Ausgeflickrt

Nachdem flickr glaubt, seinen erwachsenen Usern aus Deutschland nicht mehr alle Bilder zeigen zu können, bin ich umgezogen. Nach Dänemark. Zu 23. Ist ja ohnehin ein viel schönerer Name - und ein bisschen mystisch ist es auch.

Heute war auch ein Artikel von mir in der “Märkischen Allgemeinen” zu dem Thema. Da der möglicherweise demnächst nicht mehr frei abrufbar ist, hier eine Kopie zur dauerhaften Erklärung meines Foto-Umzuges:

Nackte Haut ist deutschen Augen nicht zuzumuten

Das Online-Fotoportal Flickr zeigt manchen seiner Nutzer nicht mehr alle Bilder – und führt damit vor, was man im Web 2.0 nicht machen sollte

ANDREAS STREIM

POTSDAM Die Internetadresse www.flickr.com war bislang für viele Hobbyfotografen ein Muss. Dort können sie kostenlos ihre Fotos zeigen und sich in Gruppen, etwa der Landschafts- oder Portraitfotografen, organisieren. Jeder darf dort auch die Werke der neuen Freunde kommentieren. Nur wer sehr viele Bilder pro Monat zeigen will, muss dafür eine Gebühr von 20 Euro im Jahr bezahlen.

Damit ist Flickr, das seit 2003 zum Internet-Konzern Yahoo gehört, ein Vorzeigeprojekt des so genannten Web 2.0, des Mitmach-Webs. Nicht mehr die Firmen stellen die Inhalte gegen Bezahlung zur Verfügung, sondern die Nutzer selbst. Die Unternehmen sind für die technische Infrastruktur, die Plattform, zuständig.

Doch vor zwei Wochen sahen viele deutsche Flickr-Nutzer plötzlich – nichts mehr. Das Unternehmen hatte mit dem Start einer deutschsprachigen Oberfläche auch überraschend einen Filtermechanismus aktiviert, der die Nutzer aus Deutschland vor anstößigen Bildern schützt. Jeder muss seine Fotos nämlich selbst einstufen, entweder als “unbedenklich”, “mittel” (Bilder könnten von einigen Personen als anstößig empfunden werden) oder als “eingeschränkt” (man würde sie nicht Kindern, der Großmutter oder Arbeitskollegen zeigen).

Was nicht “unbedenklich” ist, wird seitdem ausgeblendet. Statt etwa harmlose Fotos mit etwas nackter Haut, die sich so in fast jeder Illustrierten finden lassen, gab es einen Hinweis, dass das Bild nicht zur Verfügung stehe.

Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los. Mehrere Tausend Einträge auf der Flickr-Seite drehen sich um diese Filtermaßnahme, die als Zensur empfunden wird. Erst hüllten sich die Mitarbeiter in Schweigen, dann wurde als Grund das strenge deutsche Jugendschutzrecht genannt – was sogleich auf “Spiegel Online” von der von den Ländern eingerichteten Stelle “Jugendschutz.net” dementiert wurde: Die Flickr-Maßnahme sei völlig überzogen.

Ein PR-Desaster. In den Foren wurde nicht nur die Maßnahme selbst kritisiert, sondern vor allem, dass sie nicht erklärt worden war. Selbst als Flickr-Gründer Stewart Butterfield nach einigen Tagen ankündigte, die Deutschen dürften doch als “mittel” eingestufte Bilder sehen, beruhigte sich die Lage nicht. Wohl auch deshalb, weil er zugleich deutlich sagte, wem das nicht passe, der könne ja gehen. Diese Haltung dürfte sich rächen. Denn im Web gibt es längst Anbieter, die Flickr sowohl technisch als auch vom Geschäftsmodell her kopiert haben. In Deutschland gilt die Fotocommunity (www.fotocommunity.de) als großer Anbieter. Anderen Seiten, die stärker auf internationale Kundschaft setzen, hat es bisher häufig an Nutzern und damit Inhalten gefehlt. Jetzt werden in Flickr-Diskussionsforen eifrig Adressen getauscht, wohin man ziehen sollte. Ein heißer Kandidat: Ipernity.com aus Frankreich.

“Wir begrüßen derzeit jeden Tag 700 neue Mitglieder”, sagt Geschäftsführer Chrsitian Conti der MAZ. Und er verspricht, sollten beim eigenen Dienst einmal “neue Regeln notwendig werden”, werde man diese vorher mit den Nutzern besprechen.

Auch der in Kopenhagen ansässige Anbieter “23” (www.23hq.com) kann sich derzeit über Kundschaft freuen. In den vergangenen Tagen habe man “2000 Prozent mehr Neuanmeldungen aus Deutschland”, so Mitgründer Thomas Madsen-Mygdal. Und Niederlassungen im Ausland wolle man sicher nicht eröffnen, daher sei man nur dem dänischen Recht unterworfen, verspricht er. Im Zweifelsfall werde man aber lieber “dafür kämpfen, dass die Weltbevölkerung freien Zugang” zum eigenen Angebot habe, als sich Zensurgesetzen beugen. Eine Ansage, die sich viele Flickr-Nutzer von der Yahoo-Tochter gewünscht hätten.

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