Ich schaue App

Aha, die Verleger klagen also gegen die Tagesschau-App, die die “Tagesschau” im Original-Format sowie eine 100-Sekunden-Webfassung in Bewegtbildern auf Smartphone und Tablets bringt. Und dazu auch Texte liefert.

Jetzt stecke ich in einem Dilemma, weil die FAZ, der mein Arbeitgeber – die “Märkische Allgemeine” – zu 100 Prozent gehört, zu den Klagenden gehört. Und ich die App sowohl auf meinem Handy als auch auf meinem Tablet installiert habe. Weil sie gut ist. Weil sie informativ ist. Und weil ich mit meinen Gebühren die Sender finanziere, auch wenn ich nur selten den Fernseher für die “Tagesschau” einschalte. Um diese Zeit hat unser Sohn derzeit grundsätzlich sein Bettgeh-Ritual terminiert.

Ob die ARD nun so eine App publizieren darf oder nicht, das sollen die Juristen unter sich ausmachen. Was der Drei-Stufen-Test ist und warum im Internetangebot der Sender Beiträge nur sieben Tage vorgehalten werden dürfen, das können normale Menschen – und zu denen zähle ich mich trotz meines Journalist-Seins weiter – kaum mehr verstehen. Und ich behaupte: die meisten wollen es auch gar nicht.

Aber die Hoffnung, dass man durch das Wegklagen der “Tagesschau”-App, so es denn gelingt, das Geschäftsmodell “App für journalistische Inhalte” vor der Kostenlos-Kultur schützen kann, halte ich für illusorisch. Selbst wenn zunächst alle Medienhäuser nur Bezahl-Apps anbieten würden, irgendwann wird dann einer auf die Idee kommen, sein Angebot kostenlos zu machen und auf Werbung zu setzen. Die sich dank des dann großen Zulaufs plötzlich rechnen könnte. Wäre es anders, könnten doch ziemlich schnell auch heute schon die Web-Angebote der Medien kostenpflichtig werden – nur würde dabei “Spiegel Online” oder irgendein anderer nicht mitmachen. Und damit hätte sich der schöne Plan erledigt.

Was die vermeintliche Konkurrenz angeht: App steht nicht für Apple, liebe Verlagsbranche. Ich würde übrigens auch Bezahl-Apps neben einer kostenlosen “Tagesschau”-App installieren. Das würde aber voraussetzen, dass es die überhaupt erstmal gibt*. Für mein Android-Handy ist das Angebot der Medienhäuser allerdings ebenso wenig existent wie für mein Android-Tablet. Die “Tagesschau” dagegen ist einfach da. Und deshalb werde ich sie vorerst sicher nicht löschen.

*Ja, ich weiß: “Bild” gibt es. Aber das ist jetzt eine andere Diskussion.

Nach der Krise ist nach der Krise

Der Besuch des Tages des Wirtschaftsjournalismus der Kölner Journalistenschule ist für mich ja fast schon sowas wie eine gute Tradition geworden. Ich habe bei der Veranstaltung am 30. März wieder den Tagungsbericht geschrieben, der allerdings noch nicht online auf die Seite gestellt wurde Update 19.4.2011: der sich hier lesen lässt. Den will ich jetzt hier nicht noch einmal wiederholen, aber ein paar persönliche Gedanken, die man bei einer reinen Wiedergabe der Inhalte nicht unterbringt.

Mein grundsätzlicher Eindruck: Nachdem in der Vergangenheit die Umwälzungen durch Internet & Co. und der Druck, der auf den etablierten Medien lastet, im Vordergrund stand, klang es in diesem Jahr eher nach “so schlimm wird es schon nicht werden”.

Tom Standage vom “Economist” etwa glaubt zwar, dass durch die zunehmende Menge an Informationen, die überall frei verfügbar sind, Zeitungen unter Druck geraten, die gerade für diese Informationen Geld nehmen wollen. Auf der anderen Seite betont er aber, dass der Wirtschaftsjournalismus davon besonders wenig betroffen sei – deren Kundschaft habe viel Geld und wenig Zeit. Und bezahle gerne auch für eine gute Aufbereitung dessen – Analyse, Filterung – was anderswo womöglich kostenlos zusammenzusuchen ist.

