Weg mit dem Ressort!

oder: Inhalte vom “Tag des Wirtschaftsjournalismus”, Teil 6

Drei Meinungsbeiträge zur Frage, „welchen Wirtschaftsjournalismus brauchen wir (nicht)?“ lieferten Rainer Hank, Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Kommunikationsberater Richard Gaul sowie Ruth Helmling, Schülerin der Kölner Journalistenschule.

1: Über die Leute

Hank, dessen wirklich lesenswerter Vortrag auch vollständig zum Download vorliegt schickte vorweg, dass seine Thesen zwei Voraussetzungen hätten: Erstens, dass die Leute weiter lesen, und zweitens, dass die „Theorie der komparativen Vorteile nicht außer Kraft gesetzt“ sei, das heißt „meine Texte sind besser als die, die People schreibt, sonst mache ich was falsch“.

Im Kern forderte er mehr rezipientenorientieren Journalismus statt des bisherigen produzentenorientierten Journalismus. Während letzterer sich an den vermeintlich wichtigen Akteuren, Ereignissen und dem Nun-mal-Vorhandensein von Korrespondenten aufhänge, frage der rezipientenorientierte Journalismus danach, „ob das die Leute interessiert“. Hank empfahl allen Kollegen dafür eine simple Testfrage: „Würden Sie mit dem Thema ein Tischgespräch bei einer Abendeinladung eröffnen?“ In den Redaktionen sie dazu die Abschaffung der Korrespondenten hilfreich sowie die Etablierung einer neuen, informellen Debattenkultur, um dem, was die Leute wohl interessiert, auf die Spur zu kommen.

Ziel und Erfolg dieses neuen Journalismus wäre, dass die Leute merken, „dass Wirtschaft jedermann angeht, dass die Eintrittsschwelle viel niedriger als gedacht ist und dass der Verstehensprozess auch noch Spaß machen kann“.

2: Raus aus dem Ghetto

Der frühere Chef der BMW-Pressestelle, Gaul, forderte eine „Politisierung des Wirtschaftsjournalismus“. Die Wirtschaftsjournalisten hätten sich auf den Wirtschaftsteil zurückgezogen und wären da angekommen, wo früher die Opernkritiker gewesen seien: Man schreibe vor allem für die Kollegen; dafür kommentiere der Politikredakteur auf der Seite 1 die Gesundheitsreform als klassisches Wirtschaftsthema. Wirtschaftsjournalisten sollten diesem „det fiel mir uff“-Journalismus der Polit-Laien einen Riegel vorschieben und ihre Leitartikel verhindern.

Gaul sieht einen Grund dafür auch in der hektischeren Berichterstattung, die einen „beobachtenden Journalismus“ wie früher fast unmöglich mache. Der hohe Zeitdruck zeige sich etwa darin, dass heue zehn Minuten nach Bilanzvorlage ein Analyst angerufen und nach seiner Meinung gefragt werden müsse; früher habe man den Geschäftsbericht zwei Tage im voraus bekommen und vielleicht zwei Tage nach der Bilanz-PK etwas darüber geschrieben.

3: Wirtschaftsimperialismus

Ruth Helmling kritisierte, dass der Wirtschaftsteil für Nichtexperten oft ein Buch mit sieben Siegeln sei, die besser nicht gebrochen werden. „Was der Leser nicht kennt, liest er nicht“, sagte sie. Dabei sei „die Wirtschaft längst da, wo der Wirtschaftsjournalismus noch längst nicht ist: nämlich überall“.

Helmling verlangte mehr Spiel- als Börsenberichte. Statt den Tausch von Gütern A und B und Grenznutzen wolle sie lieber ein Beispiel über zwei Schüler, die auf dem Pausenhof Brot gegen Schokoriegel tauschen. Wir müssten nicht dem Leser „Ehrfurcht vor der Wirtschaft nehmen, sondern uns selbst“.

Sie empfahl daher den Wirtschaftsjournalisten, den Lesern zu folgen, nämlich in die Ressorts Panorama, Sport oder Politik. Der konsequente Weg dazu sei, „das Ressort Wirtschaft abzuschaffen“.

Nicht sehr kontrovers, die drei Beiträge. Und das klingt alles sehr innovativ, doch einen Nutzwert-Journalismus gibt es zumindest bei Regionalzeitungen längst. Und ob tatsächlich mehr Wirtschaftsthemen in der Zeitung stünden und gelesen würden, wenn es das Ressort nicht mehr gibt, wage ich zu bezweifeln. Mal ganz abgesehen von der Frage, wer die Themen dann recherchiert und wer die Honorartöpfe für die freien Mitarbeiter verwaltet, die Wirtschaftsthemen dann „Aus aller Welt“ aufschreiben.

Aber die Frage, „interessiert das die Leute?“ und vor allem „würde ich damit ein Tischgespräch eröffnen?“, die werde ich mir sicher jetzt öfter stellen.

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