34 Prozent aller deutschsprachigen Tweets verweisen nämlich auf klassische redaktionelle Inhalte. Im Mittelpunkt: Nachrichten.
Und, ja, Eilmeldungen erklären nicht die Hintergründe der Finanzkrise. Aber sie erzählen uns vielleicht, dass Bank XY gerade pleite ist. Und das ist ja auch was.
Die Zeitungen in Deutschland buhlen um Leser. Angesichts sinkender Auflagen sicher keine schlechte Idee. Aktuell werden aus diesem Grund Image-Anzeigen geschaltet unter dem Motto “Die Zeitungen. Eine schlauere Welt ist machbar”.
Erstmal eine gute Idee. Ich bin da sicher nicht neutral, schließlich arbeite ich für eine Tageszeitung, aber ich glaube wirklich daran, dass die tägliche Lektüre einer Tageszeitung die meisten Menschen schlauer macht bzw. machen würde. Und die – mich – leicht nervende werbige Sprache des Textes: geschenkt. Es ist eben Werbung, gemacht von einer Werbeagentur.
Schön finde ich auch, dass man sich nicht allein auf das gedruckte Wort beschränkt hat, sondern gleich im ersten Satz ePaper und iPad-Apps mit ins Boot holt. Der leichte Nervfaktor, dass zwar die meisten Verlage auch Apps für Android, mein bevorzugtes System, im Angebot haben, Werber aber offenbar nichts jenseits des Apple-Horizontes kennen, soll mal außen vor bleiben.
Richtig dämlich Wenig zielführend finde ich dann aber den Ansatz, die eigene Qualität gleich mal wieder gegen das böse, dumme, schlechte Internet abzugrenzen.
Weil die Zeitung glaubt, dass uns eine 140 Zeichen lange Twitter-Meldung nicht die Ursachen der Finanzkrise erklären kann.
Jaja, diese doofe, kurzatmige, oberflächliche Twitter. Hat von den Anzeigenmachern und -abnehmern schon mal jemand da reingeschaut? Praktisch jede Zeitungsredaktion hierzulande twittert doch selbst. Wieso eigentlich? Und wenn man mal so ein bisschen auf Twitter schaut, dann wird einem auffallen, dass da ganz, ganz oft Links getwittert werden. Wenn man da draufklickt, landet man bei großen Fotos oder langen Texten. Viel länger als 140 Zeichen.
Wie man so eine herablassende Art gegenüber dem Medium, das durch die Umbrüche in den arabischen Ländern im vergangenen Jahr wirklich im Mainstream angekommen ist, hervorbringen kann, erschließt sich mir nicht.
Vor allem ist das Argument gefährlich. Denn man könnte auch fragen, ob ein 100-Zeilen-Tageszeitungs-Artikel denn diese Anforderung, “die Ursachen der Finanzkrise” zu erklären, erfüllen kann. Ich behaupte mal: Nein. Und ein 25-Zeilen-Kommentar durchdringt das Thema in all seinen Facetten? Kaum.
Aber ein guter Artikel kann aufzeigen, wo die Finanzkrise auf die Menschen in der Region durchschlägt. Und ein kluger Kommentar kann sich ein Detail herausgreifen und einordnen. So wie ein Tweet ein O-Ton vom Ort des Geschehens sein kann oder der Link auf einen spannenden Artikel in einer US-Regionalzeitung, auf den man sonst nie, nie, nie gestoßen wäre.
Ich mag Zeitungen. Ob sie gedruckt sind oder digital erscheinen. Ich halte Journalismus für ungemein wichtig, egal welchen Verbreitungskanal er für seine Geschichten und Rechercheergebnisse wählt. Und deshalb mag ich es nicht, wenn “die Zeitungen” ihre Bedeutung dadurch erklären, dass sie sich vom dummen, bösen Internet abgrenzen. Liebe Zeitung, ich befürchte, so wird das nichts mit der Zukunft. Ich persönlich finde im Netz – und auch bei Twitter – viel mehr als nur “wer, wie, was?”, sondern eine Menge “wieso, weshalb, warum”? Und es gibt genügend gedruckte Texte, die bei “wer, wie, was?” stehenbleiben.
P.S.
Nur mal als ein Beispiel, was dieses Twitter so kann, liebe Zeitung: Ein Jahresrückblick mit ganz vielen 140-Zeichen-Meldungen.
Ich bin seit zwölf Jahren hauptberuflich Journalist, fast ausschließlich bei einer Tageszeitung in der Print-Redaktion. Seit geschätzten 25 Jahren bin ich aber auch Hobby-Programmierer. Basic, Pascal, C, Java, Python – was sich eben gerade eignet oder es zur jeweiligen Zeit auf dem jeweiligen System überhaupt gab. Und seit inzwischen auch einigen Jahren blogge ich, twittere ich, treibe ich mich an den digitalen Orten rum, die heute unter “Social Media” zusammengefasst werden.
Insofern verwundert es kaum, dass ich mit großem Interesse verfolge, was der “Guardian” so treibt. Wie Printprodukt und digitale Welt verwoben werden, wie im Netz experimentiert wird – mit offenen Schnittstellen zu den eigenen Artikeln, Datenvisualisierung oder zuletzt mit dem @GuardianTagBot auf Twitter.
