Goldene Zukunft

Der Journalismus hat auch und gerade in Zeiten des Internet eine goldene Zukunft. Das glaubt zumindest Mark Glaser in seinem Blog Mediashift, wo er gerade 10 Gründe warum Journalismus eine tolle Zukunft hat” veröffentlicht hat. (via: Onlinejournalismus.de)

Ob’s stimmt? Ich kann ja auf diese Seite mal in zwei, drei Jahren zurücksurfen und schauen, was draus geworden ist. Aber zunächst mal Mark Glasers Liste, recht frei von mir zusammengefasst und eingedeutscht. Meine Kommentare dazu habe ich kursiv dazu gesetzt:

  1. Weltweit mehr Zugang zum Journalismus: Wir können über das Internet lokale Zeitungen von jedem Ort dieser Welt lesen und uns von dort ein Bild verschaffen. Zwar gibt es noch keine Idee, wie man für diese Zielgruppe Werbung verkaufen kann, aber das muss ja nicht heißen, dass es so bleibt.

Zusätzliche Leser sind für die traditionellen Zeitungen, die ihre Journalisten für die Geschichten, die online stehen, bezahlen müssen, sicher eher eine Bereicherung. Problematisch wird es aber, wenn das Stammpublikum ebenfalls lieber nur noch online liest und das gedruckte Papier aufgibt.

  1. Zusammenfassung und Personalisierung macht den Leser glücklich: Wir können dann Google News und RSS-Feeds alle Nachrichtenquellen, die uns interessieren, auf einer zentralen Seite zusammenfassen und so schnell lesen. Die meisten großen Zeitungen sammeln bereits auf ihren Websites Informationen anderer Anbieter zusammen, damit die Leser so personalisierte Ansichten “ihrer” Zeitung bekommen. Das ist ein offener Ansatz, Journalismus zu betreiben, als immer zu behaupten: “Wir haben alle Antworten selbst hier.”

Auf jeden Fall sehr sinnvoll. Medien sollten grundsätzlich mehr mit Hinweisen auf Zusatzmaterial im Netz arbeiten; sei es auf die Primärquellen, sei es auf gute Informationen von Dritter Seite. Schon heute schreiben Zeitungen in ihrer Druckausgabe ja auch “wie die ABC Zeitung berichtete”. Da kann man auch einen Link dahin setzen, wo eine gute Info herkommt.

  1. Digitalisierung bietet mehr Möglichkeiten, die Leute zu erreichen: Früher konnte man die Zeitung nur gedruckt haben, heute geht es gedruckt, im Internet online, als Email-Newsletter, auf das eigene Handy und auf viele andere Arten. Journalismus ist unabhängig von Beschränkungen durch das Format geworden.

Allerdings sollte man nicht vergessen, dass die Aufbereitung für zusätzliche Formate auch zusätzliche Arbeit verursacht - die von irgendwem bezahlt werden muss. Als professioneller Journalist geht mir die Zeit, die ich mit der Umarbeitung einer Nachricht für ein neues Medium verbrauche, von der Zeit ab, die ich an neuen Geschichten arbeiten kann. Die Frage auch hier: Wie soll die Finanzierung funktionieren?

  1. Es gibt mehr Korrektoren als je zuvor in der Geschichte des Journalismus: Blogger und freie Geister im Internet kontrollieren die Berichterstattung der Medien. Sie decken faule Reportagen, Plagiate und falsche Quellenangaben auf - und das ist gut für Journalisten und die Öffentlichkeit.

Auch wenn es keinen Spaß macht, auf Fehler hingewiesen zu werden: Eine gute Sache.

  1. Gemeinsame Recherchen von professionellen Journalisten und Amateuren werden möglich: Mark Glaser zählt eine Reihe Beispiele auf, wo US-Medien zusammen mit ihren Lesern und anderen Geschichten recherchiert haben, zum Beispiel welcher Kongressabgeordnete seine Geliebte beschäftigt.

Wenn man ehrlich ist: Nicht wirklich neu, eher eine Erweiterung der bestehenden Möglichkeiten. In vielen unserer Lokalausgaben gibt es zum Beispiel “Sorgentelefone”, wo Leser anrufen und von ihren Problemen berichten können; seien es Müllecken im Ort oder Verschwendung bei der Stadtverwaltung. Diesen Geschichten wird dann nachgegangen. Und auf solche Geschichten kommen dann wieder Reaktionen von Lesern, in Form von Anrufen oder Briefen. Das Internet mag das sicherlich Beschleunigen.

