Wie Gewalt entsteht

Eine aus Platzgründen leicht gekürzte Fassung des Textes ist in der “Märkischen Allgemeinen” erschienen. Meine Kollegin Ariane Mohl hat dort über den Tag in Rostock geschrieben.

Als gegen 13 Uhr der Demonstrationszug vom Rostocker Hauptbahnhof loszieht, sieht es noch so aus, als ob die zurückhaltende Taktik der Polizei aufgehen könnte. Kein dichter Kordon von Beamten in Kampfmontur am Rande der Strecke, wie zuletzt bei G8-Protesten in Hamburg. Kein Einschreiten gegen den „schwarzen Block“, in dem ein Großteil der 2000 dunkel Gekleideten sich bereits vor Beginn vermummt hatten. Selbst als bereits nach wenige Metern Feuerwerkskörper in Richtung von Bundespolizisten auf einer Eisenbahnbrücke geschossen werden, bleibt jede Reaktion aus. Daran ändert sich auch nichts, als im weiteren Verlauf der etwa vier Kilometer langen Strecke die Scheiben von mindestens zwei Sparkassenfilialen und eines Lotto-Laden eingeschlagen werden. Auch Stein- und Flaschenwürfe auf einzelne Polizeigruppen am Rande werden nur durch Rückzug der Beamten beantwortet. Die wenig sinnvolle Alternative wäre wohl ein Polizeieinsatz mit massiven Straßenschlachten mitten in der Innenstadt gewesen, unter tausenden friedlichen Demonstranten von Gewerkschaften, Kirchengruppen oder Attac.

Praktisch mit dem Ankommen der Demonstration auf dem Platz für die Abschlusskundgebung in der Nähe des Rostocker Hafens gegen 14.45 Uhr verändert sich jedoch alles. Am Rande der Straße parkt ein Polizei-Bus mit zwei Beamten – und der wird von einer Gruppe von etwa zehn Vermummten mit Stöcken und Steinen angegriffen. Eine halbe Minute lang werden sämtliche Scheiben eingeschlagen, während sich ein Beamter verängstigt duckt, der andere aufgeregt in sein Funkgerät spricht. Dann braust der Wagen mit quietschenden Reifen davon. Unverständnis über die Aktion der Autonomen gibt es bei den Umstehenden ebenso wie über das Verhalten der Polizei. „Warum stehen die hier denn überhaupt?“, fragt eine Frau, die als Anwältin für die Demonstrations-Organisatoren arbeitet. Wenige Minuten später tauchen vermummte Trupps der Berliner Polizei auf, stürmen vor und nehmen erste Demonstranten fest. Die Antwort ist ein Stein- und Flaschenhagel, Holzlatten fliegen durch die Luft. Auch ein Molotow-Cocktail schlägt nur wenige Schritte neben der Polizei auf die Straße. Es ist der Anfang von stundenlangen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf auch ein Auto in Flammen aufgeht, und die erst am späten Abend enden sollen.

Auch die Polizei lässt dabei zusehends jedes Augenmaß vermissen. Bei den Vorstöße in die Abschlusskundgebung, die trotz der Scharmützel am Rande mit Reden und Musik fortgesetzt wird, werden nicht selten völlig Unbeteiligte zu Boden gestoßen, von Schlagstöcken und Fäusten getroffen und mit Reizgas besprüht. Der Adrenalinschub und die Aggression hat spätestens jetzt beide Seiten erfasst. Gegen 17.30 Uhr setzt die Polizei mehrere Wasserwerfer ein, die mit hohem Tempo über den Kundgebungsplatz fahren und ohne Vorankündigung und unterschiedslos alle in Reichweite befindlichen Demonstrationsteilnehmer mit ihrem Strahl eindecken. Hunderte Demonstranten mit erhobenen Händen verhindern erfolgreich, dass die Polizei weiter vordringt. In der Ecke des Platzes geht das Konzert bis in die späten Abendstunden weiter.

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