Der @GuardianTagBot beantwortet an ihn gerichete Fragen mit Artikeln aus dem Online-Angebot des “Guardian”. Wenn man also twittert “@GuardianTagBot How is the situation in Bangkok” dann bekommt man per Twitter eine Antwort, die einen Link auf eine Seite enthält, auf der der TagBot relevante Suchergebnisse zusammengefasst hat. (Das @GuardianTagBot in der eigenen Nachricht ist nötig, damit sich der kleine digitale Helfer überhaupt angesprochen fühlt.)
Im Prinzip nutzt der TagBot nur die Suchfunktion auf der “Guardian”-Seite und die interne Verschlagwortung der Texte. Und er versucht aus umganssprachlich gestellten Fragen die relevanten Suchbegriffe herauszufiltern.
Einem Journalisten mit ein paar Programmierkenntnissen stellt sich da die Frage: Kann man das nicht auch machen?
Man kann. Der @brandenbot beantwortet deutschsprachige Fragen, vorzugsweise mit Bezug zum Bundesland Brandenburg, unter Rückgriff auf die Online-Ausgabe der größten Brandenburger Tageszeitung, der “Märkischen Allgemeinen” (die nicht zufällig mein Arbeitgeber ist, aber der @brandenbot ist dennoch ein reines Freizeit-Projekt).
Hinter dem @brandenbot verbirgt sich ein kleines Pyhton-Skript von etwa 200 Zeilen, das eigentlich nur folgendes tut:
auf Twitter horchen, ob eine Frage an ihn gestellt wird
aus der Frage die relevanten Suchworte identifizieren
eine Suchabfrage starten und die komplette Rückmelde-Seite auslesen
den Seiteninhalt auswerten, bestimmte Suchergebnisse (wie dpa-Tagesvorschauen) verwerfen, doppelte Einträge ausfiltern und das Ergebnis neu zusammensetzen
weil pro Seite nur 20 Ergebnisse ausgegeben werden, gleich noch – sofern vorhanden – die zweite Ergebnisseite auswerten
eine neue HTML-Seite in einer für Mobilgeräte lesbaren Form erzeugen, die neben kurzen Anrissen den Link auf den Volltext bei der “Märkischen Allgemeinen” enthält, und auf einen Server hochladen
per Twitter den Fragesteller über den Link zur Ergebnisseite informieren
Nach ca. einem Tag Arbeit kann der @brandenbot Fragen beantworten wie
@brandenbot Wann ist Richfest im Potsdamer Landtag?
@brandenbot Wie haben FC Bayern München und Nürnberg gespielt?
oder
@brandenbot Gibt es Wölfe in Brandenburg?
Die ersten Ergebnisse sind in diesen Beispielen bereits aussagekräftig. Da der @brandenbot nicht auf Schlagworte o.ä. zurückgreifen kann, sondern sich auf eine Volltextsuche stützt, wird bei einer Frage nach “Merkel” auch ein Text weit oben angezeigt, der einen Fußballschiedsrichter namens “Merkel” enthält, neben sehr vielen Treffern zur Bundeskanzlerin.
Man muss den @brandenbot übrigens nicht mit vollständigen Sätzen füttern. Gerne beantwortet er auch klassische Suchanfragen wie “@brandenbot Dienstwagen Brandenburg Platzeck”.
Probieren Sie den @brandenbot doch einfach mal aus und stellen Sie ihm eine Frage (und schreiben Sie mir Ihre Meinung in die Kommentare hier) – aber vergessen Sie nicht, dass es sich nur um eine Spielerei handelt um zu zeigen, mit wie wenig Aufwand solche Aufgaben eigentlich zu lösen sind.
Update 4.11.2011:
Der @brandenbot beantwortet jetzt auch Mails, die an brandenbot [ät] streim.de gerichtet sind. Die Frage muss in der Betreffzeile stehen, zum Beispiel “Was ist mit dem Referendum in Griechenland?”. Der Text der Mail kann leer sein, er wird ignoriert.
Der @brandenbot schickt dann an binnen 3 bis 5 Minuten eine Antwort an die Email-Adresse, von der die Frage kommt.
Und wenig überraschend, gibt es auch schon vor dem Start jede Menge Häme.
Ich hatte auch eine Frage, wirklich gerade aufgekommen, aber auch so als Test. Und nach knapp 45 Minuten eine Antwort. Wenn auch keine, wie erhofft, doch zumindest eine klare Aussage. Das hätte ich nicht erwartet.
Und deshalb von mir erstmal Daumen hoch für das Bahn-Projekt. Aber spätestens im anstehenden Klimaanlagenausfall-Sommer dürfte @db_bahn arg ins Schwitzen kommen, befürchte ich.
Die MAZ hat in einer Umfrage versucht herauszufinden, wie die Brandenburger Landtagsabgeordneten das Internet nutzen und vor allem was sie vom Web2.0 halten. Also: Wer ist auf Facebook? Wer nutzt Twitter? Sind Leute auf Xing oder Mein-VZ? Und vor allem: Warum?
