Mehr als ein Billigflieger

Mein Kollege Jochen Hung hat in der MAZ versucht, das “Web 2.0” zu erklären. Ein bisschen “Second Life”, ein wenig Wikipedia, MySpace natürlich und auch eine Prise StudiVZ. Wie gehabt. Zwischendrin aber seine These:

Verwunderlich ist der Erfolg der Netzwerkseiten im Internet nicht. Denn das war schließlich die originäre Idee der ganzen Erfindung: Das US-Militär vernetzte 1969 Universitätscomputer miteinander, um den Austausch von Forschungsergebnissen zu erleichtern und legte damit den Grundstock des Internets. In den Anfängen der privaten Nutzung in den Achtziger Jahren dominierten so genannte “Virtual Communities”, Kommunikationsnetze von Computernutzern, die sich über Vorlieben und Hobbys austauschten.

Das Internet der zweiten Generation ist im Grunde nur eine Weiterentwicklung dieser Anfänge: Statt virtueller “Schwarzer Bretter” nutzt man nun eben die bunten Avatare von “Second Life”, um miteinander zu kommunizieren. Das Web 2.0 ist also keineswegs etwas revolutionär Neues. Denn die Virtualisierung der menschlichen Kommunikation begann schon viel früher mit der Erfindung der Schrift und setzte sich dann mit dem Telegraphen und dem Telefon weiter fort. Das Internet ist lediglich ein weiterer Schub dieser Virtualisierung: Die menschliche Kommunikation wird dadurch nicht entscheidend verändert, nur die Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme werden ungemein erweitert.

Am besten lässt sich die Bedeutung des Internets mit einem weiteren viel diskutierten Phänomen unserer Zeit vergleichen: dem Aufkommen von Billigfliegern wie Ryanair oder Easyjet. Der potentielle Radius unserer sozialen Kontakte erweitert sich durch Fernreisen zum Preis einer Taxifahrt ungemein und auf eine Art, die man sich vor 10 Jahren nicht hätte träumen lassen. Das Fliegen wurde so allerdings nicht neu erfunden.

Ich denke, dieser Ansatz greift zu kurz. Auch der Buchdruck hat die menschliche Kommunikation entscheidend verändert, obwohl es bereits früher Schrift gab. Und der technische Fortschritt, der den Druck dann billig und schnell machte, hat diese Kommunikation durchaus ebenfalls weiter verändert. Das Internet ist inzwischen soweit - wobei man über den Marketingbegriff Web 2.0 ja gerne streiten kann -, dass tatsächlich die Grenzen zwischen Nachrichtenproduzenten und Nachrichtenkonsumenten verschwunden sind.

Um im Beispiel des Fliegens zu bleiben: Es erscheint mir weniger die Entwicklung vom Linienflug in den 1980ern zum Billigflieger heute als die vom ersten Heißluftballon zur Mars-Mission. Anders gesagt: Aus einem bestimmten Blickwinkel war die Atombombe auch nur eine weitere Bombe, wie viele zuvor. Aber sie hat die Kriegsführung und die Militärstrategie doch gravierend verändert.

Es scheint mir, dass Journalisten diese Entwicklung immer noch gerne unterschätzen. Wobei, gut möglich, der Blick auf “Second Life” für diese Erkenntnis auch denkbar ungeeignet ist.

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