In ein ähnliches Horn stieß Philip Welte, Vorstand Hubert Burda Media, der die “morbiden Anwandlungen der Branche” kritisierte. Der Printjournalismus sterbe “seit 15 Jahren auf der Bühne dahin, und das bei zweistelligen Renditen”, so Welte. Das Internet habe zu massiven Veränderungen geführt und die Medienwelt vom Push- in den Pull-Modus überführt. “Die Hoheit über den Konsum liegt beim Konsumenten, der knappe Faktor ist nicht mehr das Angebot, sondern die Aufmerksamkeit der Konsumenten”, so Welte.

Doch die Folgen seien andere als häufig behauptet – denn der mündige Konsument kaufe … gedruckte Zeitschriften. Die eigentliche Herausforderung seien deshalb die Sozialen Netzwerke, die die Aufmerksamkeit der Menschen immer mehr auf sich ziehen. Doch auch da ist Welte optimistisch: “Verlage können Community”, sagte er selbstbewusst, Zeitschriftenmarken seien schon immer Community-Hubs gewesen und hätten hohe Reichweiten in klaren Zielgruppen aufgebaut.

Und dann legte Nikolaus Förster, Chefredakteur Impulse, noch eines drauf und erklärte die heftig geführte Debatte um die Zusammenlegung der Gruner+Jahr-Wirtschaftstitel für beendet – und zwar, weil sie eine einzige Erfolgsgeschichte seien. Man habe heute schlicht mit 250 redaktionellen Mitarbeitern “die größte Wirtschaftsredaktion Deutschlands” und profitiere von den tollen Netzwerken der Kollegen. Strukturelle und individuelle Vorteile habe die neue Struktur, die vielleicht nicht für jeden tauge, aber bei Gruner+Jahr einfach knorke funktioniere. Nur dass kein einziges kritisches Wort, kein einziger Aspekt, bei dem es Reibungsverluste gibt, lässt man mich ein wenig daran zweifeln, dass uns da die ganze Wahrheit erzählt wurde.

Und noch eine Erfolgsgeschichte gab es zu erzählen, diesmal von Jörg Eigendorf, Mitglied der Chefredaktion und Chefreporter der Welt-Gruppe, der über den Aufbau “des I-Teams”, einer investigativen Reportertruppe, bei der Welt-Gruppe berichtete. Auch dort gilt: alles super. Und seitdem man die Agentur-Meldungen, die man erzeugt, in Kategorien von eins bis fünf (bloßes Wiedergabe einer rumgeschickten Interview-Äußerungen bis zum Mega-Scoop mit nachhaltiger Wirkung auf die Republik) einteilt, ist die Wirksamkeit des eigenen Journalismus sogar messbar. Der allgemeine Trend zu Investigativ-Teams bei verschiedenen Medien sei zwar „eine Modewelle, aber eine berechtigte“. Es sei der „ehrliche Versuch“, die Qualität von Ressorts zu verbessern, glaubt Eigendorf.

Selbst Gabor Steingart, Chefredakteur des “Handelsblatt”, ist nicht bange – sieht er doch nicht nur die Medienlandschaft, sondern die ganze Gesellschaft in einem gewaltigen Umbruch. Wechselwähler statt Stammwähler, Jobhopper statt Stammbelegschaften und dazwischen irgendwie auch Internet-Leser statt Abonnenten. “Die ganze Umgebung hat ihren Aggregatzustand von Fest auf Flüchtig gewechselt“, so Steingart. Die Welt sei “unkalkulierbar” geworden, wie gerade auch die Umbrüche im Nahen Osten zeigen würden, aber es gelte weiterhin der alte “Handelsblatt”-Werbespruch “Aufstieg durch Abo” – nur wer eine Qualitätszeitung lese, könne in dieser verändernden Welt nach oben kommen. Und weil keiner wisse, wohin sich alles entwickle, so die angenehme Interpretation der Steingartschen Botschaft, kann man als Printmedium auch nichts falsch machen. Der einzige Fehler wäre nur, sich gar nicht mitzuverändern.