Das Ergebnis hat mich etwas ernüchtert. Nicht nur, dass innerhalb von drei Wochen trotz Erinnerung nur knapp die Hälfte der Abgeordneten überhaupt auf eine solche Presseanfrage reagieren bzw. reagieren lassen zeigt zumindest, dass die elektronische Kommunikation nicht ganz weit oben angesiedelt ist.
Die Antworten der rund der Hälfte der Parlamentarierer zeigen dann, dass das Internet überwiegend als Informationsplattform mit einer eigenen Homepage genutzt wird. Information statt Kommunikation habe ich das in einer kleinen ersten Auswertung genannt.
Überwiegend heißt es doch, dieses ganze Facebook, Twitter&Co. kosten zu viel Zeit und bringen zu wenig. Erinnert mich irgendwie an dieses “Faxgerät? Wozu Faxgerät?” und “Kein Mensch braucht ein Mobiltelefon!” Ich finde das auch deshalb ein bisschen komisch, weil doch Kommunikation eigentlich die Kernaufgabe von Abgeordneten sein sollte – und für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung Kommunikation rein außerhalb des Internets gar nicht mehr vorstellbar ist.
Wofür der Kurznachrichtendienst Twitter gut sein soll, das erschließt sich ja vielen Leuten nicht. Und dass die Menschen, die regelmäßig lesen, was man so schreibt, “Follower” heißen, findet auch mancher seltsam.
Es passt ja vielleicht zum gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen und der Sorge, dass es künftig zu extremen Wetterbedingungen kommen kann. Und, naja, ich habe gerade auch erst “2012″ gesehen – wobei der Film natürlich total unrealistisch ist, wie wir seit Kopenhagen wissen, die Mächtigen der Welt würden niemals gemeinsam geheim Archen bauen. Nie!
Auf jeden Fall passt es in eine solche vorweihnachtliche Katastrophenstimmung, dass mir auf Twitter nun eine ganze Stadt folgt.
Berlin, Germany (_BerlinDE) folgt nun Deinen Tweets auf Twitter.
Also ich meine, da kann man doch echt Paranoia kriegen. Dagegen sind die ganzen Google-weiß-alles-über-Dich-Texte der vergangenen Tage und die digitale Endzeitstimmung der Schirrmachers gar nichts dagegen.
Das Blöde am Twittern sind die Follower. Also nicht alle, aber jene, die sich per Mail ankündigen “ScarlettXXX is now following you on twitter” und wohinter sich automatisierte Spammer verbergen, die einem irgendwelche Pillen für das beste Stück verkaufen wollen. Oder jene, die was ganz anderes verkaufen (wollen), sich aber genauso benehmen.
Heute habe ich zum Beispiel die Mail bekommen: “IT-Service-Ruhm is now following you on Twitter!”. Stutzig macht einen dann schon immer die Kurzzusammenfassung:
271 followers
1 tweet
following 392 people
Das heißt, dieses IT-Unternehmen aus Berlin-Brandenburg hat bisher einmal selbst getwittert, folgt aber 392 Leuten und liest (angeblich) deren Äußerungen. Und 271 Leute sind sich nicht zu blöd, diesem einen Tweet bislang zu folgen. Muss ja ein Knaller sein. Nun ja, er liest sich so, der erste Tweet:
Mit Twitter besser leben? With Twitter better live?Jetzt noch mehr Followers!Yet more Followers! http://bit.ly/…
Das ist ja der Hammer, wer will nicht besser leben? Und wo landet man, wenn man diesen Link anklickt?
Bei so einem automatisierten Twitter-Software-Vertreiber
dessen Devise lautet:
How do I get more INTERESTED twitter followers TODAY without spending days, weeks, months babysitting my Twitter Profile?
Man könnte es auch so zusammenfassen: Wie kann ich interessante Leute zu einer netten Gesprächsrunde treffen ohne zuhören zu müssen? Will man in Gesellschaft solcher Menschen sein?
Jetzt kann ich ja verstehen, dass dubiose Blaue-Pillen-Verkäufer oder ähnliche Dienstleister sich eine solche Software beschaffen, um ihr merkwürdiges Geschäft schneller zu betreiben.
Bei einem regionalen IT-Dienstleister hätte ich das nicht unbedingt erwartet. Mich zumindest macht stutzig, dass jemand, der mir seine Fachkenntnisse rund um PCs verkaufen möchte, so wenig Ahnung von Twitter und der Funktionsweise hat und so wenig Interesse an den Leuten, die sich dort tummeln, sondern den Kanal nur zur Verbreitung von Werbung nutzen will.
Wie interessant wäre es, wenn so ein Computerprofi seine Tipps über Twitter zum Besten geben würde? Wie nutze ich Windows 7 richtig? Wann lohnt sich ein Update? Wenn er sich in Kommunikation einklinken würde, anstatt Twitter-Spam zu kreieren?
Nun ja, ich habe die ruhmlosen IT-Twitterer jetzt einmal gebloggt – und dann auf Twitter geblockt.