Leistung und Gegenleistung

Also gut, ich finde es in Ordnung, wenn Vize-Kanzler Guido Westerwelle mal die Frage aufwirft, wer denn möglicherweise steigende Hartz-IV-Regelsätze bezahlen soll und wie weit die Belastungen für kleine und mittlere Steuerzahler denn noch zu treiben sind. Dass er dazu von “spätrömischer Dekadenz” spricht ist zwar grober Unfug, aber vermutlich notwendig, wenn man im Medienrauschen gehört werden will.

Ein bisschen unglaubwürdig wird das Anliegen, die ehrbare Mittelschicht zu schützen, dadurch, dass er nicht auch ein paar scharfe Bemerkungen Richtung der Großverdiener loslässt, die als Sozialschmarotzer ihr Geld ins Ausland geschafft haben und sich hier von den ehrlichen Durchfüttern lassen (indem sie auf unseren Straßen fahren, in unseren staatlich subventionierten Theatern ihren Sekt schlürfen etc.). Aber gut, die Hand, die einen füttert, beißt man nicht so gerne. Ist noch nachvollziehbar.

Was ich aber wirklich nicht verstehe: Warum man sein Anliegen Tag für Tag wiederholen muss und damit immer mehr weg vom Steuerzahler geht, hin zum angeblich faulen Hartz-IV-Kassierer. Das nervt einfach nur. Und ich wüsste wirklich gerne mal, was denn Herr Westerwelle & Co. so einem 53-Jährigen in Wittenberge, Rathenow oder der tiefsten Uckermark sagen, der seit 18 Jahren von Maßnahme zu Maßnahme, von Qualifizierung zu Qualifizierung geschickt wurde. Und dem trotzdem niemand eine Arbeit geben will, auch wenn er noch so oft fragt.

Vorschlag zur Güte: Wenn Herr Westerwelle sagt, es dürfte keine Hartz-IV-Leistung ohne Gegenleistung geben, dann bin ich dafür, dass es auch für die Verantwortlichen keine Leistung mehr gibt, wenn sie einem Hartz-IV-Empfänger, der wirklich einen Job haben will, keinen geben. Dann hätte sich das Thema Hartz IV vermutlich rasch erledigt.

Und noch eine Frage hätte ich: Wenn Herr Westerwelle so lautstark betont, es dürfe keine Leistung ohne Gegenleistung geben – dann würde ich doch bitte nochmal genauer wissen wollen, wie das mit der Mövenpick-Spende war. Und welche Gegenleistung für diese Leistung genau erbracht worden ist. Vielleicht sind da im nächsten Interview drei Minuten Zeit, uns das nochmal ganz genau zu erklären. Jetzt, wo wir wissen, dass es keine gegenleistungsfreie Leistung gibt. Für die FDP.

Orte des Grauens

Wer heute als Einzelhändler seine Waren so verkaufen wollte wir vor – sagen wir mal: 25 – Jahren, der hätte vermutlich ein Problem und bald Kontakt mit einem Insolvenzverwalter.

Selbst Produkte, die sich selbst kaum verändert haben, müssen heute anders präsentiert werden, zum Beispiel in der Filiale einer Textilkette. Und Unterhaltungselektronik-Märkte sehen ja bei Neueröffnung schon anders als, als ihre Vorgänger aus dem Vorjahr: mehr Licht, mehr Platz und irgendwo eine kleine Kaffeebar zum entspannen zwischendurch. Und kein noch so “billich! billich!”-Möbelmarkt, der nicht am Eingang ein Spielparadies für Kinder aufgemacht hätte.

Nur ein Produkt wird offensichtlich weitgehend weiter so verkauft, wie man das eben “schon immer ” gemacht hat: staatliche Verwaltung. Da kann man etwa in das Bürgeramt des Berliner Bezirks Pankow in Weißensee gehen und wird von einem imposanten Foyer geradezu erschlagen, das aber praktisch leer ist. Warten darf man dann in einem engen Flur auf Stühlen, die einen arg an die eigene Schulzeit (Grundschule, später gab’s Besseres!) erinnern und auch so aussehen, als ob sie aus den guten 70ern stammen. Ob jemand schon in einer der Amtsstuben sitzt, das lässt sich nur durch Anklopfen herausfinden. Die perfekte Kulisse für einen Andreas-Dresen-Film.

