Leih! Dir! Geld!

Ich habe die Tage mal wieder Post bekommen. Von Frau Carmen Glaßmann-Hanke, ihreszeichens mein “Ansprechpartner” bei der Norisbank, Filiale Berlin Prenzlauer-Berg. Aber so persönlich wie es klingt, ist es dann doch nicht. Ich habe nix mit der Norisbank zu tun (und nach solcher Post werde ich das sicher auch nie) und der Brief ist ja auch klar “An alle Haushalte” adressiert.

In dem Schreiben rumpelt Frau Glaßmann-Hanke mich gleich in der ersten Zeile mit dem fetten Wort “Betreff” und der knalligen Satz “Immer mehr Deutsche erfüllen sich große Träume, ohne zu zögern!” kräftig an. Und, hey, die Norisbank bietet mir mal eben 5000 Euro sofort an oder auch bis zu 75.000 Euro - falls ich die nötige Bonität haben sollte. Damit ich mir dann “besondere Momente” erfüllen kann, wie es im Brief heißt: “ein Trip auf der Route 66, eine luxuriöse Schiffsreise oder ein erholsamer Wellness-Urlaub”. Ein großer Unterschied zu den Drückerkolonnen anderer Branchen ist da für mich nicht mehr erkennbar.

Super, sich also mal kurz verschulden für ein bisschen Luxus-Konsum? Ich würde ja gerne der Norisbank-Ansprechpartnerin diesen Link auf Wikinews schicken:

09.05.2007 – Während wegen des anhaltenden Wirtschaftswachstums in Deutschland immer weniger Firmen zahlungsunfähig werden, nimmt die Zahl der Pleiten bei privaten Haushalten schon seit Monaten kontinuierlich zu. Wie aus den gestern vom statistischen Bundesamt veröffentlichten Zahlen hervorgeht, beantragten im Januar und Februar dieses Jahres insgesamt 17.198 Verbraucher und damit 24,9 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2006 ein privates Insolvenzverfahren, allein im Februar kamen mehr als 8.200 neue Verbraucherpleiten hinzu.

Aber ich denke, Frau Glaßmann-Hanke und ihre Chefs wissen das alles. Aber es kümmert sie nicht - man schaut sich ja die Bonität immer an, erklären die Banker. Wie es dann zu den vielen Privatinsolvenzen kommt, das müssen dann wohl mal Parapsychologen untersuchen. Können ja nur dunkle Mächte daran schuld sein.

Und die Norisbank ist da ja auch nicht alleine mit ihrer aggressiven Kredit-Verticke-Tour. Schon länger nervt mich die Citibank mit ihrer “Money to go”-Kampagne. Geld mal eben so zum mitnehmen, wie einen Kaffee. Klar bekommen das ganz bestimmt nur die Kunden, die das Geld wirklich brauchen und es sich auch leisten können. Logisch. Wäre es anders, würde man ja seine Kampagne nicht so nennen und stolz in der Pressemitteilung plärren:

Mit dem neuen Kredit der Citibank kommt jede Menge Bargeld in deutsche Städte. In einer medienwirksamen Aktion werden beispielhaft die Innenstädte von Köln, Moers, Duisburg, Nürnberg und Zwickau mit 3.000 EUR-Scheinen gespickt.

Okay, ja, die Banken müssen sich was einfallen lassen, wenn’s den Kredit zum Päckchen Kaffee auch beim Kaffeeröster um die Ecke dazu gibt.

Eine neue Stufe, zumindest in meiner Wahrnehmung, hat jetzt die SEB-Bank erklommen, die mich heute damit beim Duschen aus dem Radio heraus zutextete: Wer einen 5000-Euro-Kredit abholt, der bekommt - Trommelwirbel - jetzt sogar einen iPod Shuffle dazu. Einen iPod! Für nur 5000 Euro Kredit! Das Gerät kostet im Laden ja immerhin satte 75 Euro. Ein echtes Schnäppchen, oder?

SEB Elche

Kann man ja mal kurz nachrechnen: Bei einer Kreditsumme von 5000 Euro und einem Zinssatz von 6,49 Prozent bei einer Laufzeit von 84 Monaten ergibt sich demnach ein Gesamtzinsaufwand von 1235 Euro. Oder, für die Kollegen von der SEB-Bank, einem Gegenwert von etwa sechzehneinhalb iPod Shuffle.

Aber auf dem MP3-Player kann man sich ja in den sieben Jahren der Abbezahlung in Ruhe ein gutes Hörbuch anhören, zum Beispiel “Die Kunst des stilvollen Verarmens”. Die 19,90 Euro, die es kostet, sind dann wohl auch noch drin.

Aber ist nicht die Sichtweise richtig: Hey, das ist doch nun mal Werbung - und jeder ist dafür verantwortlich, ob er drauf reinfällt anspringt oder nicht? Das ist Marktwirtschaft? Von mir aus, darauf könnte man sich einigen. Aber dann müssten Banken und Sparkassen auch akzeptieren, dass die Leute ihnen eben grundsätzlich nix mehr glauben. Dann dürften Bankberater nicht mehr klagen, dass die Menschen zu wenig für die Altersvorsorge tun, dass sie den Werbungen für diese Produkte eben auch nicht folgen. Das wollen sie aber nicht.

Und was mich an dieser, subjektiv wahrgenommen, Flut an Billigkredit-Angeboten besonders ärgert. In der Bankenlandschaft ist man sich durchaus klar darüber, dass das nicht gut ist, dass es nicht moralisch ist. Der Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbandes Claus Friedirch Holtmann hatte mir im Juni in einem Interview gesagt:

Das ist kein gesunder Trend. Die ganze Branche müsste sich die Frage stellen, ob es eine moralische Grenze gibt, wo man dem Kunden keinen Kredit mehr aufschwätzen kann. (…) Da steckt auf jeden Fall eine Gefahr drin. Das sehen auch viele Banker so. Aber der Bankenmarkt ist ein anderer als der, in dem ich noch vor 30 Jahren gelernt habe.

Wo so ein Trend, wo man alles auf Kredit finanziert und alles und jedem Darlehen gibt, weil das Geld schließlich irgendwie unters Volk muss, erleben wir gerade - in anderen Dimensionen - in den USA.

Aber ich bin mal gespannt, wann die erste Bank nicht nur Briefe “an alle Haushalte” schickt und mir Prämien wie iPods in Radiospots avisiert, sondern vor dem Einkaufszentrum an der U-Bahnstation mich der Bank”berater” geschniegelt und gebügelt anlächelt und seinen Musterkoffer mit den bunten Glasperlen und Küchenmixern öffnet, was alles mir gehören könnte, falls ich einen total supergünstigen Kredit abschließen sollte.

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