Ein knappes 0:0

Sind Podiumsdiskussionen eigentlich eine journalistische Darstellungsform? Ich habe leider gerade kein Standardwerk der Journalologie da, aber ich vermute mal: Nein. Denn sonst hätte der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) (Disclaimer: Bei dem ich Mitglied bin) gestern Abend nicht so eine Runde über “Regeln oder Anarchie? – Journalismus im www” veranstaltet. Bestimmt nicht.

Sonst wäre es vielleicht clever gewesen, nicht gleich sieben Leute auf ein Podium zu laden, so etwas ergibt fast zwanghaft “Christiansen”-sche Verhältnisse. Also ein beredtes aneinander vorbei reden ohne echtes Gespräch. Und man hätte sonst sicher auch darauf geachtet, dass die Teilnehmer der Runde vielleicht vorhaben, über dasselbe zu sprechen. So wollten die einen gerne über Journalismus und Blogs sprechen, die anderen lieber über Foren und wie man Rechtsextreme dort raushält, zum Beispiel mit einem Qualitätssiegel. Oder so ähnlich.

Wer mag, kann sich die Runde wohl beim DJV als Videostream anschauen, inklusive 15 Minuten schweigendem langsamen Eintreffen der Diskutanten vor Beginn der Runde. Tonlos.

Was habe ich, außer diesen Erkenntnissen über Podiumsdiskussionen mitgenommen?

Thomas Knüwer, Handelsblatt-Blogger, dessen Blog ich regelmäßig und gerne lese, kann weniger gut im realen Leben diskutieren als in seinem virtuellen Zuhause. Am Anfang immer dazwischenplappernd machte er auf mich einen doch etwas übermotivierten Eindruck. Schade eigentlich, gut gesetzte Argumente wären sicher besser gekommen als der Versuch, Old-School-Journalisten zu provozieren. Und bei einigen Beispielen - etwa dass Informanten aus Atomkraftwerken ihre Stories nicht mehr loswerden, weil Journalisten die Kommunikation verweigern und keine Email-Adressen und Durchwahlen auf die Zeitungs-Homepage setzen lassen - wurde es dann schon extrem abstrus.

Über Hans-Ulrich Jörges vom Stern weiß ich nun, dass er zwar ganz gerne austeilt und, so wie in seinen Kommentaren, hin und wieder auch trifft, aber recht mimosenhaft reagiert, wenn jemand ihm eine vor den Latz knallt. Dass “stern.de” eine Fundgrube für Bewerbung von Produkten aus dem eigenen Haus (“Dschungelcamp”) und Nacktfotos sowie Klickstrecken von Eisbärbabys sei, hat er nur sehr unsouverän ertragen können. Ansonsten ist sein größtes Problem beim Online-Journalismus offenbar, wie man Rechtsextreme aus den Foren raushalten kann. Und: “Über Blogs will ich nicht reden.”

Don Alphonso als Vorzeige-Blogger hat für mich bewiesen, dass er genauso pointiert und unterhaltsam reden kann, wie er im Blog auch schreibt. Vor allem als er Jörges erklärte, warum er selbst lieber das Blog einer Buchhändlerin aus Hannover liest als die Jörges-Kommentare: “Die schreibt nämlich netter.” Und: “Sie sind gar nicht relevant, wie sie glauben.” Allerdings muss ich gestehen, dass mich diese Attitüde “das Netz ist prima und funktioniert, die alten Medien sind per se unglaubwürdig, schlecht und zum Untergang verdammt” auf Dauer auch ein bisschen annervt.

