Ein (weiterer) Abgesang auf den Journalismus

Der Chefredakteur der “Wirtschaftswoche”, Stefan Baron, schreibt im aktuellen Vorwort des Magazins einen weiteren Abgesang auf den Journalismus, wie wir ihn kennen, weil jetzt das Internet, das Web 2.0 undsoweiterundsofort richtig da sind. Jetzt können alle alles publizieren und gelesen werden, deshalb werde jetzt irgendwie alles anders. Mal kurz zusammengefasst. Aber stimmt das? Ich glaube nein.

Aber ist etwa ein Amateurvideo notwendigerweise von minderer Qualität als eine Profiarbeit? Oder kann es vielleicht sogar ein besseres Gefühl für die Wirklichkeit vermitteln? Neigen wir professionellen Journalisten nicht allzu leicht dazu, Qualität nach den Instrumenten und Möglichkeiten zu definieren, bei denen wir ein Monopol haben? Ist nicht vieles von dem, was uns als Qualität dünkt, nur „Schaum auf dem Latte“ wie Jeff Jarvis, Professor an der Graduate School of Journalism der City University in New York und prominenter Blogger (buzzmachine.com) es nennt? „Nice to have“ also vielleicht, aber nicht „must have“? Und ist user-generated content wirklich zwangsläufig minderwertig, nur weil er nicht von Profijournalisten kommt?

Ein Amateurvideo von einem aktuellen Ereignis kann natürlich “besser” sein als eine Profiarbeit, in dem Sinne, dass der Profi womöglich gar nicht vor Ort ist, wenn das Ereignis passiert. Aber ich habe bislang wenige Videos auf YouTube gefunden, die ich einer gut gemachten Dokumentation auf “Arte” vorziehen würde. Was nicht heißt, dass es sie nicht gibt - aber was das Problem deutlich macht, dass solche Perlen auch irgendwie gefunden werden müssten. Die wenigsten Menschen haben stundenlang Zeit, zu suchen.

“Profiarbeit” im Sinne von professionellem Journalismus heißt für mich, bestimmte Standards einzuhalten - die ich auch als Leser anderer Publikationen eingehalten sehen möchte. Also z.B. eine Recherche, durch die ich davon ausgehen kann, dass die grundsätzlichen Fakten korrekt sind. Eine Trennung dieser von der Meinung des Autors. Und so simple, und häufig in Vergessenheit geratene handwerkliche Tugenden, wie immer mehrere Seiten zu hören. All das vermisse ich in vielen Blogs, die ich lese, weshalb ich sie als Informationsquelle nutze wie ein Gespräch auf der Straße mit einem mehr oder weniger Unbekannten (und manchmal einem guten Freund) oder ein an den Baum gepinntes Flugblatt ohne Quellenangabe.

Aber vielleicht reden der Kollege von der “Wirtschaftswoche” und ich auch einfach nur von unterschiedlichem Journalismus:

Oder andersherum: Was hat es mit Qualität zu tun, wenn Unternehmer und Politiker nur kontrolliert und formatiert zu erleben sind – wie in traditionellen Medien üblich? Was hat es mit Qualität zu tun, wenn Hunderte von Journalisten mehr oder weniger gleich über ein und dasselbe Ereignis berichten, denselben Film besprechen, dasselbe Fußballspiel kommentieren? Das lässt sich ebenso gut als Geldverschwendung bezeichnen.

Es gibt Fußballspiele, bei denen gerade mal ein oder zwei Journalist am Platz stehen, in der Regionalliga zum Beispiel, oder Veranstlatungen in der Kleinstadt, bei der nur ein Redakteur mit Block anwesend ist. Darüber blogt auch niemand. Woher soll die Info denn dann kommen, wenn keiner darüber schreibt? Wem bei Journalismus nur die Kamerameute um die Bundeskanzlerin einfällt, für den mag es vorstellbar sein, dass das alles nicht nötig ist.

Und hin und wieder gibt es sogar noch Journalisten, die recherchieren. Die Informationen, etwas von Firmen oder Politikern, auf Plausibilität prüfen, Gegenmeinungen einholen, nachrechnen, nachforschen. Dinge, die Zeit und damit Geld kosten, und die niemand auf diese Weise im Internet mit dem Leser zusammen entwickeln kann.

Ich würde sagen: Gut möglich und auch wahrscheinlich, dass die Publikationswege sich in Zukunft verändern, dass möglicherweise weniger Papier bedruckt und mehr Bits & Bytes herumgeschickt werden. Professionellen Journalismus wird es aber, zum Glück, weiter geben. Es gibt ja auch immer noch Handwerker, obwohl alles Zubehör zum Selbermachen längst an jeder Ecke im Baumarkt zu kaufen ist.

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