andreas streim

buchstaben, wörter, sätze & mehr

Datum: 7. August 2007

Wortterrorismus

Heutzutage muss man ja aufpassen, was man so schreibt bzw. was an[tags]dere möglicherweise so von einem abschreiben. Beziehungsweise wie man etwas schreibt, was andere möglicherweise von einem abschreiben. Das kann alles ein Hinweis auf terroristische Aktivität sein, wie etwa die „taz“ über ein unter Terrorverdacht inhaftiertes mögliches Mitglied der mutmaßlichen „militanten gruppe“ schreibt:

Zur Begründung heißt es, eine von H. „veröffentlichte wissenschaftliche Abhandlung enthält Schlagwörter und Phrasen, die in Texten der ‚militanten gruppe‘ ebenfalls verwendet werden. Die Häufigkeit der Übereinstimmung ist auffallend und nicht durch thematische Überschneidungen erklärlich.“ (…)

Doch nicht nur Andrej H. wird die Forschung zu Gentrification von den Karlsruher Ermittlungsbehörden zur Last gelegt. „Als promovierter Politologe“, heißt es über einen weiteren Beschuldigten, sei dieser „intellektuell in der Lage, die anspruchsvollen Texte der ‚militanten gruppe mg‘ zu verfassen“. Zudem stünden „ihm als Mitarbeiter eines Forschungszentrums Bibliotheken zur Verfügung, die er unauffällig nutzen kann, um die zur Erstellung der militanten gruppe erforderlichen Recherchen durchzuführen“.

Puh, gut dass ich im Moment keinen Bibliotheksausweis mehr besitze. Aber da hängt doch in der Nähe des Arminplatzes bei mir um die Ecke dieses Flug(sic!)blatt an der Wand. Also ich meine, ich hätte mir da nie was dabei gedacht, aber nach solchen Berichten?

Wortterrorismus

Uiuiui, da geht’s auch um Verdrängung, Aufwertung von Vierteln etc. Weiß mein Kontaktbereichsbeamter schon davon? Körting? Schäuble? Ist es schon Unterstützung einer möglichen terroristischen Vereinigung, wenn ich diese Schrift lese? Ich meine, man weiß ja nie, wer am Ende hinter zunächst plausibel klingenden Gedanken steckt. Sollte ich mich lieber selbst anzeigen oder abwarten, was passiert?

Das Leben in Zeiten permanenter Bedrohung von allen Seiten ist verdammt kompliziert geworden.

[tags]Terrorismus, mg, Flugblatt, Verdrängung[/tags]

Billiger Schweinkram

Journalisten bekommen jeden Tag merkwürdige Dinge in ihre Redaktion geschickt. Und da meine ich jetzt nicht nur diese Pressemitteilungen, bei denen man auch beim dritten Überfliegen nicht weiß, worum es ansatzweise gehen könnte. Nein, ich meine größere Dinge – Päckchen und Pakete.

Manchmal sind da ungefragt Bücher drin. Das sind in der Regel die Bücher, die niemand zur Rezension bestellt hat. Oder die im Eigenverlag erscheinen. Oder so etwas.

Manchmal, vor allem vor Weihnachten, sind es aber auch Präsente. Häufig von Firmen, von denen man das ganze Jahr nichts (oder noch nie) etwas gehört hat. Da sind dann Nürnberger Stollen drin, mal ein Fläschchen Wein oder auch mal ein komplett fertig geschmückter Weihnachtsbaum. Die werden dann im Haus munter hin und her geschenkt oder kommen auf den Ressort-internen Gabentisch und werden dann, kurz vor den Feiertagsferien, verteilt.

Manchmal kommen Pakete aber auch einfach so, mitten im Sommer.

Päcken zu

Die Firma Eis hat gestern jedem Wirtschaftsredakteur und unseren beiden Chefredakteuren ein solches Päckchen geschickt. Eis klingt, angesichts des wiedergekommenen Sommers, ja ganz angenehm. Aber so richtig glauben, dass a) ein Eishersteller „Eis“ heißt und b) dass sich Eis in 08/15-Päckchen verschicken lässt, konnte ich ja auch nicht. Der Inhalt war dann weniger eis als, nun ja, heiß? Nicht wirklich, aber des Wortspiels wegen:

Päckchen auf

Ein Vibratorenset, ein paar Kondome, Gleitgel und eine aufblasbare Gummipuppe mit, ähem, drei Löchern. Sowas schickt Sven Wöhler herum. Das Briefpapier weist aus, dass außer Eis.de irgendwie auch Druckerzubehoer.de, Handyzubehoer.de und Modeschmuck.de zu der Gruppe gehört. Also ein Fachmarkt für Zubehör, irgendwie.

Auf jeden Fall schreibt uns Herr Wöhler, dass sein Unternehmen ordentlich billig sei, während die Platzhirsche der Szene richtig teuer wären. So würden bei anderen Anbietern „bebilderte Luftmatratzen“ (vulgo: aufblasbare Gummipuppe mit Löchern) 99 Euro kosten, ein „vibrierendes Stück Plastik“ (vulgo: Vibrator) bis zu 130 Euro. Dagegen verlangt Herr Wöhler für die Gummipuppe genauso wie für das Vibratorenset 4,97 Euro statt 99,95 bzw. 29,95 Euro wie die Konkurrenz.

Und weil man so billig sei, geht die Klage weiter, werde man von der Konkurrenz, von Lieferanten und der gesamten Branche gemobbt. Was tut man da, wenn man – Zitat aus dem Anschreiben – „keine eigene Presseabteilung“ hat? Man schickt den Journalisten der Republik „zur Unterstützung und Überprüfung unserer Informationen“ eben ein paar Produktbeispiele. Siehe oben.

Mit Spannung darf man also in den kommenden Tagen in den Qualitätsmedien der Republik die Erfahrungsberichte mit „Banging Bonita“ erwarten. Oder wird es eher heißen: Wie ich mit einer bedruckten Luftmatratze einen öden Samstagnachnmittag rumbrachte?

[tags]Sexspielzeug, Eis.de, Werbematerial[/tags]

© 2017 andreas streim

Theme von Anders NorénHoch ↑