Und die NYT nutzt dafür WordPress (die Software, auf der auch dieses Blog läuft) und eine selbstgeschriebene Erweiterung die es mehreren Benutzern erlaubt, komfortabel am selben Text zu schreiben.

Interessanter Ansatz, der aber wohl eher in US-Zeitungen funktioniert, die gerne mal alles, was nicht mehr auf die Zeitungsseite passt, drei, neun oder 14 Seiten weiter hinten irgendwo links unten weiterlaufen lassen. In deutschen Zeitungen, in denen in der Regel knallhart auf Länge geschrieben ist – so viele Zeichen wie in den vorgegebenen Platz passt – stelle ich mir das eher schwer vor.

Trotzdem ist es vielleicht ein Signal an uns Print-Journalisten, mal ganz grundsätzlich neu zu denken.

Wenn Journalisten Python statt Artikel schreiben

Ich bin seit zwölf Jahren hauptberuflich Journalist, fast ausschließlich bei einer Tageszeitung in der Print-Redaktion. Seit geschätzten 25 Jahren bin ich aber auch Hobby-Programmierer. Basic, Pascal, C, Java, Python – was sich eben gerade eignet oder es zur jeweiligen Zeit auf dem jeweiligen System überhaupt gab. Und seit inzwischen auch einigen Jahren blogge ich, twittere ich, treibe ich mich an den digitalen Orten rum, die heute unter “Social Media” zusammengefasst werden.

Insofern verwundert es kaum, dass ich mit großem Interesse verfolge, was der “Guardian” so treibt. Wie Printprodukt und digitale Welt verwoben werden, wie im Netz experimentiert wird – mit offenen Schnittstellen zu den eigenen Artikeln, Datenvisualisierung oder zuletzt mit dem @GuardianTagBot auf Twitter.

Der @GuardianTagBot beantwortet an ihn gerichete Fragen mit Artikeln aus dem Online-Angebot des “Guardian”. Wenn man also twittert “@GuardianTagBot How is the situation in Bangkok” dann bekommt man per Twitter eine Antwort, die einen Link auf eine Seite enthält, auf der der TagBot relevante Suchergebnisse zusammengefasst hat. (Das @GuardianTagBot in der eigenen Nachricht ist nötig, damit sich der kleine digitale Helfer überhaupt angesprochen fühlt.)

Im Prinzip nutzt der TagBot nur die Suchfunktion auf der “Guardian”-Seite und die interne Verschlagwortung der Texte. Und er versucht aus umganssprachlich gestellten Fragen die relevanten Suchbegriffe herauszufiltern.

Einem Journalisten mit ein paar Programmierkenntnissen stellt sich da die Frage: Kann man das nicht auch machen?

Man kann. Der @brandenbot beantwortet deutschsprachige Fragen, vorzugsweise mit Bezug zum Bundesland Brandenburg, unter Rückgriff auf die Online-Ausgabe der größten Brandenburger Tageszeitung, der “Märkischen Allgemeinen” (die nicht zufällig mein Arbeitgeber ist, aber der @brandenbot ist dennoch ein reines Freizeit-Projekt).

Hinter dem @brandenbot verbirgt sich ein kleines Pyhton-Skript von etwa 200 Zeilen, das eigentlich nur folgendes tut:

  • auf Twitter horchen, ob eine Frage an ihn gestellt wird
  • aus der Frage die relevanten Suchworte identifizieren
  • eine Suchabfrage starten und die komplette Rückmelde-Seite auslesen
  • den Seiteninhalt auswerten, bestimmte Suchergebnisse (wie dpa-Tagesvorschauen) verwerfen, doppelte Einträge ausfiltern und das Ergebnis neu zusammensetzen
  • weil pro Seite nur 20 Ergebnisse ausgegeben werden, gleich noch – sofern vorhanden – die zweite Ergebnisseite auswerten
  • eine neue HTML-Seite in einer für Mobilgeräte lesbaren Form erzeugen, die neben kurzen Anrissen den Link auf den Volltext bei der “Märkischen Allgemeinen” enthält, und auf einen Server hochladen
  • per Twitter den Fragesteller über den Link zur Ergebnisseite informieren

Nach ca. einem Tag Arbeit kann der @brandenbot Fragen beantworten wie

@brandenbot Wann ist Richfest im Potsdamer Landtag?

