Das Ende des Journalismus...

Reader's Edition…wie wir ihn kennen. Alle, die von einem neuen Journalismus im Web daherträumen, müssen jetzt aufwachen. Es ist da. Die “20 Millionen Redakteure”, die die Netzeitung für ihr Projekt “Reader’s Edition” gesucht haben, haben seit heute die Arbeit aufgenommen.

Einer der ersten Beiträge, die dort zu lesen waren, beginnt so:

Menschenschlangen wälzen sich über den Bieberer Berg. Man könnte meinen, dies sei eine Essensausgabe irgendwo im Osten. Doch hier werden keine Bananen verteilt, die Leute sehen gut genährt aus. Sie wollen die Spieler aus dem Land der Bananen sehen. Brasiliens Nationalmannschaft wird am Donnerstag in Offenbach trainieren. Heute gab es die heiß begehrten Eintrittskarten.

Hmmm, wann gab’s denn Essensausgaben “im Osten”? Und wann wurden da “Bananen verteilt”? Die Handvoll Moderatoren, die die Netzeitung im Vorfeld ausgewählt haben, waren da wohl noch in der Kantine.

Aber schön, wie der gleiche Autor dann zumindest die Zunft der Journalisten, zu denen er ja nun selbst gehört, (richtig) einordnet:

Ich laufe an der langen Schlange vorbei, um mir einen Überblick zu verschaffen. Einige Leute haben sich Klappstühle mitgebracht. Das Anstehen wird zum Event. Der Weg ist das Ziel. Da packt mich jemand hart am Ärmel. „Hey, stell dich gefälligst hinten an!“ Ein Mann mit schlechten Zähnen schaut auf mich herunter. – Ich reiße mich los und gehe weiter: „Bin nur Journalist.“ (…) Mein Telefon klingelt: Mein Freund Damian hat mich gesehen. „Komm mal zu mir rüber. Ich hab einen guten Platz in der Schlange. Bin direkt neben dem Kamera-Team.“ Tatsächlich, nach ein paar Sekunden hab ich ihn in der Menge entdeckt und zur Kasse sind es nur noch ein paar Meter.

Aber auch andere Beiträge, die man da am ersten Tag so findet, etwa zum WM-Ball erinnern mehr an die guten alten Usenet-Foren oder die Diskussionen unter Telepolis-Artikeln als an Online-Medien. Denn der kurze Text kumuliert in die Passage:

Was will diese Form vermitteln? Sollen mehr weibliche Zuschauer gewonnen werden? Ist ein verdecktes Sponsoring im Spiel? Alles Fragen, zu denen man in der derzeit sehr eloquenten Sportpresse keine richtigen Antworten findet. Und wenn sie schon einer beantwortet: Gibt es das Ballmuster bald auch mit Flügelchen und für String-Tangas?

Was Online-Medien den etablierten (und antiquierten?) Medien voraus haben, zeigt sich auch in einem Beitrag über Premiere. Denn dort wird, schließlich geht’s im Internet vor allem um Geschwindigkeit, mal das Handelsblatt vom heutigen Tag zitiert:

Laut Handelsblatt ist eine Einigung bereits am Rande des Länderspiels Deutschland-Kolumbien erreicht worden. Wichtigster Punkt hierbei ist der Verzicht der Telekom, ihr Bundesliga-Programm im IPTV-Standard auch über Kabel und Satellit zu verbreiten.

Mehrwert zum Print? Fehlanzeige.

Und noch ein willkürlich rausgegriffener Text, der gerade auf der Startseite steht, zum Thema “Grimme Online Award vergeben”. Der Leser erfährt hier von “pogo” am 6. Juni 2006 um 16:49 Uhr, dass es sieben Preisträger gibt und welche es sind. Also nichts anderes, als die Leser der Netzeitung etwa bereits am 2. Juni um 22.01 Uhr lesen konnten. Vielleicht mal abgesehen von “pogo”s Wunsch, dass

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Dem ist wenig hinzuzufügen.

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