Oder auf der Familienkasse der Arbeitsagentur Berlin-Mitte. Ein funktionaler Bau der Kategorie “jetzt aber mal bitte echt hässlich”. Der “Wartebereich” im ersten Obergeschoss sind eine Menge leidlich bequemer Stühle, die in den breiten, sehr breiten, Gang gestellt wurden und perfekten Blick auf die digitale Anzeigetafel bieten, welche der zu ziehenden Wartenummer sich in welches Amtszimmer bewegen darf. Da Familienkasse gibt es auch eine Reihe Wartender mit kleinen Kindern, die immerhin den breiten Gang rauf und runter laufen können. Mehr Ablenkung, als es den erwachsenen Besuchern bei der Eine-Stunde-Wartezeit an diesem Nachmittag vergönnt ist.

Bei jedem Arzt liegen, auch für Kassenpatienten, Zeitschriften aus; in manchem Ärztezentrum gibt’s inzwischen Flachbildfernseher mit Nachrichtenkanal an der Wand, Internetarbeitsplätze und kostenlosen Kaffee. Die Kosten-Nutzen-Relation scheint zu stimmen, dem Wettbewerb sei dank. Weil ehrlicherweise sind das Kosten im Centbereich je Kunde, aber für die Wohlfühlatmosphäre geradezu unbezahlbar.

Warum gibt es aber keine Spielecke bei der Familienkasse? Keinen Kaffeeautomaten für umsonst, keine Zeitschriften? Schließlich bin ich hier der Kunde und sollte mich doch wohlfühlen. Und warum wird im Rathaus Weißensee nicht das großzügige Foyer zum Wohlfühl-Wartebereich mit bequemen Stühlen umgebaut, nett gruppiert zwischen Grünpflanzen, vielleicht garniert mit freiem W-Lan und einem Wartesystem, das einem zeigt, wann man dran ist? Und von mir aus könnte die Kaffeebar, für die da prima Platz wäre, auch an einen externen Pächter vergeben werden. Am Flughafen ist ja auch nicht jeder Service umsonst.

Warum? Weil ich als Kunde des Staates schon im voraus gezahlt habe und ich keine Alternative habe, den Anbieter zu wechseln. Mein Telefon muss nicht mehr die Bundespost anschließen, was – allem Ärger mit Privaten zum Trotz – das Angebot an Geräten vergrößert und die Wartezeiten reduziert hat. Eine Vaterschaftsanerkennung oder den Kindergeldantrag nimmt aber (leider) weiter nur die staatliche Hoheit herself an. Und sieht deshalb jeden Cent, der für das Wohlbefinden der Kundschaft ausgegeben würde, ganz offensichtlich als Verschwendung an. Könnte aber ein Trugschluss sein. Wer den Bürger so behandelt und ihn, noch immer, öfter als lästigen Bittsteller als als Kunde behandelt, der produziert meiner Meinung nach mindestens so viel Politikverdrossenheit wie bei drei Sendungen “Anne Will” am Stück.

Einziger Lichtblick: Der Trend geht dazu, dass zumindest der technisch versierte Bürger diese Orte des Grauens immer kürzer aufsuchen muss. Zwar kann man unverständlicherweise die meisten Anträge nicht online stellen, aber Berlin bietet inzwischen zumindest die Vergabe von Terminen in den Bürgerämtern via Internet an. Das funktioniert recht gut – so lange es nur Wenige machen. Die können dann nachher in Ruhe ihren Kaffee bei Starbucks & Co. nehmen. Und dort in einer aktuellen Zeitung blättern.

Die Sache mit der Rente

Es gibt wenige Themen, bei denen ich als Journalist mehr Leserreaktionen bekomme als bei allem rund um die Rente. Das Thema ist ein Minenfeld – und leider ziemlich kompliziert. Oft zu kompliziert für den Platz, den ein Text in einer Zeitung hat.