@brandenbot Wie haben FC Bayern München und Nürnberg gespielt?

oder

@brandenbot Gibt es Wölfe in Brandenburg?

Die ersten Ergebnisse sind in diesen Beispielen bereits aussagekräftig. Da der @brandenbot nicht auf Schlagworte o.ä. zurückgreifen kann, sondern sich auf eine Volltextsuche stützt, wird bei einer Frage nach “Merkel” auch ein Text weit oben angezeigt, der einen Fußballschiedsrichter namens “Merkel” enthält, neben sehr vielen Treffern zur Bundeskanzlerin.

Man muss den @brandenbot übrigens nicht mit vollständigen Sätzen füttern. Gerne beantwortet er auch klassische Suchanfragen wie “@brandenbot Dienstwagen Brandenburg Platzeck”.

Probieren Sie den @brandenbot doch einfach mal aus und stellen Sie ihm eine Frage (und schreiben Sie mir Ihre Meinung in die Kommentare hier) – aber vergessen Sie nicht, dass es sich nur um eine Spielerei handelt um zu zeigen, mit wie wenig Aufwand solche Aufgaben eigentlich zu lösen sind.

Update 4.11.2011:

Der @brandenbot beantwortet jetzt auch Mails, die an brandenbot [ät] streim.de gerichtet sind. Die Frage muss in der Betreffzeile stehen, zum Beispiel “Was ist mit dem Referendum in Griechenland?”. Der Text der Mail kann leer sein, er wird ignoriert.

Der @brandenbot schickt dann an binnen 3 bis 5 Minuten eine Antwort an die Email-Adresse, von der die Frage kommt.

Auf der anderen Seite

Journalisten schreiben in der Regel nicht über sich selbst, sondern über andere. Wirtschaftsjournalisten wie ich schreiben oft über Firmen. Produkte, Entwicklungen, Veränderungen – aber auch Übernahmen.

Ein bisschen merkwürdig ist es, wenn man sich plötzlich auf der anderen Seite wiederfindet. Und der Branchendienst kress berichtet:

kress: FAZ will "Märkische Allgemeine" verkaufen

kress: FAZ will "Märkische Allgemeine" verkaufen

Tu einfach was Du willst

…oder: 10 Minuten Fortbildung für Chefs

Was würde in einer Zeitungsredaktion passieren, wenn man das ausprobieren würde? Was würde herauskommen, wenn man die Leute machen lassen würde, sie einen Tag für eigene Projekte, eigene Ideen, Innovationen hätten? Und dabei alle Unterstützung bekämen, die sie brauchen. Redakteure, Techniker, Verlagsmitarbeiter – alle kreuz und quer?

Ein spannendes Experiment.

Mimosenjournalismus

Im Netz gibt es ja den hübschen Begriff des Bratwurstjournalismus – uninteressante, schlecht geschriebene Geschichten in lokalen Tageszeitungen ohne Nachrichtenwert.

Jetzt habe ich hier direkte Bekanntschaft mit dem Mimosenjournalismus gemacht. Den kennt man sonst von Kollegen, die in Kommentaren und Analysen gerne vernichtende Urteile über ihren Berichterstattungsgegenstand fällen, es aber nicht ertragen können, wenn ihnen selbst gegenüber Kritik geäußert wird.

