Alte Geschichte(n)

Die freie Wirtschaft

von KURT TUCHOLSKY (1930)

Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.

Ihr sollt auf Euren Direktor vertrauen.

Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.

Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.

Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein.

Wir wollen freie Wirtschaftler sein!

Wir diktieren die Preise und die Verträge -

kein Schutzgesetz sei uns im Wege.

Ihr braucht keine Heime für Eure Lungen,

keine Renten und keine Versicherungen.

Ihr solltet Euch allesamt was schämen,

von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!

Ihr sollt nicht mehr zusammenstehen -

wollt Ihr wohl auseinandergehen!

Ihr sagt: Die Wirtschaft müsse bestehen.

Eine schöne Wirtschaft! Für wen? Für wen?

Das laufende Band, das sich weiterschiebt,

liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.

Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht

Eure eigene Kundschaft kaputtgemacht.

Denn Deutschland besteht -

Millionäre sind selten -

aus Arbeitern und aus Angestellten!

Diesen Text von Kurt Tucholsky hat die “taz” dankenswerterweise in ihrer Osterausgabe veröffentlicht und darunter noch die Sätze gesetzt:

KURT TUCHOLSKY wurde 1890 in Berlin geboren und nahm sich 1935 das Leben. 1931 schrieb der Schriftsteller: “Daß der Arbeiter für seine Arbeit auch einen Lohn haben muß, ist eine Theorie, die heute allgemein fallen gelassen worden ist.”

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