andreas streim

buchstaben, wörter, sätze & mehr

Monat: Mai 2007 (Seite 1 von 4)

Preisausschreiben (1)

Es gibt Mittelstandspreise, Medizinpreise, Innovationspreise. Dann gibt es natürlich noch Gründer- und Existenzgründerpreise. Und Preise für den besten Arbeitgeber, die beste Firmenchefin und Preise für umweltbewusstes Management. Und noch viel mehr. Als Journalist mag man es gar nicht mehr hören wenn das Telefon klingelt und eine PR-Agentur einen freundlich bittet, doch vielleicht diesen oder jenen Preis in der Zeitung anzupreisen, damit sich viele Firmen bewerben. (Und abgedruckt wird ohnehin kaum eine dieser Ankündigungen, weil dafür gar kein Platz ist.)

Und natürlich gibt es auch Journalistenpreise, bei denen Journalisten sich mit ihren vom Chefredakteur und, leider, auch von vielen Lesern total unterschätzten Glanzleistungen wenigstens um eine nachträgliche Würdigung bewerben können. Die gibt es von großen Firmen wie Versicherungen oder Energiekonzernen, aber auch von renommierten Journalistenschulen. Mal geht es darum, dem Leser Technik besonders gut verständlich gemacht zu haben oder für die Probleme der künftigen Altersvorsorge Aufmerksamkeit erzeugt zu haben, ein anderes Mal steht die Aufklärung über politische Missstände oder schlicht eine gute Reportage im Fokus der Jury.

Manchmal gibt es auch, nun ja, eher skurrile Auschreibungen – wie diese hier: „Journalistenpreis: Urologie für Laien“. Darin heißt es:

Die Berichterstattung über urologische Themen kann für Sie in den nächsten Monaten eine ganz besondere Herausforderung sein: Erstmals hat die unabhängige Fachzeitschrift „URO-NEWS“ zum 59. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (ICC Berlin, 26. bis 29. September 2007) den „URO-NEWS-Journalistenpreis“, dotiert mit 5000 Euro, ausgelobt.

Prämiert wird ein herausragender Beitrag über ein urologisches Thema, der in der Tagespresse, in einer Zeitschrift oder in einem Wochenmagazin in dem Zeitraum vom 1. September 2006 bis 1. August 2007 veröffentlicht wurde. Dass dieser Text natürlich seriös, fachlich korrekt und für den Laien verständlich sein sollte, versteht sich von selbst.

Und, nein, es folgt jetzt keine moralische Argumentation darüber, dass es natürlich nicht in Ordnung ist von Journalisten, nur wegen eines ausgelobten Geldpreises das Thema in die Medien zu pushen, wie es die Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. hier ziemlich unverblümt versucht. Das versteht sich nämlich – hoffentlich – von selbst.

[tags]Preise, Journalistenpreise, Urologie[/tags]

Mittelstand 2.0

„Mittelstand 2.0“, so heißt die Titelgeschichte des Juni-Heftes von Pro Firma, die online leider nicht zu lesen ist. Darin wird anhand von plastischen Beispielen aus der Praxis erklärt, wie sich diese Blogs und das ganze andere Zeug rund um Web 2.0 für einen normalen Mittelständler nutz- und gewinnbringend einsetzen lassen. Ein extra Artikel widmet sich noch den Möglichkeiten für die unternehmensinterne Kommunikation. Beides sehr lesenswert, finde ich.

[tags]Mittelstand, Web2.0[/tags]

Remember Genua?

Heute gab es in Hamburg eine Demonstration gegen das Asem-Treffen in der Hansestadt. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei. „Spiegel Online“ berichtet [über den Anfang der Krawalle] wie folgt:

Zur Eskalation kam es gegen 16.30 Uhr nahe der U-Bahn-Station Rödingsmarkt, wo eigentlich nur eine Zwischenkundgebung geplant war. Die Veranstalter erklärten den Protestzug an dieser Stelle unerwartet für beendet: Man wolle nicht „in einem Wanderkessel der Polizei durch eine menschenleere Innenstadt“ laufen, begründete Sprecher Andreas Blechschmidt die Entscheidung.

Wenn man sich zum Beispiel dieses Foto anschaut muss man sich tatsächlich fragen, ob da das Ziel einer Demonstration, nämlich die Öffentlichkeit über die eigene Position zu informieren, durch den Polizeieinsatz überhaupt noch ermöglicht wird:

Aber das ist ja bei Demonstrationen, bei denen Gewalttätigkeiten vermutet werden, längst usus. Obwohl interessanterweise die 1. Mai-Demonstrationen in Berlin seit einigen Jahren ohne solche Polizeibegleitung stattfinden – und seitdem aus der Demo heraus keine Krawalle mehr entstehen, sondern Stunden später an ganz anderen Orten (und wohl auch aus ganz anderen Gründen von ganz anderen Leuten).