Hardy Prothmann hat eine viel zitierte Polemik gegen Tageszeitungsredakteure geschrieben. Obwohl ich den Autor bisher in gedruckten Interviews, Geschichten und im Netz als interessanten Ideengeber, der manchmal etwas übertreibt, erlebt habe, hat mich dieser Text richtig geärgert. Ich halte ihn für überzogen, gelinde gesagt. Ich habe eine Antwort verfasst. Die hat mir das zweifelhafte Vergnügen einer Diskussion mit dem Autor auf Google+ eingebracht. Und da wird mir gesagt:

Kleiner Tipp – ich würde an Ihrer Stelle nochmal über gewisse Formulierungen genau nachdenken. Das könnte von Vorteil sein. Ich sehe nämlich nicht, dass ich das, was Sie mir unterstellen, geäußert habe. Ich gebe Ihnen ein wenig Zeit, sich Gedanken zu machen – auch wenns Ihnen vielleicht schwer fällt.

Die Frage, was denn falsch sei, damit man darüber diskutieren könne, wurde nicht beantwortet. Stattdessen

Von meiner Seite aus gibt es kein Interesse an einer Diskussion mit Ihnen. (…) Ich habe Ihnen einen freundlichen Hinweis gegeben, es ist an Ihnen, ob Sie darauf reagieren.

Und final, auf den Hinweis, dass ich eigentlich weder Rätselraten noch Drohungen besonders toll finde, der Satz

Herr Streim – drohen geht bei mir anders. Seien Sie froh, dass ich Ihnen bislang nur einen Hinweis gegeben habe. Nutzen Sie ihn.

Warum musste ich nur beim letzten Satz an das “mafiose System” denken, das in dem Ursprungstext in Zusammenhang mit den Redakteuren gesehen wird? Ich grübele immer noch, ob das ein Zitat aus “Der Pate II” ist.

Ich habe nach wiederholter Lektüre meines Ursprungstexts überlegt, alles einfach schulterzuckend so zu lassen. Oder den Text komplett zu löschen – weil ich einfach keine Lust auf eine solche (juristische?) Auseinandersetzung habe. Ich mache das hier zum Spaß (bzw. aus Ärger), nicht um Geld zu verdienen.

Ich habe mich gegen beide Optionen entschieden. Und den Text ein wenig überarbeitet, so dass die Erwähnung des nichtdrohenden Polemik-Autors auf ein absolutes Minimum zurückgefahren wurde. Und damit ist die Sache für mich jetzt auch erledigt. So wichtig ist dieser Ursprungstext nun auch wieder nicht, dass man übermäßig viel Lebenszeit damit verschwenden sollte.

Ich bin unsolidarisch, arrogant, unfähig und ein echter Arsch

Ich bin unsolidarisch, arrogant, unfähig und ein echter Arsch – das würde ich von mir selbst natürlich nicht einfach so sagen. Und ich glaube auch nicht, dass es stimmt. Aber es gibt jemanden, der würde das vermutlich anders sehen: Hardy Prothmann, Journalist und Unternehmer, brancheninterner Vorzeige–Blogger.

Herr Prothmann schreibt in einem Blogbeitrag einen recht langen Text – im Netz würde man es gemeinhin wohl als Rant bezeichnen – darüber, warum er keinen Funken Solidarität mit den streikenden Zeitungsredakteuren hat. Und warum dieser ganze Berufsstand sowieso, ich fasse jetzt mal frei zusammen, Abschaum ist.

Das liest sich dann so:

Deswegen hat es sich auch schon mit meiner Solidarität gegenüber den Zeitungsredakteuren. Ich werfe den meisten von ihnen Kumpanei, Mittäterschaft, Honorar-Dumping, Untertanentum, Eitelkeit, Überheblichkeit, Weltentrücktheit und Respektlosigkeit vor. Sie sind Teil eines mafiosen Systems und haben solange still gehalten, solange sie ihren Teil der Beute abbekommen haben. (…)

Es gibt keinen unsolidarischeren Haufen als diese Zeitungsredakteure, die sich einen Dreck drum scheren, wie es “ihren” freien Mitarbeitern geht. Meist erlebt man Arrogantlinge, die vor Selbstüberheblichkeit kaum noch laufen können und mit ihrer Schere im Kopf ständig bemüht sind, keinen Ärger zu bekommen, statt “Anwalt des Lesers” zu sein und “Missstände aufzudecken”. (…)

Man kann vermuten, dass einige Redakteure bei Tageszeitungen journalistisch auch einfach zu inkompetent sind, um dieses Zusammenhänge verstehen zu wollen, geschweige denn zu sehen.

