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oder: Inhalte vom “Tag des Wirtschaftsjournalismus”, Teil 7 und Schluss

Gabor Steingart, Leiter des Hauptstadtbüros des „Spiegel“, sollte die Frage beantworten, was denn dann „für Print“ noch bleibe, wenn jetzt Web 2.0 kommt. Seine Antwort: Irgendwie alles, denn „Print wird nicht verdrängt“. Im Gegenteil. Man könne die Entwicklung wie ein Aktienchart betrachten. Charttechnisch käme man dann vielleicht zum Ergebnis, dass Journalisten ihre beste Zeit hinter sich hätten und jetzt der „user generated content“ dran sei. Er sei aber eher ein Freund der Fundamentalanalyse, „und das sieht alles ganz anders aus“, so Steingart.

Es bleibe dabei, dass Print die Nummer 2 auf den Medienmärkten sei, mit stabilen Wachstumsraten, derzeit vor allem in Osteuropa. Die großen Druckmaschinenhersteller freuten sich über eine gute Auftragslage, was zeige, dass in Print investiert werde. Internet und TV stünden bei allen Kennzahlen weit hinter Print. Steingart betonte, es gebe 70.000 Journalisten in Deutschland, von denen gerade einmal 2000 bei den Online-Portalen der Tageszeitungen beschäftigt seien. Der Journalismus sei einer der wenigen Berufsstände, bei dem es nicht zu einem technologisch bedingten Beschäftigungsrückgang komme.

Das Argument, Internet sei schneller als Print, möge ja stimmen. Nur: „Radio ist schon immer schneller, das ist doch gar nicht das Thema“, so Steingart. Auch das Fernsehen habe nicht das Lesen abgeschafft. Es gehe um Solidität und Sinnlichkeit. Er verglich Online-Medien mit Fastfood, Print sei dagegen ein „gesetztes Essen“.

Insgesamt verdränge das Internet nicht den Journalismus, sondern es werte ihn auf, weil es nur ein weiterer Vertriebsweg für die Inhalte sei. Dadurch würden sogar mehr und ganz andere Leser erreicht. „Online ist ein Vorfeldmedium des Print“, so Steingart.

In den Lobgesang auf das Internet wollte er ganz und gar nicht einstimmen. Onlinemedien seien voller „gestammeltem Deutsch“, einem „Deutsch-Internet Epseranto“. Zudem zeige sich zunehmend ein Hass in Beiträgen, der einen Stammtisch noch situiert aussehen lasse. Es gebe „Geraune, Gerüchte und Falschmeldungen“. Zwar könnten viele Menschen jetzt ihre Meinung äußern, aber es gehe im Journalismus nicht nur um „irgendeine Meinung“. Ein Kommetar brauche Zeit und ließe sich nicht SMS-mäßig „irgrendwo reinstammeln“, sagte Steingart.

Und das Argument, schon heute stürben die Lokalzeitungen, belege auch nicht die These vom Siegeszug des Internet. „Es gibt schlechten und muffigen Journalismus“, so Steingart, und der verschwinde eben. Dabei sei „das Internet nur ein Katalysator“ – aber das sei gut so. „Es wäre ja noch schöner, wenn wir schlechten Journalismus verteidigen wollten“, sagte er.

Insgesamt, so Steingart, sei das Internet für Journalisten eine Chance, keine Bedrohung: „Nur weil andere auch den Griffel halten können, ist der Journalismus nicht am Aussterben.“

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