Aber zurück zu Hamburg. Es gibt eine Menge Fotos von den Auseinandersetzungen. Eines davon, das im Netz kursiert, ist dabei – nun ja, doch etwas beunruhigend:

Es zeigt einen Polizisten, der seine Pistole gezogen hat.

Wohl nicht nur bei mir kommen da [Erinnerungen an den G8-Gipfel 2001 in Genua hoch, bei dem Carlo Giuiliani erschossen wurde. Vor allem, wenn „Spiegel Online“ über die Hamburger Demonstration schreibt:

Die Hamburger Polizei hatte die Demonstration als eine Art Generalprobe für die bevorstehenden Proteste beim G-8-Gipfel in Heiligendamm betrachtet. (…) Die Sicherheitsbehörden hatten deswegen eine „Null-Toleranz-Strategie“ gegen militante Demonstranten ausgerufen und rund 3000 Einsatzkräfte aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengezogen.

Vielleicht sollten alle Beteiligten mal noch schnell in der letzten Woche vor dem G8-Gipfel einen Gang runterschalten, die Terror-Hysterie um eine Stufe senken und nochmal darüber nachdenken was passiert, wenn die Stimmung ständig aufgeputscht wird.

[tags]G8, Asem, Hamburg, Genua[/tags]

Ohne Anhaltspunkte

Auf dieses kleine Video bei Google-Video wurde ich freundlicherweise per Mail hingewiesen. Es gab demnach bei den G8-Razzien „keine Anhaltspunkte“ für „konkrete Anschläge“, vielmehr wollte man sich ein bisschen über Strukturen informieren.

Da fällt mir ein, dass man schon lange nix mehr von den angeblich gefundenen Bombenzutaten gehört hat. Merkwürdig eigentlich, dass so gar nichts gegen diese Bombenleger getan wird. Oder war da doch – nichts?

P.S.
Das von mir bestellte Buch „Autonome in Bewegung“ ist inzwischen angekommen und liegt für den Razzia-Fall natürlich gerne zur Abholung bereit. Wenn möglich würde ich es aber gerne erstmal in Ruhe lesen.

No dog today

Vielen Dank an Alexander Svensson und sein „Wortfeld“ für den Hinweis auf die „geruchsspurenfreie Demonstration“, die die Polizei von Mecklenburg-Vorpommern da ankündigt.

Wörtlich heißt es da in schönstem Beamtendeutsch:

Die BAO Kavala hat nie die vorsorgliche Sicherung und Speicherung von Geruchsproben geplant und wird zu diesem Zwecke auch keine dazu ausgebildeten Geruchsspurhunde bei den Maßnahmen zum Schutze des Gipfeltreffens und zum Schutze der Versammlungen einsetzen.

Fließbandjournalismus

Einen interessanten Beitrag über die Arbeitsbedingungen im Journalismus gibt es bei „Werkkanon“. In erster Linie geht’s dabei um den Online-Journalismus und die Gründe für seinen schlechten Ruf, aber darin findet sich ein Absatz, der natürlich auch auf den Print-Journalismus zutrifft:

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, ist aber die institutionalisierte Mangelverwaltung zu einem Kennzeichen der Arbeit in Redaktionen geworden. Dem Mangel an Personal und materieller Ausstattung begegnen viele Verlage mit der Entwicklung neuer Schichtsysteme, die das Defizit ausgleichen sollen. Das führt zu Fließband-Journalismus mit allen schlimmen Begleiterscheinungen – vor allem aber geht die Identifikation mit dem journalistischen Produkt verloren.

„Fließband-Journalismus“ finde ich ein schönes Wort.

Redaktionen sind im Verlag natürlich nur Kostenstellen, wohingegen die Einnahmen in der Anzeigenabteilung und der, wenn vorhandenen, eigenen Druckerei entstehen. Zumindest steht es so schwarz auf weiß in den Jahresabschlüssen. Könnte sich aber irgendwann als falsch herausstellen, diese Sichtweise – denn schlecht oder gar nicht gegenrecherchierte „Nachrichten“ gibt’s inzwischen außerhalb von Zeitungen mehr als genug.

[tags]Fließbandjournalismus, Journalismus, Qualität[/tags]

Tschööö, Cyberport

… oder: Wie man Kunden vergrault

Vor vielen Jahren habe ich auf der Suche nach elektronischen Gimmicks den Online-Versandhändler Cyberport entdeckt. Der Laden hatte ein großes Angebot, annehmbare Preise – und machte einen deutlich seriöseren Eindruck als so manche Klicken-Sie-hier-wir-schicken-dann-hin-Bude, die es im Internet haufenweise gibt. Ich habe dort eine ganze Menge Sachen bestellt.