  1. Mehr Stimmen werden gehört: Früher musste man, um eine Meinung zu äußern oder eine Geschichte zu erzählen, bei einem Mainstream-Medium arbeiten. Dank Bloggern und Online-Journalisten beeinflussen solche Außenstehende und Experten inzwischen viel stärker die Agenda der Medien. Dadurch gibt es mehr unterschiedliche Sichtweisen - und das Agenda-Setting wird aus den Hinterzimmern einiger großer Redaktionen herausgeholt.

Ich glaube genau dieser Trend wird am Ende sogar den professionellen, bezahlten Journalismus stärken. Für mich sind Journalisten Dienstleister, die der Leser gerade dafür bezahlt, die Nachrichten(vor)auswahl vorzunehmen und ihm Dinge zu erklären. Natürlich könnte ich Kleinanzeigen aufgeben und mein Geld in kleinen Tranchen an andere Leute in meiner Stadt verleihen, gegen Zinsen, aber das ist mir zu viel Arbeit und deshalb bringe ich mein Geld auf die Bank, die genau das macht, aber professionell. Eine Dienstleistung, die mir Zeit spart./

  1. Mehr Transparenz und mehr Persönliches: Dank Blogs und dank dem Internet können Journalisten ihre eigenen inneren Konflikte und auch Interessenkonflikte erklären und so mehr Transparenz schaffen. Außerdem ist Schreiben für Online-Medien meistens persönlicher, so dass es eine persönlichere Verbindung zwischen Schreiber und Leser gibt.

Kann sicher gut, interessant oder auch nur nett sein. Aber von vielen, vielen Journalisten möchte ich gar nichts Persönliches lesen. Aber es schadet ja nichts.

  1. Der Online-Werbemarkt wächst: Zwar bringt Online-Werbung derzeit den klassischen Medien nicht das Geld ein, das sie in ihrem Kerngeschäft verlieren, aber das heißt nicht, das alles verloren ist. In den kommenden fünf Jahren, so sind sich die Prognosen einig, werden die Einnahmen durch Online-Werbung um zweistellige Prozentzahlen zulegen. Aber die Medienkonzentration wird nachlassen und mehr von den Werbeeinnahmen sich auf kleine Medien verteilen.

Die Prognose ist die spannendste. Denn letztlich hängt von der Einnahmesituation ab, ob professioneller Journalismus, der Geld kostet, dauerhaft möglich ist.

  1. Von gedruckten Medien zu Onlinemedien ist gut für die Umwelt: Wer Onlinemedien nutzt statt gedruckter Zeitungen oder Magazine rettet Bäume. Einen Beitrag dazu könnten auch E-Paper liefern.

Computer verbrauchen Strom, E-Paper-Reader müssen hergestellt werden und landen auf dem Müll, Leser werden sich Geschichten, die sie rumzeigen oder aufheben wollen, ausdrucken… Bei der Öko-Bilanz bin ich mir am Ende nicht so ganz sicher, wie die aussehen wird, aber vielleicht entwirft ja mal jemand ein Szenario. Und vom E-Paper reden wir schon sehr, sehr lange. Ich habe einen UMPC, so einen sehr kompakten Tablet-PC, mit dem man in der S-Bahn recht komfortabel lesen und im Netz surfen kann. Aber ein Ersatz für eine Zeitung ist das nicht.

  1. Geschichten sind nie vorbei: Wohl die größte Schwachstelle des traditionellen Journalismus ist, dass es nur selten Weiterdreher von Geschichten gibt. Online-Geschichten leben länger, sind flexibler und können von den Leuten durch Kommentare weitergeschrieben und mit neuen Fakten ergänzt werden. Wikinews ist sogar ein Beispiel, wo Leute gemeinsam an Nachrichten schreiben.

Keine Frage: klarer Pluspunkt.

Ein Aspekt, der mir aber zu kurz kommt: Nicht alle meine Leser sind im Internet, nicht alle haben Zugang zu schnellen Datenleitungen. Zeitungen / Medien müssen auch an die Leute denken, die mit traditionellen Medien groß geworden sind - und sich vielleicht gar nicht mehr umstellen wollen.

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