Und wenn Leserinnen und Leser wüssten, wie respektlos und despektierlich sich “Redakteure” oft über ihre Kunden auslassen – sie wären entsetzt. “Die da draußen” sind für viele Redakteure einfach nur dumme Leute.

etc. pp.

Demgegenüber wird der fleißige Freie gestellt, der nur dem journalistischen Ethos verpflichtet ist, absolut druckfertige und auf Zeile geschriebene Texte abliefert, und dafür mit einem Hungerlohn abgespeist wird.

Es wäre billig mit den Beispielen aus dem Arbeitsalltag zu kontern, in denen ein Freier statt zu recherchieren nur mit einer Person redet, am besten noch am Telefon, und das dann runterschreibt. In einer Sprache, die entfernt an Deutsch erinnert. Und das Ergebnis per Mail schickt, wodurch die Länge nicht so ganz mit dem Vereinbarten übereinstimmt. Oder den eigenen Verein / Freund ins beste Licht rückt bzw. den Lieblingsgegner mal wieder so richtig in die Pfanne haut. Und grantig wird, wenn der Redakteur das hinterfragt, kritisiert, redigiert.

Nein, das würde nicht weit genug führen. Diese Verallgemeinerung der Tageszeitungsredakteure – auch wenn bemüht häufig von “die meisten” gesprochen wird, ohne Zahlen zu nennen (die es ja auch nicht gibt) – funktioniert nicht, genauso wenig wie mit “die meisten Ärzte sind nur geldgierige Porschefahrer”, “die meisten Anwälte sind Schweine, denen alles Recht ist, wenn sie nur ihr Honorar bekommen”, “die meisten Polizisten sind Rassisten und geil darauf, mal ordentlich zuzuschlagen”. Ein guter Journalist sollte eigentlich schon früh in seinem Berufsleben gelernt haben, sich vor solchen Verallgemeinerungen zu hüten. Und vor der inflationären Benutzung von “die meisten”, wenn man keine Quelle angeben kann.

Ja, Redakteure sind Angestellte die (in der Regel) das tun, was ihnen Vorgesetzte anweisen. Wie in jedem Betrieb. Weil sie ihren Job behalten wollen – was für mannchen offenbar an sich schon verwerflich ist. Sie zahlen die Sätze, die eine Honorarrichtlinie vorsieht und legen nicht einfach mal einen Fuffi oder Hunni drauf, weil der freie Kollege sich so bemüht hat. Sie drucken kürzere Texte als ursprünglich geplant waren, weil ihnen eine Anzeigenabteilung plötzlich eine Anzeige auf die Seite gesetzt hat (durch die Gehälter und Honorare bezahlt werden).

Ja, Redakteure sprechen manchmal abwertend über andere, auch über Leser. Allerdings auch über Chefredakteure und Geschäftsführer, hin und wieder. Wer allerdings schon einmal Ärzte über ihre Patienten, Anwälte über ihre Mandanten oder Politiker über die Wähler hat reden hören, der dürfte wissen: das ist etwas ziemlich normales. Frustabbau. Und ich kenne sogar Freie, die sich abfällig über Leser geäußert haben. Und, ja, sogar Online-Journalisten, die so über die Internet-Kundschaft sprechen.

Ja, es gibt Redakteure, die ihre kleine Macht gegenüber den Freien ausleben. Das sind aber meistens solche Charaktere, die sich gegenüber festangestellten Kollegen oder Redakteuren, über denen sie stehen, auch nicht anders verhalten. Aber es gibt auch Redakteure die sich bemühen, den vorhandenen Spielraum – der immer kleiner wird – auszuschöpfen und versuchen, fair mit Freien, die sie als Kollegen ansehen, umzugehen. Ich kenne sogar einige von ihnen.

