Zeitreise

Hin und wieder gibt es diesen Moment wo man denkt: Das war doch alles schon mal da. Oder wo man denkt: Mensch, vor fünf, sechs Jahren hätte man das noch für absoluten Science-Fiction gehalten. Oder wo beides zusammen kommt. Bei der aktuellen Debatte über den Einsatz von modernen Waffen gegen gewalttätige Demonstrationen ist mir ein Text eingefallen, den ich selbst einmal verfasst habe. Vor vielen, vielen Jahren, noch für eine Studi-Zeitung. Über die Qualität der journalistischen Leistung will ich lieber mal nicht nachdenken, aber die Zeilen stammen aus dem Juni 2002. Doch irgendwie erscheinen sie brandaktuell.

Nur ein kleines bisschen tödlich

Das US-Militär sucht die perfekte “nonlethal weapon” – und die Polizei freut sich schon

Seattle, Prag, Göteborg, Genua – die Massenproteste der Globalisierungskritikerinnen und Globalisierungskritiker haben für Unruhe in den Sicherheitsapparaten gesorgt. Die Frage: Wie lassen sich große Menschenmassen in den Griff bekommen, ohne dass es zu Schwerverletzten oder gar Toten kommt? Denn Bilder von solchen Ereignissen führen regelmäßig zu negativer Presse, der so genannte “CNN-Effekt” droht. Die Antwort könnte in diversen Forschungsprojekten der US-Armee liegen, die seit geraumer Zeit nach der ultmativen “Nonlethal Weapon”, der nicht-tödlichen Waffe, suchen.

Diese neuartigen Waffen könnten verschiedene Formen haben. So experimentieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Mikrowellen, die Fahrzeuge oder Handys lahmlegen, klebrigen Schäumen, die Wege versperren und Personen bewegungsunfähig machen, grellen Scheinwerfern, die jeden Gegner blenden, und Fangnetzen, in denen die Opfer wie Fische zappeln sollen. Aber nicht nur in Übersee wird fleißig entwickelt, auch Deutschland ist kräftig mit dabei, zum Beispiel das Frauenhofer-Institut für Chemische Technologie (ICT). Wo der Feind lauert weiß seit bereits seit zwei Jahren das amerikanische Center for Army Lessons Learned: “Beispiele [für Anwendungen] sind die Demonstrationen in Bosnien oder die organisierten Proteste gegen die Welthandelsorganisation WTO in Seattle 1999.” Die Forschungen sind dabei unterschiedlich weit gediehen.

Eher wie ein schlechter Scherz hören sich die Berichte über eine High-Tech-Stinkbombe an, an der das Monell Chemical Senses Center in Philadelphia forscht. Anders als bei der üblichen Stinkbombe, mit der sich vielleicht ein Klassenzimmer von der weiteren Benutzung befreien lässt, will sich die US-Technik panikauslösende Gerüche zu Nutze machen. Statt die Nase zu rümpfen würden die betroffenen Opfer in Angst verfallen, was eine Fluchtreaktion auslöse. Erste Experimente seien erfolgversprechend, heißt es, obwohl je nach Kulturkreis unterschiedliche Gerüche als furchteinflößend empfunden werden. Die freiwilligen Testpersonen hätten über flacheren Atem, schnelleren Herzschlag und Magenkrämpfe geklagt. Ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums sagte zu den Anwendungsmöglichkeiten in der Zeitschrift “New Scientist”: “Es würde uns eine Möglichkeit des Vorgehens gegen große und ungeordnete Menschengruppen geben, wenn sie nicht weggehen wollen oder offen feindlich sind.”

Weit weniger “lustig” klingt die Idee einer Strahlenwaffe, die bis 2009 einsatzbereit sein soll. Der martialische Name: “People-Zapper”, Menschen-Knaller. Der Gedanke ist simpel: Wenn jemand eine Glühbirne anfasst, verbrennt die Person sich die Finger und zuckt zurück. In der Regel ist der Kontakt ganz automatisch so kurz, dass keine Spuren wie zum Beispiel Verbrennungen hinterlassen werden. Die US-Luftwaffe hat dieses Prinzip nun mit Hilfe einer Strahlenkanone nachgebaut. Ein Energiestrahl wird von der Waffe abgefeuert und bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit über eine Distanz von bis zu 1000 Metern auf das Opfer zu. Dort angekommen dringt der Strahl 0,3 Millimeter tief in die Haut ein und erhitzt die dort vorhandenen Wassermoleküle über die Schmerzgrenze von 45 Grad Celsius. Der menschliche Schmerzreflex, so die Luftwaffe, führe dazu, dass die betreffende Person sich abwendet und flieht. “Wir haben viel an dieser Technologie geforscht und gezeigt, dass es keine gesundheitlichen Schäden gibt”, sagte Michael Murphy, Wissenschaflter der Air Force. Derzeit ist der Prototyp noch ein riesiger Kasten und hat bereits 40 Millionen US-Dollar verschlungen, doch die Arbeit an einer mobilen Version, die auf Fahrzeugen und Schiffen sowie in Hubschraubern montiert werden soll, geht bereits voran.