Umso mehr hat es mir Freude gemacht, mal eine ganze Seite über die Kontroversen um eine Erhöhung der Ost-Renten und eine Angleichung an das West-Niveau schreiben zu können. Und weil ich das Thema wichtig finde und mir der Text wirklich gefällt, hier an dieser Stelle mal ein klein bisschen Werbung und ein Link zur “Märkischen Allgemeinen”:

Die unvollendete Einheit – Viele Rentner im Osten fühlen sich weiterhin benachteiligt, weil die West-Renten höher sind – doch so einfach ist es nicht

Vor 20 Jahren fiel die Mauer. An diesen Jahrestag wird 2009 häufig erinnert werden. Vielen ostdeutschen Rentnern ist jedoch nicht nach Feiern zumute, weil sie jeden Monat mit ihrer Rentenzahlung daran erinnert werden, dass Deutschland noch nicht völlig zusammengewachsen ist. Der Riss, um den es geht, scheint klein, um genau zu sein beträgt er 3,22 Euro. Denn in den neuen Ländern beträgt der aktuelle Rentenwert, der maßgeblich für die Rentenzahlung ist, genau 23,34 Euro, in den alten Ländern sind es 26,56 Euro. „Der Unmut unter den Rentnern in den neuen Ländern wächst in besorgniserregendem Maße“, mahnt dennoch der Präsident des Sozialverbands Deutschland, Adolf Bauer. (…)

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Twitternde Wahrheiten

Als ich irgendwo im Netz aufgeschnappt hatte, SPD-Generalsekretär Hubertus Heil würde jetzt auch twittern, habe ich mir den Twitter-Feed natürlich sofort mal angeschaut.

Hä? Da geht’s darum, dass er morgen Sushi essen will statt Steaks und da stehen Sätze wie “die Rede war ein Kracher”. Klar, habe ich mir gedacht, veräppelt mal wieder jemand die Sozen. Es gibt ja auch Blogs, wo vermeintliche Promis über ihr Leben und ihre Firma schreiben – als gute Satire eben.

Aber der Hubertus Heil ist wohl echt. Zumindest schreibt “Spiegel Online” auch darüber. Na gut, ein bisschen Unredlichkeit ist bei der journalistischen Bewertung schon dabei. Twittern deutsche Politiker nicht, wird neidvoll über die USA geschrieben, wo das längst üblich sei. Tun sie es dann doch heißt es, sie machen es nicht richtig. Dabei wüsste ich mal gerne, ob die Journalisten, die die Texte geschrieben haben, eine Vorstellung von “gutem Twittern” haben.

Dabei, finde ich, ist Hubertus-Heil-ät-Twitter gar nicht so inhaltsleer, wie behauptet wird. Da steht der denkwürdige Satz:

… Die qualitaet demokratischer politik misst sich an der frage, ob sie es schafft, konkret das leben der menschen zu verbessern. ungefähr 14 Stunden ago from TwitterBerry

Wenn Hubertus Heil dann wieder in Deutschland ist und mal die Presse durchblättert (und nicht nur die Artikel über den US-Wahlkampf liest), dann wird er heute Texte wie diesen finden:

Löhne im Niedriglohnsektor stürzen ab

Die Einkommensschere in Deutschland klafft auseinander: Einer neuen Studie zufolge sind die Realeinkommen von Geringverdienern binnen zehn Jahren um fast 14 Prozent gesunken – die der Reicheren um bis zu zehn Prozent gestiegen.

Vielleicht twittert mir Hubertus Heil ja mal, wie das aus seiner Sicht zusammenpasst. Ich bin ja auch ein Twitterer, unter twitter.com/astreim. Und – Disclaimer – bei mir steht auch nix Intelligenteres als bei Hubertus Heil von der SPD. Mich lesen aber auch nicht so viele Leute.

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Anregungen für die SPD

Ehrlich, liebe Sozialdemokratie, auch wenn das Thema ja zuletzt wieder ausgepackt wurde, die Sache mit dem Sozialtarif bei Energiepreisen, die ist doch wirklich extrem “old school”. Und die Studie, auf die ihr euch stützt, dass Vermögendere mehr Energie verbrauchen als Ärmere – geschenkt. Das ist doch nur ein kleiner Teil der Wahrheit.