Michaela May von N24, die auch ihr Mayblog schreibt, kam die Rolle der Alibi-Frau auf dem Podium zu, die sie dann auch noch mit einer vermittelnden und schlichtenden Art füllte. Ganz Klischee eigentlich. Für mich kam sie aber eher so rüber, als ob sie ihr Blog wie ein Klassenzimmer führt, in dem sie einmal am Tag ein Thema zur Diskussion stellt und dann “ihre Autoren” dazu ihre Meinung schreiben. Und sie hat sogar schon mal Recherche-Aufgaben an ihre Klasse ihre “Autoren” vergeben, damit nicht immer sie alles reinschreibt, sondern die Leute selbst was rausfinden müssen. Klingt für mich eher nach Beschäftigungstherapie, weniger nach Web2.0-Journalismus.

Michael Konken, DJV-Bundesvorsitzender, hat mit seiner Rede über die Blogs, die kein Journalismus seien, sondern Tummelplatz für anonyme Feiglinge, die ganze Debatte ja mitangestoßen. Nun will er lieber über das Berufsbild “Onlinejournalismus” sprechen, das die Gewerkschaften gerade mit den Verlegern aushandeln. Und für eine gerechte Bezahlung von Online-Journalisten sorgen (was wirklich eine gute Sache ist). Ach ja, und die Verlage sollen mehr Geld investieren, da nur so die Qualität gesichert werden kann. Mit der ursprünglichen Frage hatte das aber weniger zu tun, war aber wohl Pflicht, damit es dann später als Hauptthese des Abends in die Pressemitteilung kann.

Die zwei interessantesten Diskussionsteilnehmer des Abends waren die nicht gar so prominenten.

Zum einen Björn Sievers von Focus.de, von dem ich nun weiß, dass es tatsächlich Journalisten gibt, die freiwillig und gerne online arbeiten und auch gut bezahlt werden. Und der mit ein paar Blättern Papier erklärt hat, dass man auf ein Blatt Papier eine Kinderzeichnung stellen kann - oder einen journalistischen Artikel. Und dass ein Blog nichts anderes als ein Blatt Papier ist. Leider ist darauf niemand eingegangen. Wahrscheinlich war das Beispiel zu komplex. Oder, noch wahrscheinlicher, war es der “Christiansen”-Effekt: Wer endlich dran kam konnte sich unmöglich auf das zuvor Gesagte beziehen, sondern musste erstmal was zu einem ganz anderen Aufreger 10 Minuten zuvor loswerden.

Und dann war da noch Wolfgang Donsbach von der TU Dresden, den Thomas Knüwer mächtig runtergetwitter hat. Der konnte oder wollte zum Thema Blogs & Journalismus direkt auch eher wenig beitragen und wollte sich dankenswerterweise nicht “mit Detailproblemen” wie Vor- oder Nachzensur von Forumseinträgen oder sozialer Absicherung über das Presseversorgungswerk aufhalten, schlug aber wenigstens mal was Anderes vor: Eine Professionalisierungsdebatte führen. Müssten vielleicht Journalisten wie Ärzte eine Ausbildung mit Abschlüssen durchlaufen, um ihre - derzeitigen - Privilegien zu halten? Und hätten Journalisten dann gegenüber Verlagen nicht auch bessere Karten, wie etwa die Ärzte in Krankenhäusern? Sicher ein kontroverses Thema - aber eines, an dem sonst an diesem Abend keiner ein Interesse hatte.

Und dann, als letzte Erkenntnis: Journalisten sind bei einer für das Publikum geöffneten Podiumsrunde am Ende auch keine besseren Fragesteller als bei der Bürgerversammlung Schlagmichtot. Eitle Selbstdarsteller. Leute, die ihren Arbeitgeber mal genannt haben wollen. Und solche die meinen, dass ihre Institution vielleicht die richtige wäre, die Probleme der Zukunft zu lösen - wie etwa der Presserat.

Am Ende bleiben zwei recht unterhaltsam verbrachte Stunden, bei denen ich immer dachte, jetzt muss es doch gleich mal kommen - aber leider nie etwas kam.

So…

Und jetzt, nachdem ich das geschrieben habe, schau ich mal, was andere dazu sagen - und verlinke das hier. Und aktualisiere das auch nach und nach.

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