Ein These, die auch der Vortrag von Richard Gutjahr – Blogger und Journalist beim Bayerischen Rundfunk – unterstrich. „Man muss Dinge ausprobieren“, weil keiner die Antwort habe, was zu tun sei, damit sich Journalismus wieder lohnt. Gutjahr ist deshalb auf eigene Faust nach Kairo gereist, um dort über die Demokratiebewegung zu berichten, als die Demonstrationen am zentralen Tahir-Platz an Kraft gewannen. Ohne redaktionelle Zwänge und dank Twitter & Co. im direkten Kontakt mit seinen Lesern berichtete Gutjahr über all das, was er selbst erlebte. „Ich habe mich auf einmal wieder frei gefühlt“, so Gutjahr. Finanziell konnten dank Spenden und Honoraren klassischer Medien immerhin die eigenen Kosten gedeckt werden – von Gewinn aber keine Spur. Sein Rat an angehende Journalisten: werdet tradigital journalists, eine Symbiose aus traditional und digital journalists.

Während die Medienschaffenden, vor allem jene, in verantwortlicher Funktion, also ganz zuversichtlich in die Zukunft schauen und mit dem Stand des Wirtschaftsjournalismus ganz zufrieden sind, kann die Wissenschaft darüber nur den Kopf schütteln.

Prof. Dr. Kurt Imhof von der Universität Zürich stellte mit Blick auf die Schweizer Medien fest, dass seit Jahren immer weniger volkswirtschaftliche Zusammenhänge vermittelt würden, stattdessen werde stärker auf Personalisierung – “Manager des Jahres” – gesetzt. Und dann gebe es Moden, auf die alle Medien aufsprängen, etwa wenn in einem Umfang über die Finanzbranche berichtet würde, die ihrem Anteil am BIP in keiner Weise entspricht. Allerdings fragte Imhof nicht, ob dies möglicherweise an der Bedeutung von Banken und Versicherungen für andere Branchen liegen könnte – die von einem Zusammenbruch der Finanzwelt sofort indirekt betroffen wären. Seit den 90er Jahren sei zudem eine Verringerung der Distanz zum Berichterstattungsgegenstand festzustellen, die Wirtschaftsjournalisten würden über die Krise schreiben, sobald der Aktienindex einbreche – und wenn es wieder aufwärts gehe, sei auch die kritische Berichterstattung beendet. Es gebe praktisch keine abweichenden Meinungen innerhalb der Medienbranche, keine Spur von Frühwarnfunktion und Aufklärung. Imhof forderte deshalb einen Neuanfang: “Der Wirtschaftsjournalismus braucht eine Reset-Taste.”

Und seine Kollegin Prof. Dr. Dr. habil. Claudia Mast von der Universität Hohenheim/Stuttgart stieß ins gleiche Horn, unter Berufung auf eine Umfrage unter Bürgern und Entscheidern, die in Zusammenarbeit mit der ING-Diba entstanden ist. Rund 40 Prozent der Menschen seien mit den Leistungen der Journalisten in der Krise unzufrieden. Die übliche Personalisierungsstrategie der Medien werde nur von etwa jedem zehnten Befragten begrüßt, die große Mehrheit will über (politische) Zusammenhänge und Institutionen informiert werden. Mast forderte die “Ent-BWLisisierung des Wirtschaftsjournalismus”. Allerdings stehen die Ergebnisse dieser direkten Fragen eher im Gegensatz zu den Geschichten, die beim Leser gut ankommen – wenn man ihn nicht abstrakt fragt, was er denn gerne hätte, sondern ihm konkrete Angebote macht.

Mein Fazit

Es war, wie in der Vergangenheit, ein Tag mit vielen Anregungen und wenigen Antworten. Manchmal wäre es schön gewesen, ein Thema, einen Vortrag noch etwas vertiefen zu können. Und von manchem Referenten hätte man sich etwas mehr Offenheit und Selbstkritik gewünscht, anstatt weichgespülter Verlags-PR.

Ohnehin sind die Verantwortlichen nicht immer die besten Referenten, manchmal wären einem die Macher lieber. Richard Gutjahr hat mit seinen direkten Erfahrungen und auch mit seiner offenen Selbstreflexion die Veranstaltung auf jeden Fall bereichert.

