I am an Android

Okay, heute war also Google-Tag. Nicht ganz so inszeniert, wie wenn Apple mal wieder eine neue Generation seines iPhone vorstellt. Die Bilder aus Mountain View von der Pressekonferenz sahen eher so aus, wie wenn der Landesverband einer mittelgroßen Krankenkasse zum Journalistentalk lädt. Aber das ist an sich ja noch nicht schlimm.

Schlimmer war, dass so ziemlich alles, was Google da von ihrem neuen Handy “Nexus One” gezeigt hat, bereits durchgesickert war. Überraschungsmoment: Null. Ein technisch ordentliches Mobiltelefon, das Rechenleistung für eine Menge Gimmicks hat, und eine aufpolierte Version des Betriebssystems Android. Wobei das ja möglicherweise auch noch gereicht hätte, eine gute Weiterentwicklung des Bestehenden.

Kopfschütteln bei mir löste dann aber das hier aus:

Sorry, the Nexus One phone is not available in your country.

steht auf der offiziellen Nexus-One-Seite. In den meisten Ländern der Erde, inklusive Deutschland, gibt es das ach so tolle Gerät, das von Google “Superphone” getaufte Multimedia-Gadget gar nicht.

Angesichts des Entwicklungstempos auf dem Markt wage ich aber zu bezweifeln, dass der aktuelle Nexus-Hype lange genug anhält, bis zum Frühjahr oder gar noch länger, damit das Ding für einen Preis um die 400 Euro ohne Vertrag hierzulande noch ein Renner wird. Mein Interesse ist zumindest erstmal rapide erlahmt. Man kann bei so einer Ernüchterung nochmal überlegen, ob man so ein Teil überhaupt braucht (natürlich nicht).

Dabei muss ich sagen: Ich finde Android prima. Ich habe ein G1 von T-Mobile und bin extrem zufrieden. Es ist das beste Handy, das ich je hatte. Weder mein Sony Ericsson P800 noch der Palm Treo 650 noch mein XDA mit Windows Mobile kamen nur in die Nähe dieses Geräts. Es kann eigentlich alles, was ich will – und sogar noch ein bisschen mehr. Und ich kann Programme dafür schreiben und einfach installieren, wenn ich mag. Das ist noch dazu einfach. Auch wenn das Teil ruhig ein bisschen flotter sein dürfte und vor allem mehr Speicherplatz für Anwendungen bieten könnte. Und natürlich als Modem für den Notebook dienen.

Das iPhone ist für mich aus vielerlei Gründen keine Alternative. Ich komme mit der Bildschirmtastatur nicht zurecht, ich mag die Hardwaretasten des G1 (auch deshalb wäre das Nexus wohl nix für mich). Ich benutze auf meinem PC Linux (Ubuntu) und will kein Handy, das zur Aktivierung iTunes und damit Windows oder Mac OS benötigt. Da fühle ich mich gegängelt. Ebenso davon, dass ich einzig und allein Programme installieren darf, die Apple zuvor freigegeben hat.

Deshalb ärgere ich mich derzeit auch immer, wenn Verlage in einer “iPhone App” die Zukunft für die Verbreitung von Medieninhalten sehen. Das wäre so, als wenn man Webinhalte nur noch für Rechner mit Mac OS zugänglich machen wollte. Kann ja eine Strategie sein, schließt aber eine Menge Leute aus. Ich wage nur mal die These, dass es für viele Verlagsmanager schon eine ganz schön schwere Hürde war, “dieses iPhone-Dings” zur Kenntnis zu nehmen, von Android & Co. haben die vermutlich noch nie gehört. Was ein Fehler sein könnte – wenn man sich die Zukunftsaussichten ansieht.

Und ich weiß auch nicht, ob es so eine kluge Medienstrategie ist, sich auf Gedeih und Verderb an ein Unternehmen zu binden, das mit einem Tastendruck die Anwendung wieder verschwinden lassen kann. Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass Medienhäuser kräftig daneben liegen, wenn es um neue Medien geht.

Ich werde wohl erst dann zu einem neuen Android-Handy greifen, wenn entweder mein G1 den Geist aufgibt oder aber eines auftaucht, dass neben Leistungsverbesserungen weiter eine Hardwaretastatur und eine verbesserte Akkulaufzeit bietet.

Bis dahin bin ich eins: Mit Android und dem G1 sehr zufrieden.

Qualität die man erkennt

Meine Gewerkschaft, der DJV, hat mir eine Pressemitteilung der “Initiative Qualität” zukommen lassen. Am 19. Oktober wollen sich schlaue Leute Gedanken darüber machen, wie es sich mit der Qualität im Journalismus verhält. Und wie sie erhöht werden kann.