Ich glaube übrigens nicht, dass es bei der Polemik gegen Redakteure darum ging, auf irgendwelche Missstände hinzuweisen oder gar auf Besserung hinzuwirken. Sondern vor allem um Aufmerksamkeit, Klicks, Interviewanfragen, Publicity, Marketing. Und das ist ja auch gelungen. Irgendwie finde ich das ziemlich unsolidarisch und arrogant. Aber unfähig, das ist es wirklich nicht.

Ich habe die erste Fassung des Textes ein wenig überarbeitet, nachdem wir der Autor der Polemik eine Nicht-Drohung hat zukommen lassen. Dazu hier mehr.

Neu angestrichen

Ich habe diesen kleinen Blog in den vergangenen Wochen und Monaten etwas vernachlässigt. Twitter, Facebook und jetzt Google+ ziehen Aufmerksamkeit und Inhalte ab. So ist das. Leider.

Aber ich habe mir vorgenommen, hier wieder mehr digitales Tagebuch zu führen und Dinge zu notieren, die mir Aufschreibenswert erscheinen. Und damit es mir mehr Spaß macht, habe ich hier mal neu angestrichen. Und mich von meinem alten, etwas (auch technisch) in die Jahre gekommenen Desgin getrennt:

Das neue Titelfoto “Zweifel” habe ich während des Abrisses des “Palast der Republik” aufgenommen. Es war eine Kunstaktion – aber ich finde, “Zweifel” passen gut zu einem Blog, noch dazu zu einem, das von einem Journalisten geschrieben wird. Meines Erachtens sollten Zweifel eine Grundeigenschaft jeden Journalisten sein.

Zweifel daran, ob das, was einem da gerade erzählt wird, stimmen kann. Zweifel daran, ob die Kritik an einem Sachverhalt richtiger ist als der Sachverhalt selbst. Zweifel an seiner eigenen Arbeit, daran, ob man es gerade richtig macht. Kaum ein anderer Berufsstand hat die Zweifel so sehr instutionalisiert wie die Journalisten – wir nennen das organisierte Zweifeln “Blattkritik” und lassen sie keinen Tag ausfallen.

Aber auch grundsätzlich finde ich, dass es zu wenig Zweifel und zu viele Nicht-Zweifler, zu viele Ideologen, gibt.

Aber eigentlich sollte es hier ja nur um das neue Design gehen. Das ich wieder mehr mit Inhalten füllen will. Und falls hier mal demnächst was nicht so klappt, wie es sollte, bitte ich um Nachsicht. Und eine kurze Mitteilung.

Ich fühl’ mich so mobil

Ich habe schon Apps auf meinen PDA und mein Handy geladen, als man bei Apple – sofern man überhaupt wusste, was das sein soll – allenfalls an Mac dachte. An schicke PCs halt, nicht mehr. iPhone? Gab’s nicht. Damals waren die Dinger von Palm oder Sony Ericsson. Und ich habe viel Geld in die Geräte investiert. Und viel Spaß damit gehabt.

Aber ehrlich gesagt: Dass das Zeug massenkompatibel sein soll, das konnte ich mir nicht vorstellen. Viel zu frickelig. Im Internet surfen ging, ja (laaaangsam!). Aber der Bildschirm war so klein, dass es eher eine Demonstration war, was technisch möglich ist, und weniger realen Nutzen hatte.

Inzwischen bin ich mir sicher, dass diese ganzen Studien, dass die mobile Web- und Appnutzung das stationäre Internet via PC abhängen wird, recht behalten werden. Wenn wir uns heute Gedanken darüber machen, einen Internetauftritt zu modernisieren, dann klingt das irgendwie sehr nach 90er Jahre. Mobil, das ist einfach geworden, praktisch und bequem.