Was mir – wie eigentlich jedes Jahr – fehlte, war der Blick auf das Lokale, Regionale. Wirtschaftsberichterstattung fängt für die Kölner Journalistenschule irgendwo bei der “Welt” an und findet vor allem bei “Handelsblatt” & Co. statt. Mit der Realität hat das nur bedingt zu tun und es gäbe sicher spannende Themen, wie im Lokalen oder auf den Wirtschaftsseiten von Regionalzeitungen mit der Krise umgegangen wird oder wie diese unter Sparzwängen (noch) funktionieren können. Inzwischen glaube ich allerdings nicht mehr, dass dieses Themenspektrum irgendwann einen Platz beim “Tag des Wirtschaftsjournalismus” findet, vielleicht ist die Runde dafür zu elitär und es muss dafür ein anderer Ort her.

HTML5 killed the App Star

Jeden Tag eine neue Meldung, welche Zeitung eine iPad-Version herausgebracht hat. Ob die Oberhessische Presse, die Berliner Morgenpost oder heute “Bild” (wobei Springer den iPad-Nutzern gleich noch den Zugang zur normalen Website sperrt, wie man liest). Und in etlichen Verlagen mehr dürfte fieberhaft daran gearbeitet werden, bei den App-Festspielen dabei zu sein.

Dabei wird gerne vergessen, dass sich das iPad zwar für technische Geräte verkauft wie geschnitten Brot, aber die Durchdringung der Gesamtbevölkerung eher gering ist und der Massenmarkt womöglich in Kürze mit Geräten von zahlreichen Herstellern wie Samsung, Acer, Toshiba & Co. auf Android-Basis aufgemischt wird. Einfach weil es ein breiteres Angebot auch zu deutlich niedrigeren Preisen als bei Apple geben wird. Und dann werden neue Apps fällig, neue Abo-Modelle etc.

Vor allem aber: Vielleicht braucht man bald gar keine Apps mehr, um Webinhalte komfortabel zu durchsurfen und auch mitnehmen zu können, so dass man sie ohne Datenverbindung weiter nutzen kann. Der Grund dafür heißt HTML5 – und Google (wer sonst) hat gestern bei der Vorstellung seines Betriebssystems Chrome OS und der neuesten Version des Browsers Chrome (blöde Namensgleichheit, übrigens) gezeigt, was darin steckt.

Eine Website wie diese der “New York Times”, die man mit modernen Browsern anschauen kann, vermittelt bereits den Eindruck, das Look&Feel, einer App. Aber sie funktioniert auf allen Geräten. Egal ob Desktop PC, Notebook, Smartphone, Pad oder Tab. Keine unsympathische Vision.

Ein zu früher Abgesang

Christian Jakubetz hat sich Gedanken über die Zukunft der (gedruckten) Tageszeitungen gemacht und diese in “10 Thesen” gepackt. Wieder mal Thesen, könnte man sagen. Wieder mal eine Zukunftsvision in den düstersten Farben.

Was mir allerdings gefallen hat: Jakubetz hat sich nicht, wie so oft, an den Prominenten der Branche, den überregionalen Blättern, abgearbeitet, sondern er legt den Fokus auf die regionalen Zeitungen. Und er legt den Finger in die Wunde, etwa wenn er über Personalabbau spricht, der immer mit Qualitätseinbußen einhergeht, oder über Führungspersonal, das Internet immer noch dafür hält, dass man bei Google eine Webseite findet.

An manchen Stellen irrt er meines Erachtens abe auch – womöglich, damit die Generalthese vom Ende der Zeitung(en/sverlage) aufgeht. Zum Beispiel wenn er schreibt:

Tageszeitungen hätten in diesem Segment ein massives Kompetenzproblem. Niemand würde dem “Schwarzwälder Boten” oder der “Passauer Neuen Presse” ähnliche inhaltliche Kompetenz zugestehen wie dem “Spiegel” oder der “FAS”. Zudem liegt es ohnedies in der Natur der Sache, dass man Hintergründe, Analysen, Kommentare möglicherweis eher einmal pro Woche geballt lesen will als jeden Tag.

