Hallo, ich bin Journalist und rufe wirklich aus Indien an...

Nein, nein, ich bin nicht in Indien, es ist eher die Weiteführung meines Beitrags “Guten Tag, ich rufe aus China an und wollte fragen…” von vor fast einem Jahr, als es das Gerücht gab, die “Süddeutsche Zeitung” wolle ihre Onlineredaktion ins billigere Tschechien auslagern.

Damals schrieb ich noch:

Nun ja, echte Recherche lässt sich im Brandenburger Land weder von China noch von Tschechien aus erledigen, aber Polen…?

Inzwischen darf man sich da wohl nicht mehr so sicher sein. In der aktuellen Ausgabe (09/07) des DJV-Verbandsmagazins “Journalist” findet sich der Bericht “Virtuell vor Ort”. Darin wird beschrieben, wie die Onlinezeitung Pasadenanow aus dem gleichnamigen Pasadena zwei Journalisten in Indien angeheuert hat, die von dort aus über die (ohnehin ins Internet übertragenen) Stadtratssitzungen schreiben und auch andere Geschichten recherchieren.

Zeitungschef James MacPherson wird in dem Text mit den Worten zitiert:

Letztlich seien auch die Journalistenkollegen in Indien nur “einen Telefonanruf oder eine E-Mail vom Geschehen entfernt”.

Und dann geht der Artikel weiter:

Und genau daher kommt die Panik: Wenn geografische Distanz im Internetzeitalter kein Argument mehr ist und die meisten Texte aus Kostengründen sowieso entstehen, ohne dass der Autor jemals selbst am Ort des Geschehens war, wo bleibt dann das Argument gegen massives Outsourcing?

So schwarz würde ich allerdings (immer (noch)) nicht malen. Denn selbst wenn viel journalistische Alltagsarbeit tatsächlich am Telefon stattfindet, viele Geschichten würden ohne persönlichen Kontakt und/oder zumindest die Kenntnis der Orte, wo sie sich abspielen, kaum funktionieren. Kleiner Nebenschlenker: Für deutsche Zeitungen stellt sich die Sprachbarriere zudem noch größer da, da es in Indien möglicherweise sogar journalistisch ausgebildete Englischsprechende gibt, aber eher Wenige des Deutschen mächtige.

Insofern werden nicht schon übermorgen alle Journalisten aus Billiglohnländern arbeiten. Aber bestimmte journalistische Arbeiten, auch die, die direkt mit Texten zu tun haben, könnten genauso “outgesourced” werden wie das in anderen Branchen mit anderen Tätigkeiten bereits üblich ist. In dem “Journalist”-Artikel werden bereits Beispiele genannt, wo Layoutaufgaben oder Anzeigenproduktion nach Indien gewandert sind.

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