Amerikanische Schwedische Wissenschaftler haben nämlich jetzt was viel Spannenderes rausgefunden, was ganz neue Möglichkeiten für supersozialdemokratische Vorschläge in prä-wahlkampf Zeiten bietet:

Männer verbrauchen einer Studie zufolge viel mehr Energie als Frauen. Daran ist vor allem das Autofahren schuld: “Männer geben mehr Geld für Autos aus und sie fahren öfter. Deshalb verbrauchen sie auch mehr Kraftstoff”, heißt es in der am Mittwoch veröffentlichten Studie der schwedischen Verteidigungsakademie. Zudem würden Männer öfter auswärts essen und trinken. Frauen würden dagegen eher indirekt Energie verbrauchen, etwa weil sie mehr für Gesundheitsfürsorge und Kleidung ausgeben. (…) Alleinstehende Männer verbrauchen demnach rund 20 Prozent mehr Energie als alleinstehende Frauen.

Na, klingelt? Ein bisschen Geschlechterpolitik, das wäre doch mal ein Ding, so 40 Jahre nach ’68. Familienpolitisch der Kracher, denn dann lohnt sich die Hochzeit nicht nur wegen dem Steuerklassen-Kram, den eh keiner durchschaut, sondern direkt beim Einkauf bei Eon, Vattenfall, RWE undsoweiter. Da wird die CSU aber dumm aus der Wäsche gucken…

Der Autor lehnt jede Verantwortung ab, wenn Siegmar Gabriel die Idee morgen als seine eigene verkaufen sollte. Der SPD, das muss man sagen, ist in diesen Tagen wirklich alles zuzutrauen. Selbst Realsatire.

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Ein Fall für 129(a)

Wer seine Mails verschlüsselt, macht sich verdächtig. Derzeit nur in Österreich, aber im Fall der Fälle sicher auch hier. Wobei das zumindest merkwürdig wäre, weil das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie selbst ja sehr offensiv für den Einsatz von Verschlüsselung wirbt. Eine Falle? Paranoia, ick hör’ dir trapsen.

Merkwürdig ist ja auch, wie detailliert manche Texte in der Zeitung sind, etwa in der “Berliner Zeitung”:

Der Tatablauf ist meist gleich. Die Brandstifter legen glühende Grillkohle auf die Reifen und verschwinden. Es dauere bis zu zehn Minuten, bis der Brand ausbreche, sagen Ermittler. In dieser Zeit verschwinden die Täter. Selbst der verstärkte Einsatz von Polizisten könne nicht für lückenlose Überwachung sorgen. “Die können nicht überall sein”, sagen Fahnder.

Wurde die “radikal” nicht mal verboten, weil da Anleitungen für allerlei Zeugs drin waren?

Ich bin jedenfalls am Samstag mit sehr gemischen Gefühlen in unseren Supermarkt gegangen. Gleich am Eingang bietet sich nämlich dieses Bild:

Grillkohle

Mit Grillkohle will man derzeit ja lieber als guter Bürger nicht gesehen werden. Oder gar, aus versehen, ein Haar auf so einem Sack verlieren, im vorübergehen. Schwupps, gibt’s ‘ne DNA-Spur. Vielleicht sollte man diesen Blog-Beitrag auch lieber verschlüsseln. Wobei – das würde ja auch wieder verdächtig machen.

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Die stotternde SPD

Nein, so richtig rund läuft der Motor der Sozialdemokratie gerade nicht. Man könnte sogar sagen: Er stottert ein bisschen. Und das wäre noch freundlich untertrieben. Wäre die SPD kein Motor, sondern ein Mensch, dann würde man sagen: Die hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Total durchgeknallt.

Ich meine, Brandenburgs Finanzminister Rainer Speer (SPD) hatte es im Gespräch mit der “Märkischen Allgemeinen” ja schon mal, auf den Parteivorsitzenden gemünzt, prägnant zusammengefasst: “Der Beck hat manchmal einen Aussetzer, und da hatte er wieder einen.“

Und heute kann man mit Sicherheit feststellen: nicht nur der Beck.

Da war doch schon Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD, natürlich), der einen Rechtsanspruch auf einen Hauptschulabschluss forderte. Weil, so die Feststellung, Schüler ohne Schulabschluss es auf dem Arbeitsmarkt schwerer haben als solche mit. Kann man nur hoffen, dass Scholz & Co. die Statistiken nicht weiter als bis zur ersten oder zweiten Seite lesen – und dann feststellen, dass Akademiker auf dem Arbeitsmarkt immer noch leichter einen Job finden als Nichtakademiker.