Widerspruch, euer Ehren. Wer dem “Spiegel” oder der geschätzten “FAS” für das, was im Land Brandenburg vor sich geht, mehr Kompetenz zutraut als der “Märkischen Allgemeinen”, mit dem würde ich mich gerne einmal unterhalten. Vieles, was in den überregionalen Blättern Wochen später aufgegriffen wird, ist doch – freundlich formuliert – aus vorheriger regionaler und lokaler Berichterstattung destiliert worden. Und einen Kommentar oder eine Analyse über den Bürgerhaushalt in Potsdam wird der geneigte Leser im Netz vermutlich nur aus der Berichterstattung der Lokalzeitung finden, kaum bei der “NZZ” oder der “Zeit”.

Richtig ist, dass man sich auf dieser – realen! – lokalen Stärke nicht ausruhen darf. Die Konkurrenz, die früher wegen hoher Druck- und Vertriebskosten keine Chance hatte, steht womöglich vor der Tür, wie Jakubetz feststellt:

Fragt man die Macher von Regionalzeitungen nach ihren eigentlichen Stärken, wird sofort das Lokale genannt. Was auch richtig ist, aber auch hier wiederholt sich gerade Geschichte: Sie ruhen sich auf dieser Stärke und diesem vermeintlichen Monopol aus, übersehen aber, dass auch der Lokaljournalismus sich wandeln wird. Er wird hyperlokal, er geht ins Netz.

Man muss aber dazu sagen, dass dies auch nur für Regionen gelten wird, die zumindest eine bestimmte Größe / Einwohnerzahl und wirtschaftliche Stärke haben. Denn auch diese hyperlokalen Angebote werden sich über kurz oder lang refinanzieren müssen.

Ein Aspekt wird meines Erachtens in den “10 Thesen” allerdings völlig übersehen, einen großen Vorteil von (regionalen) Tageszeitungen, den es vielleicht gilt, stärker herauszustreichen. Natürlich kann ich heute im Netz dort die beste politische Analyse zu den USA finden, hier die detaillierteste Sportberichterstattung über meinen Lieblingsverein, ein paar Klicks weiter wieder das feinsinnigste Feuilleton durcharbeiten um dann noch schnell bei der Regionalzeitung die Heimatnachrichten zu lesen. Das alles kostet aber Zeit und erfordert Recherche (wo finde ich was eigentlich?) – und genau das ist etwas, wofür Leute schon immer ihre Zeitung bezahlt haben. Nämlich dass sie aus dem viel zu umfassenden Weltgeschehen eine Vorauswahl für mich trifft.

Es mag sein, dass heute angesichts der Altersstrukturen in Redaktionen, die Jakubetz kritisiert, diese Auswahl nicht mehr dem entspricht, was (potenzielle) Leser sich wünschen. Möglich. Aber daran, dass ich gerne jemanden bezahle, der mir diese Auswahl abnimmt, ändert das nichts.

Und die Zeitungslektüre sorgt dafür, dass ich erst auf Themen stoße. Ein Korrespondentenbericht über zwei Protagonisten der “Tea Party” in den USA neben der Geschichte, dass immer mehr Jugendliche in Brandenburg zu Hause keine warme Mahlzeit bekommen als Beispiel aus der heutigen “Märkischen Allgemeinen”. Abgesehen davon, dass der zweite Text eine exklusive Geschichte ist, die ohne die Zeitung nirgendwo stünde, wäre zumindest ich nicht darauf gekommen, mir genau das heute anderswo zusammenzulesen.

Mir ist die 10. Fazit-These deshalb zu negativ:

Es gibt kein schlagendes Argument mehr für die Tageszeitung alter Prägung. Man kann sie lesen, muss man aber nicht. Sie ist zu langsam, um aktuell zu sein. Sie ist zu sehr im Platz limitiert, um umfangreich zu sein. Sie ist zu sehr generalistisch, zu wirklich in allen Bereichen kompetent zu sein. Sie wird in angestammten Märkten an vielen Rändern bedrängt, hat aber nicht die Option, selbst andere in ihren Märkten anzugreifen. Sie hat häufig über viele Jahre nur reagiert, statt zu agieren. Überleben werden die, die von ihren Lesern aus Überzeugung und Begeisterung gekauft werden. Das ist eine Minderzahl. Verabschieden werden wir uns von denen müssen, die Journalismus nur verwalten – statt ihn zu machen.