Zum Beispiel ein Bahnticket via Handy kaufen. Habe ich vor ein paar Monaten zum ersten Mal gemacht. Am Münchener Flughafen habe ich auch nach der dritten Runde die Fahrkartenautomaten des Schienenunternehmens nicht gefunden. Kann gar nicht sein, ich weiß, aber ich schaffe das. Ich muss mich dazu nicht mal anstrengen. Aber ich wusste, dass die S-Bahn gleich losfährt und ich sonst meinen Anschlusszug nach Prien verpassen würde. Also bin ich ans Gleis runter und habe dort, in den wenigen Minuten bis die S-Bahn losging, via Bahn-App auf meinem Android-Handy das Ticket gekauft.

Ein paar Klicks, eine Pin. Fertig. Und die Schaffnerin konnte tatsächlich den komischen Barcode mit ihrem Gerät auslesen und feststellen: bezahlt. Technik die begeistert.

Oder die letzte Bastion der Totholz-Benutzer, der Internetausdrucker: der Brief. Spätestens gegen Ende Mai, wenn die Steuererklärung weggebracht werden muss, fehlt sie, die Briefmarke. Man muss an einer Postfiliale vorbei, mindestens den dort stehenden Briefmarkenautomaten füttern (der das Rückgeld penetrant in wertlosen 5-Cent-Marken gibt, die man danach eh wegschmeißt oder verliert, da müssten Verbraucherschützer mal aktiv werden) und dann das Kuvert frankieren und in den Postkasten werfen. Anders geht’s nicht.

Dachte ich. Denn die Deutsche Post ist innovativer als ich dachte. Man kann Briefmarken im Internet kaufen, per Paypal(!) bezahlen, ausdrucken und aufkleben. Fertig.

Aber es geht noch besser. Mobil. Mit einer App fürs Handy. Damit kann man (zu Apothekenpreisen, zugegeben, aber dafür immer und überall) einen Brief frankieren, indem man das Porto per SMS kauft und per Hand einen Code auf den Umschlag schreibt. Nie wieder Automaten- oder Filialzwang! Und man kann in der App sogar den nächsten Briefkasten suchen und die Leerungszeiten anzeigen lassen.

Und jetzt die Sparkassen. Die wollen an ihre Kunden künftig EC-Karten mit einem Funkchip (NFC-Chip) ausgeben, der berührungsloses Bezahlen ermöglicht. Das klingt innovativ, ist es aber nicht wirklich. Eher ist es der – am Ende womöglich hilflose – Versuch, Google auf Distanz zu halten. Denn Google startet in den USA gerade den Dienst Wallet, durch den das Handy künftig Brieftasche mit EC- und Kreditkarte ersetzen könnte. Im Handy dazu nötig: ein NFC-Chip.

Meine Einschätzung: In zehn Jahren werden wir ganz normal mit dem Handy an der Kasse bezahlen – und uns nur noch vage an Plastikkarten erinnern. So wie meine Erinnerung an Briefmarkenbögen langsam verblasst. Und wann ich zum letzten Mal am Schalter ein Bahnticket gekauft habe, das auf diesem Kartonzeugs ausgedruckt worden ist.

Ich arbeite in einer Branche, die bei diesen Veränderungen auch eher staunend zuschaut. Tageszeitungen werden – allen technischen Weiterentwicklungen zum Trotz – ähnlich produziert und ausgeliefert wie vor einigen Jahrzehnten. Und es gibt nicht wenige Kollegen die meinen, es werde das gedurckte Nachrichtenangebot immer geben, die Dot-Com-Euphorie sei ja schließlich auch vergangen. Ich denke, eigentlich müsste man sich weniger Gedanken darüber machen, wie die Leute heute anders als auf Papier ihre Zeitung lesen wollen/können, sondern wo sie in fünf oder zehn Jahren stehen werden. Und in diese Richtung müsste der schwerfällige Tanker “Medien” dann steuern. Sonst hetzt er im Zickzackkurs immer nur den schnittigen und schnellen Entwicklungen hinterher.