Bei so einem Thema – Journalisten können zum Beispiel auch ein Lied über die Qualität von Pressemitteilungen singen – und wenn eine wie auch immer geartete Organisation sich mit dem Label “Qualität” schmückt, dann kann ich es mir nicht verkneifen, auch genauer hinzuschauen. Und lese:

In zwei von Medienberater Werner Lauff moderierten Gesprächsrunden werden sich die prominenten Podiumsgäste und das fachkundige Publikum Antworten aus unterschiedlichen Aspekten nähern

Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie man “einen unterschiedlichen Aspekt” erstmal einnimmt, um sich dann von dort aus einer Antwort “zu nähern”. Klingt nach ziemlich gequirrltem Wortgeklingel der peinlichsten PR-Sorte. Aber ganz ehrlich, auch der Rest liest sich wie aus einem Lehrbuch, wie man Presseinladungen nicht formulieren sollte, wenn man zumindest einen Anflug von Interesse beim Leser wecken möchte und nicht nur möglichst viele Namen und Titel in möglichst wenig Zeilen pressen soll:

Den Eröffnungsvortrag hält – nach der Begrüßung durch DLR-Intendant Dr. Willi Steul – Prof. Dr. Volker Lilienthal (Universität Hamburg, Rudolf Augstein Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus). Sein Thema: “Was heißt da Qualität? Perspektiven in der Krise”. Als Podiumsgäste diskutieren: die Chefredakteure Domenika Ahlrichs (netzeitung), Sven Gösmann (Rheinische Post), Peter Stefan Herbst (Saarbrücker Zeitung), Dr. Wilm Herlyn (dpa) und Johannes Bruckenberger (stellv. Chefredakteur der APA, Wien), als Vertreter der Medien(selbst)kontrolle Fried von Bismarck (Deutscher Presserat) und Prof. Dr. Norbert Schneider (LfM/ZAK), aus der Wissenschaft Prof. Dr. Susanne Fengler (Erich-Brost-Institut, Dortmund) und Prof. Dr. Petra Werner (FH Köln) sowie als freier Journalist und Internetexperte Dr. Stefan Krempl (Berlin).

Die Qualität, so dünkt mir, muss noch etwas warten.

Regeländerungen

Meiner Meinung nach einen der besten Texte über den heutigen Onlinejournalismus – vor allem der etablierten Medien – hat Stefan Niggemeier in der aktuellen “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” vom 11. Juli 2008 geschrieben. “Bitte hier klicken!”heißt der Text, der online leider nur Abonnenten zugänglich ist. (Update: Der Text “Bitte hier klicken” ist jetzt bei Stefan Niggemeier selbst online.) Der Untertitel: “Sollen wir die schönsten Zahlen zwischen 1 und 10.000 bringen? Oder hundert Bauchnabel? Wie der Online-Journalismus seine Autorität verspielt”.

Niggemeier kritisiert dabei an mehreren Beispielen den krampfhaften Versuch der Onlineredaktionenmacher, Informationen nicht so aufzubereiten, dass sie für den Leser besonders gut und schnell zu erfassen sind, sondern so, dass sie möglichst viele Klicks generieren. Seien es Tabellen, die unübersichtlich als Diaschau präsentiert werden, oder Fotogalerien, in die einfach alle Bilder eines Ereignisses eingefüllt werden – auf dass sich der User durchklickt und der Zähler jauchzt.

Dies, so Niggemeier,

führt zu Formen, die man als das Gegenteil von Journalismus sehen kann. Eine klassische Aufgabe des Journalisten scheint dabei fast völlig zu verschwinden: die der Auswahl der Nachrichten. Die wäre angesichts der Informationsflut im Internet eigentlich von ganz besonderer Bedeutung. Aber jede zweifelhafte, unwichtige, abseitige Meldung, dieein Online-Medium nicht bringt, bedeutet zunächst einmal: weniger Klicks. Deshalb steht ungefähr bei allen alles. Das Filtern irrelevanter Informationen als journalistische Dienstleistung verschwindet weitgehend.

Mich hat in Diskussionen auch schon die kindliche Freude von Online-Menschen und traditionellen Jouranlisten über hohe Klickzahlen bei dieser oder jenen Aktion – etwa einer Bildergalerie – verwundert. Irgendwie, so scheint mir, spielen im Online-Business für viele eine wichtige Regel, die beim Zeitungmachen gilt, keine Rolle mehr: die Frage nach der Qualität. Zweifellos würden viele Zeitungen mit weniger Text, großen Bildern (vielleicht spärlich bekleideter Menschen) und der Ausweitung der “Vermischten”-Seite anstelle der Berichte über Koalitions-Debatte und CDU-Parteitag die Klickzahlen erhöhen vielen Lesern entgegenkommen.

Doch irgendwie verspürt man ja (noch?) den Anspruch, nicht nur ein Produkt zu vermarkten, sondern eine Zeitung zu verlegen. Online, so kommt es mir vor, gilt das bei vielen nicht (mehr / noch nicht?). Auch wenn der selbe Markenname draufsteht.

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