Die Zeitung als Dienstleister der Nachrichtensammlung, Gewichtung, Verarbeitung und Aufbereitung hat aus meiner Sicht gerade im Lokalen/Regionalen eine Zukunft. Allerdings ist richtig, dass man nicht einfach so weitermachen kann wie bisher – und gleichzeitig die bisherigen Leser, die womöglich jenseits der 60 nicht stundenlang im Internet surfen, nicht alleine lassen darf. Sicher ist dabei, dass die Zukunft digital ist und im Netz liegt. Und dass zu wenig Führungspersonal und Redaktionsverantwortliche selbst dort Erfahrungen sammeln, sondern eher beim Thema “alle Medienkanäle bedienen” im Jahr 2010 noch von “SMS-Nachrichten” sprechen.

Ein Politik- oder Wirtschaftsredakteur der erklärt, er schaue grundsätzlich kein Fernsehen und höre Radio nur dann, wenn es sich nicht verhindern lässt, würde wohl kopfschütteln ernten. Wer erklärt, noch nie auf Facebook gewesen zu sein, Twitter ohne eigene Anschauung zu irrelevantem Geplapper erklärt und glaubt, dass auf Youtube ja eh nur pubertierende ihre Alkoholexzesse dokumentieren, der darf sich auf wohlwollendes Kopfnicken einstellen. Und wenn man dann noch zwei kluge Sätze über “Second Life” und “diese Apps von Apple” fallen lässt, die man bei der letzten Medienkonferenz von einem Keynote-Sprecher aufgeschnappt hat, der gilt vermutlich sogar als ausgewiesener Experte dieser “neuen Medien”.

Auf Seite 5 im Internet

Dieses Internet ist für uns Print-Leute ja schon ein komisches Ding. Wie blättert man denn da überhaupt um? Und was sollen diese Links sein, die statt Seitenverweisen überall gesetzt werden? Das kann einem schon manchmal graue Haare machen.

Oder man macht es wie die “Welt” und empfiehlt dem Leser einfach:

Schauen Sie doch auf Seite 5 im Internet, da steht der Rest.

Medien 2010

Nachdem gestern das “Heute Journal” in der Halbzeitpause als Topnachrichten das Ausscheiden der Franzosen (mit Schaltung nach Paris) und von Südafrika (mit Schaltung nach Johannesburg) ausführlich zelebriert hat, bin ich ja tendenziell für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Informationsauftrag? So wie den das ZDF versteht, bekommt das RTL und sogar N24 aber dicke hin.

Und mit weniger Worten bringt es xkcd auf den Punkt:

The Media

Ich will Panik

Bei “Anne Will” geht es um den Euro, um die Mega-Inflation, um unser Erspartes. Ich habe ja ohnehin ein Problem, mir diesen Talkshow-Kram länger aqnzuschauen. So ein Typ, der sein Buch “Die Inflationsfalle” verkaufen möchte, neben dem einen oder anderen klugen Geist wie dem Kollegen Gabort Steingart. Der Erkenntnisgewinn wird, das kann man nach zehn Minuten sagen, gering bleiben.

Was mich aber maßlos ärgert, ist der manipulative Versuch der “Anne Will”-Redaktion, da schon mal ein bisschen Stimmung zu machen. Gleich am Anfang wird der Euro-Kurs eingeblendet. Und das sieht ja wirklich dramatisch aus. Spätestens in 14 Tagen ist unser Geld nix mehr wert, oder?

