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Heurio, der Sicherheitsdiskurs ist in vollem Gange. Und zwar, weil zwei Jungs so etwas ähnliches wie eine Bombe in zwei Regionalzüge gestellt haben, die nicht gezündet haben, und anscheinend so gebaut waren, dass diese Gefahr auch nicht allzu groß war. Hans Leyendecker von der “Süddeutschen Zeitung” sagte heute Morgen auf Radio1, wir hätten es da eher mit einem Pisa-Fall zu tun (Jungs, die nicht mal Bombenbauanleitungen aus dem Internet kapieren) als mit internationalen Terrornetzwerken (denn die wissen, wie man Bomben baut). Trotzdem heißt die Themenrubrik bei “Spiegel Online” nun “Terroristen in Deutschland”, das klingt schon verdammt gefährlich.

Dabei beschreibt dort ein paar Beiträge weiter unten Henryk M. Broder wie es gewesen wäre, wären die Bomben explodiert. Liest sich nett

Nach den Anschlägen ruft die Regierung den “nationalen Notstand” aus. Grundlage sind die Notstandsgesetze aus dem Jahr 1968. Zwar liegt kein Angriff auf die Bundesrepublik vor, aber die innere Sicherheit ist “massiv bedroht”. Die laufende Debatte über den Einsatz der Bundeswehr im Inneren hört schlagartig auf. Alle Bahnhöfe, Flughäfen, Radio- und TV-Stationen, Sendeanlagen, Regierungsgebäude und Parlamente werden von Einheiten der Bundeswehr umstellt und bewacht. Die Polizei ist dazu schon deswegen nicht in der Lage, weil sie flächendeckend den Verkehr auf den Autobahnen kontrolliert.

und ist natürlich total übertrieben. So einen Unsinn, das würde es in Deutschland doch nicht geben. Äh, also, naja…

Wir diskutieren halt jetzt über den Einsatz von bewaffneten Zugbegleitern - wobei ich das nicht verstehe, sollen die auf Kofferbomben schießen? Erscheint mir keine kluge Strategie zu sein -, so genannten “Rail Marshalls”. Die ganze Absurdität dieser Idee fasst das Blog Lummaland zusammen:

Jungs, wann seit ihr denn das letzte Mal mit einem Zug gefahren? War das die kleine Bimmelbahn in der Provinz? Irgendeine Bergbahn zur Hütte? Es ist ja okay, wenn man weltfremd ist, aber dann muß man sich doch nicht gleich mit komplett bescheuerten Forderungen lächerlich machen. Soll künftig in jedem Zug ein Marshall sitzen? Und der macht was? Geht völlig unauffällig die ganze Zeit durch den Zug? Wisst ihr, wie lang so ein ICE oder IC sein kann? Gerne auch so voll, dass man ohne Androhung von Prügel eh nicht durchkommt. Oder wollen wir einfach pro Waggon und Abteil einen Marshall abkommandieren, damit jederzeit gewährleistet wird, dass verdächtige Personen, Koffer und Bomben auch rechtzeitig auffallen?

Wobei, man könnte doch jedem Reisenden einen Rail Marshall zur Seite stellen, damit niemand aus Versehen seinen Koffer vergisst. Nur muss man dann aufpassen, dass man keine Rail Marshalls einstellt, die vielleicht selbst… Und was ist eigentlich, wenn die Züge ordentlich bewacht werden? Dann sind wieder U-Bahnen und S-Bahnen gefährdeter (Tube Marshall). Und Busse natürlich (Bus Marshall). Autobahnkreuze (Car Marshalls). Einkaufscenter (Shopping Marshalls). Diese Bedrohung will einfach keine Ende nehmen. Am Ende haben wir Vollbeschäftigung, dank des Sicherheitsgewerbes, aber explodieren kann immer noch irgendwo irgendwas.

Bessere Videoüberwachung, überall Kameras. Hey, wer soll den ganzen Kram eigentlich gucken, um Anschläge zu verhindern? Die Geschichten von den Computersystemen, die die Bilder ganz automatisch auswerten und verdächtiges Verhalten melden, die haben wir schon vor zehn Jahren in der AStA-Zeitung gedruckt; aus dem Forschungsstadium ist das Zeug aber noch nicht rausgekommen. Jemand, der mit einem Rucksack in die U-Bahn steigt und sich dort einfach so in die Luft sprengt, den filtert nun mal keine Software der Welt und - siehe London - auch kein menschlicher Kontrollraum-Beschäftigter heraus.

Gut, dass wir einen Bundesinnenminister haben, der weiß, wo man wirklich ansetzen sollte. Wolfgang Schäuble fordert jetzt das Internet schärfer zu kontrollieren. Schließlich kommt dieses Zeug ja auch in jede Wohnung. Kann das eigentlich explodieren? (Notiz an mich: Mal Schäuble fragen.) Aber Schäuble kann sich sicher bei seinen Kollegen in China informieren, wie sich das Internet überwachen lässt. Und ein ganzes Volk dazu. Und alle anderen sollten als erstes mal zu GnuPG surfen und sich das hier mal durchlesen. Wer weiß, wie lange es noch geht.

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