Die logische Konsequenz à la SPD wäre dann ja: Rechtsanspruch auf ein Diplom. Oder wenigstens einen Bachelor. Und wenn der nächste Wahlkampf deut, dann könnte man ja noch den Master, den Doktor oder gar den Professor obendrauf packen.

Es wäre vermutlich fruchtlos, möglicherweise guten Parteipolitikern, die aber nicht mehr in der Lage sind nicht mehr gewillt sind, einfache Zusammenhänge zu verstehen, zu erklären, dass das so ist wie im Fußballstadion. Wer da auf der Tribüne aufspringt, kann besser sehen. Wenn aber alle aufspringen oder gar noch per Stadionordnung zum Springen gebracht werden, dann sehen wieder alle genau so viel wie vorher. Nur die Großen, die sehen vielleicht jetzt sogar noch ein bisschen besser als vorher; anders die Kleinen. Nein, sowas würde Olaf Scholz in seiner doch recht eigenen Welt nicht mehr verstehen.

Am 1. Mai 2008 in Berlin.

Und jetzt höre ich, während nebenan der Tischler am Küchenfenster werkelt, im Radio den nächsten Geniestreich der deutschen Sozialdemokratie:

Die Energiepolitiker der SPD-Bundestagsfraktion bereiten einen Gesetzentwurf vor, mit dem Energieversorger zu einer sozialen Staffelung ihrer Strom- und Gaspreise gezwungen werden sollen. (…) SPD-Fraktionschef Ulrich Kelber will Energieversorger dazu verpflichten, beispielsweise die ersten 500 Kilowattstunden Strom pro Kopf «deutlich günstiger» als der Durchschnittspreis anzubieten: «Das ist massiv familienfreundlich und entlastet vor allem auch Haushalte mit geringem Einkommen.»

Mit ein bisschen Nachrechnen dürfte Kelber & Konsorten auffallen, dass dann der überdurchschnittliche Durchschnittsbetrag, der den Energieversorgern fehlt, von den Mehr-Verbrauchern bezahlt werden muss. Aber das ist ja eher eine Kleinigkeit.

Viel eher Frage ich mich: Wann fordert Herr Kelber, dass die Milch im Supermarkt gestaffelt ausgepreist wird? Bis 2000 Euro brutto im Monat kostet es weniger als darüber, ab 5000 Euro wird eine Reichen-Milch-Abgabe fällt, die zweckgebunden das kostenlose Kita-Essen finanziert. Und an der Tankstelle, klar, wer nur 20 Liter tankt, der bekommt die günstiger, als wenn einer in seine Nobelkarosse 80 Liter auf einen Schlag tanken kann. Das ist soziale Gerechtigkeit à la SPD.

Irgendwann hatten kluge Leute mal Sozialsysteme wie Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung mit entsprechenden Abgaben eingeführt. Und ein Steuersystem, in das jeder nach Einkommen einzahlt. Und aus diesen ganzen Einnahmen wird dann das gemacht, was sehr notwendig ist – nämlich umverteilt. Das funktioniert eigentlich auch ganz gut. Wenn aber plötzlich diese Umverteilung nicht mehr im großen System, sondern überall im Kleinen – an der Tankstelle eben, am Milchregal, vielleicht noch in der Kneipe oder an der Kinokasse – gemacht wird, dann brauchen wir das große System gar nicht mehr. Aber ob dadurch die Welt besser und gerechter wäre?

Besser und gerechter wäre es auf jeden Fall, wenn es eine IQ-Quote für Vorschläge der Scholzens, Kelbers & Co.s gäbe.

Aber interessant finde ich ja noch dieses Argument aus dem Kelber-Vorschlag:

Es sei belegt, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Strom umso niedriger sei, je geringer das Einkommen ist, da diese Haushalte weniger stromverbrauchende Geräte besäßen.

Dabei bezieht er sich offenbar auf dieses Hintergrundpapier des Statistischen Bundesamtes. Darin wird tatsächlich festgestellt, dass Haushalte mit höherem Einkommen mehr technische Geräte – etwa Wäschetrockner oder Computer – besitzen.