Aber so ist das bei diesen Talkshows. Wenn man nur den Ausschnitt der 60 Minuten Debatte sieht und hört, dann klingt das ja auch logisch. Und es ist noch nicht einmal gelogen. Das meiste. Mal abgesehen von dem Goldspekulanten und Buchautor. Aber wenn man bereit ist, den Blick zu weiten und das eine oder andere zu hinterfragen, dann sieht es doch ganz anders aus. Vielleicht weniger dramatisch – und damit auch langweiliger und weniger gut, für Goldspekulanten und Buchautoren. Denn dann sieht zum Beispiel der Euro-Kurs zum US-Dollar seit Anbeginn der Zeit so aus:

Und, nein, ich habe keine Ahnung, ob am Ende doch der Kollaps droht, das Geld entwertet wird, der Euro verschwindet. Aber ich weiß, dass man ein solches Szenario derzeit nur zeichnen kann, wenn man Fakten – siehe Euro-Kurs – einfach ausblendet.

Verleger, bitte hinschauen

Meine These: I-Pad & Co. werden irgendwo ihre Nische finden, vielleicht werden sie sogar unsere Computernutzung revolutionieren und irgendwann Net- und Notebooks verdrängen. Aber eine neue Technik alleine wird nicht dafür sorgen, dass die Medien so weiterexistieren können wie bisher. Wenn überhaupt, dann müssen Journalisten auch Angebote produzieren, die die neuen Möglichkeiten der Technik nutzen. Die muss jemand recherchieren, erstellen, aufbereiten, darüber mit Nutzern kommunizieren, verbessern etc. Das alles hat mit I-Pad & Co. a) nur noch wenig zu tun und ist b) kein Selbstläufer, sondern kostet Geld.

Wie ich kein We-Pad sah

Heute ist es mir nach mehr als zehn Jahren als Journalist zum ersten Mal passiert. Ich war zur richtigen Zeit am falschen Ort.

Nachdem ich mich nach einem interessanten Hintergrundgespräch auf dem flachen Brandenburger Land mit der Regionalbahn von Nauen bis Berlin vorgearbeitet hatte, war ich tatsächlich pünktlich um kurz vor fünf am (vermeintlichen) Ort der Pressekonferenz. Hier, im “Adina Apartment Hotel Berlin” wollte die Berliner Firma Neofonie ihr We-Pad, die Konkurrenz zu Apples I-Pad, vorstellen. Ich hatte in der MAZ bereits darüber berichtet, aber natürlich hätte ich gerne mal eines in der Hand gehabt bzw. wenigstens live gesehen.

Das Problem: Die “Akkreditierung” zur PK war genau fünf Zeilen lang.

Hallo Andreas Streim, wir freuen uns, Ihre Akkreditierung zur WePad-Pressekonferenz der neofonie GmbH am 12. April 2010 um 17 Uhr im Adina Apartment Hotel Berlin zu bestätigen. Bitte bringen Sie diese Bestätigung zur Veranstaltung mit. Da wir mit erhöhtem Medieninteresse rechnen, bitten wir Sie um rechtzeitiges Erscheinen vor Ort.

Adina Apartment Hotel Berlin? Noch nie gehört. Keine Adresse dabei. Naja, wofür gibt es Google. Da ist es ja auch groß und gut zu sehen:

Blöd nur, dass ich dann, als ich kurz vor fünf ins Foyer des Hotels trat, zusammen mit zwei Kollegen – einer vom niederländischen Rundfunk, einer von einem Tech-Magazin – von der Dame hinter dem Empfangstresen die nette Info bekam, dass die PK im Adina Apartment Hotel am Hauptbahnhof stattfinde. Auf die Idee, dass es mehrere dieser Hotels geben könnte, wäre ich nie gekommen. In dem Fall hätte der Veranstalter doch sicher eine Adresse angegeben oder wenigstens den Zusatz “am Hauptbahnhof”. Denkt man.

Das freundliche Angebot, in Taxi zu rufen, um sich dann bis zum Ende der Pressekonferenz durch den Berliner Berufsverkehr zu stauen, habe ich dann dankend ausgeschlagen. Weshalb ich jetzt nicht weiß, wie sich das Arbeiten auf dem We-Pad anfühlt. Aber ich weiß zumindest, dass ich inständig hoffe, dass die Techniker und Softwareingenieure bei Neofonie um einige Klassen besser arbeiten, als ihre Kolleg/inn/en bei PR und Marketing. Sonst sehe ich schwarz, für die I-Pad-Alternative mit Android.