Doch offenbar tun das mehr Leute – und offenbar kommt man bei Cyberport mit dem Interesse nicht so ganz mit. Das fing damit an, dass eine Bestellung tagelang als „offen“ geführt wurde Weiterlesen

Selbstgebaute Raketen

Wenn in deutschen Medien derzeit überhaupt über den Raketenbeschuss israelischer Städte aus dem Gaza-Streifen berichtet wird, dann kommen gerne Zusätze wie „selbstgebaute Raketen“ dazu, die vor allem deutlich machen sollen, dass sie ja weniger gefährlich sind als die Raketen, die Israel bei den Luftangriffen in Reaktion auf diesen Beschuss benutzt.

Das liest sich dann auch mal so:

Die in Heimarbeit gefertigten Geschosse fliegen tief, lassen sich deshalb nicht abfangen und richten wenig ernsten Schaden an.

Allerdings ist tot dann am Ende eben doch tot, wie zum Beispiel Haaretz berichtet:

The man killed in yesterday’s Qassam attack drove to Sderot twice a week to service the computer networks of one of his clients – the Peretz Bonei Hanegev construction company. Sandwichpaneele, Oshri Oz, 35, had about 200 meters left to go to the company offices when the Qassam struck near his car.

„I talked to him all the time about the danger from Qassams in Sderot, but he wasn’t afraid,“ Yossi Kishek, a childhood friend, said yesterday, adding, „he had a lot of self-confidence and didn’t think it was important.“

oder die „Jerusalem Post“, die auch noch erwähnt, dass es der zweite Tote in Sderot innerhalb einer Woche ist:

35-year-old Oz, from Hod Hasharon, was hit in the neck by shrapnel when the missile landed, and his car crashed into a wall. He was evacuated to Ashkelon’s Barzilai Hospital in critical condition and died of his wounds shortly afterward. (…)

The attack marked the second Israeli fatality since the surge in Kassam fire that began several weeks ago.

Auf deutschen Nachrichten-Seiten habe ich die Information über das israelische Todesopfer übrigens vergeblich gesucht. Bei „Spiegel Online“ ist der neueste Artikel aus der Region vom 26. Mai und überschrieben mit „Israel fliegt Luftangriffe gegen Hamas – Tote und Verletzte“. Darin erfahre ich dann, dass „eine Rakete in der Nähe des Hauses von Ministerpräsident Hanija einschlug“. Und bei der „Netzeitung“ gibt es auch keine neueren Infos, da lautet de Überschrift vom selben Tag „Israel nimmt erneut Hamas-Minister fest“.

Ach ja, und auch am Montag ging der Beschuss weiter:

A man was lightly wounded on Monday morning when three Kassam rockets landed in Sderot.

The rockets fell as Defense Minster Amir Peretz was casting his Labor primary vote in the western Negev town.

[tags]Israel, Sderot, Kassam, Qassam, Todesopfer[/tags]

Bitte Lächeln!

Videoüberwachung gegen Falschparker. Das fordert(e) allen ernstes unsere Bundeskanzlerin, Angela Merkel (CDU). Kameras auch gegen Anrempler und Müll-Wegwerfer, hat sie gesagt, unter dem Stichwort „Null Toleranz“. Und an die Adresse von datenschutzbesessenen Sozialdemokraten und Grünen sagte sie, darüber dürfe man eben nicht diskutieren, Überwachung müsse man einfach machen.

Stimmt echt – und lässt sich hier als Video anschauen.

[tags]Videoüberwachung, Merkel, Falschparker[/tags]

Beleidigte Blogger

Bei Mario Sixtus bin ich heute Nachmittag auf einen Telepolis-Artikel über Blogger gestolpert. Der Text von Alexa Weyrauch-Pung endet mit den Sätzen

Oder man kann es auch lassen. Ich z.B. gehe jetzt raus, in die Sonne, ein gutes Buch lesen und mich mit ein paar Freunden treffen. Euch dann noch viel Spaß beim Bloggen!

(Nur eine winzige Frage: Wieso liest man in Anwesenheit von Freunden ein Buch? Ist das nicht schrecklich unkommunikativ?)

Und, ja, so ist auch der Rest des Textes. Eine Beschimpfung, die bereits Wellen schlägt, respektive: Blog-Einträge erzeugt.

Und deshalb ist meine These für die Motivation dieses schlichten Gedankengefüges auch, wie ich bereits bei Sixtus.net kommentierte:

Ich würde mal sagen es ist der Versuch, mit wenig Aufwand viel Aufmerksamkeit zu erzeugen. Vielleicht von so einer Psycho-Grundstudiums-Studi-Seminar-Gruppe die testet, wie lange es dauert, bis alle Blogger auf den Barrikaden sind.

Ich bin mir ziemlich sicher, in zwei, drei Wochen wird die Auswertung der Studie à la „wie schnell der Blogger beleidigt ist“ ebenfalls bei Telepolis veröffentlicht. Und die les‘ ich dann mit Vergnügen – wenn ich nicht gerade draußen mit einem Buch sitze.

[tags]Telepolis, Alexa Weyrauch-Pung, Blogger, Kommerzblogger[/tags]

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