Wobei: besitzen und Stromverbrauch ist ja noch ein Unterschied. Nur mal so zum Nachdenken diese Zahl:

In Haushalten mit einem Monatseinkommen von 4000 Euro und mehr sitzen die Menschen laut GfK-Marktforschung am wenigsten vor dem Fernseher: zwei Stunden und 20 Minuten pro Tag. Dagegen läuft bei Erwachsenen mit bis 1000 Euro Haushaltseinkommen der Fernseher im Schnitt fünf Stunden und 16 Minuten.

Wie wäre es dann mit einem Pay-per-Minute-finanziertem öffentlich-rechtlichen Sendermodell. Nur zur Umweltentlastung, versteht sich. Und die ersten 15 Minuten können ja auch billiger sein als der Rest, damit der Bürger günstig seine SPD-Heroen in der “Tagesschau” gucken kann.

Aber am Ende, das soll hier nicht verschwiegen werden, gilt ja eh ein weister Satz, den ein Kollege aus der Sportredaktion jüngst in unserer Mittagssitzung formuliert hat: “Marktwirtschaft ist immer Abzocke.”

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6,7 Prozent = Streik

Heute verhandelt die Chemiebranche über höhere Löhne, noch gespannter schauen alle auf die IG Metall – und was aus deren 6,5 Prozent Forderung wird. Ein paar Journalisten haben die Runde schon mal durchgespielt – mit keinem dollen Ergebnis (für beide Seiten).

Mein Text “Mittendrin im Tarifpoker / Die Lohnrunde in der Metallbranche geht los – aber was läuft eigentlich bei den Verhandlungen hinter verschlossenen Türen ab?” steht heute in der Märkischen Allgemeinen.

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Merkellogics

Der Versprecher ist schon eine Woche alt, aber leider komme ich wegen Krankheit erst jetzt wieder zum Bloggen. Am 26. November sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in die Kamera des “Heute Journals” den Satz, mit dem sie ihre Unterstüzung für den Antrag bekundete, künftig Arbeitslosengeld I den Älteren, die länger eingezahlt haben, auch länger zu gewähren:

“Das Risiko für Ältere, wieder in Arbeit zu kommen, ist größer.”

Das Risiko, dass Politiker sich Gedanken über das machen, was sie sagen, wird offensichtlich geringer.

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Genasenringt

Boah, Ärzte- und Krankenkassenverbände sind mächtig sauer. Da macht die Bundesregierung ein ohnehin total bescheuertes Gesetz, so der Tenor – wobei die Kritik vom “Gesundheitssozialismus” reicht, der jetzt eingeführt werde, bis zur Aufhäufelung, dass die Privatversicherungen ja total ungeschoren davon kommen und nur der kleine Mann bzw. die kleine Frau zahlen. Und jetzt soll man den 542-seitigen Entwurf auch noch übers Wochenende lesen um am Montag eine Meinung in einer Anhörung zu äußern. Wissen die eigentlich in der Bundesregierung was so Sonntagszuschläge kosten? Und dass man sowas beim Personalrat mal mindestens vier Wochen vorher anmelden muss? Oder so. Und außerdem ist man ohnehin aufgebracht, dass die eigenen klugen Vorschläge (vor allem: Ulla Schmidt muss weg) bislang nicht gehört worden sind.

Und so sagt der Chef des Ärzteverbandes Hartmannbund:

„Wir lassen uns nicht von denen, die uns monatelang nicht um Rat gefragt haben, nun am Nasenring durch die Manege führen.“

Und zumindest das ist eine weise Entscheidung, steht doch im Referentenentwurf für die Gesundheitsreform im §52, dass künftig die Krankenkassen die Versicherten zur Kasse bitten sollen, wenn diese die Krankheit selbst verursacht haben – etwa durch ein (Nasen)Piercing.

Ganz am Rande: Warum ist der Referentenentwurf, der und www.die-gesundheitsreform.de als PDF im Netz steht, eigentlich passwortgeschützt und verbietet, Text zu kopieren und anderswo einzufügen? Aber mit der Technik-Kompetenz im Gesundheitsministerium ist’s ja nicht so weit her.

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