Geradezu altmodisch wirkt gegen diese Science-Fiction-Strahlenkanone die bereits bei der US-Army einsatzbereit vorliegende “Sponge-Grenade”. Das Projektil, die “Grenade”, wird abgeschossen und teilt sich im Flug in unzählige Schaumstoff-Geschosse. Treffen die das Opfer auf eine Entfernung von 30 Metern, soll es umgerissen werden, ohne dass dabei die Haut verletzt wird. Die Gefahr, die bereits heute von Hartgummi-Geschossen ausgeht, bleibt dabei aber bestehen: Ein Kopftreffer kann leicht tödlich enden oder zu schweren Verletzungen führen.

Ganz ohne Munition soll das Vortex-Schock-Gewehr auskommen. Mit Hilfe von Luftdruck werden Wellen auf das Ziel ausgesendet. Bisher können die Entwickler und Entwicklerinnen am Frauenhofer-Institut ICT einer Person die Brille auf 40 Meter von der Nase schießen. Vergleichsweise banal – deshalb wollen sie mit Hilfe des Luftdrucks chemische Substanzen ins Ziel bringen. In den USA wird in ähnlichen Projekten derzeit mit Beruhigungsmitteln, die sonst in der Anästhesie im Krankenhaus benutzt werden, experimentiert. Kombiniert könnte auch das eine “Wunderwaffe” für das Militär und Polizei ergeben. Der Wettlauf, wer als erstes ein wirklich einsatzfähiges System auf den Markt bringt, sei gewaltig, heißt es in der Branche. Die “Berliner Zeitung” zitiert den Waffenprüfer und Polizisten Charles Heal aus Los Angeles mit den Worten: “Es gibt weltweit eine riesige Nachfrage. Wer die erste effektive nicht-tödliche Waffe präsentiert, der wird reicher als in seinen kühnsten Träumen.”

Trotzdem vertrauen die Militärs ihren eigenen Wunderwaffen-Plänen nur eingeschränkt. Zwar wird nach außen gerne von “nonlethal”, also nicht-tödlich, gesprochen, intern wird aber lieber von “soft-kill” - “weniger tödlich” - gesprochen. Kein Wunder, denn jede dieser Waffen birgt tödliche Gefahren in sich. Der Mikrowellenstrahl, der zu lange auf das Opfer gerichtet ist, weil es vielleicht trotz Schmerzen wegen eines durch eine Menschenmasse versperrten Fluchtwegs nicht fliehen kann, führt voraussichtlich genauso zu schweren Verletzungen wie ein Treffer auf die Netzhaut des Auges. Und eine Panikattacke durch die US-Stinkbombe führt unter ungünstigen Umständen vermutlich auch einmal zum Herzstillstand. Selbst vermeintlich harmlose Ideen können fatale Folgen haben: Der elektromagnetische Strahl, der die Elektrik eines Autos stören soll, verwandelt sich in eine tödliche Bedrohung, richtet man ihn auf einen tieffliegenden Hubschrauber – der dabei abstürzt. Joseph W. Cook schreibt in seinem Artikel “Nonlethal Weapons” im “Airpower Journal” 1995, dass selbst “genügend Marshmallows töten werden, wenn sie an der richtigen Stelle platziert werden”.

Die britische Menschenrechtsorganisation Omega-Foundation nennt die Pläne “Technologien der politischen Kontrolle” und sieht den Weg zu einer “Globalisierung der Repression”. Human Rights Watch warnt davor, was passiert, wenn diese Waffen in die falschen Hände fallen. Manches dieser Instrumente, das Schmerzen verursacht ohne schwere Verletzungen zu hinterlassen, würde sich hervorragend zur Folterung eignen, so der Einwand: “Sie könnten in andere Länder an Polizeieinheiten verkauft werden, die nicht die Verantwortung und Rechenschaftspflicht haben, wie in diesem Land”, schreibt Human Rights Watch in den USA. Die Gefahr ist real – und vermutlich noch viel größer als befürchtet. Denn vielleicht muss das Waffenarsenal für diesen Zweck gar nicht außer Landes gebracht werden. Nach den Anschlägen am 11. September entbrannte in den USA eine heftige und ernsthafte Diskussion, ob es nicht legitim sei, gefangene mutmaßliche Al-Kaida-Mitglieder zu foltern, um weitere Anschläge zu verhindern. Die Zustimmung war laut einer Umfrage im vergangenen Oktober mit rund 45 Prozent erstaunlich groß.

Ob irgendwann eines dieser Produkte in Serienfertigung geht ist offen. Skeptisch, was die grundsätzlichen Chancen angeht, ist Andrew Bacevich. Der ehemalige US-Offizier und Wissenschaftler an der Boston University sagte bereits 1999: “Nicht-tödliche Waffen passen gut zu dem tief sitzenden Glauben, dass es eine technologische Lösung für alle Probleme gibt.” Dass sie wirklich funktionieren werden, glaubt er nicht. Manches spricht für diese These. So ist unklar, wie die Mikrowellen wirken, sollte es neblig oder bewölkt sein. Und wenn die Opfer genügend dicke Kleidung tragen, könnte das Wunderwerk wirkungslos bleiben. Und gegen die Stinkbombe hilft wohl das seit der Erfindung von Tränengas bewährte Mittel: Tuch vor dem Mund und, wo es erlaubt ist, eine Gasmaske aufsetzen.

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