Mit und ohne Sachbezug

Auf dem neuen Blog der von mir sehr geschätzten Zeitschrift “Message” schreibt Dieter Wild über den Pressekodex und dessen Richtlinie 12.1, die besagt:

In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

In seinem Beitrag konstruiert Wild ein Beispiel, in dem ein Senegalese eine Frankfurterin würge und man ja weder schreiben dürfe, dass der Mann aus dem Senegal komme noch dass es ein Schwarzer sei, weil

Geht aber auch nicht. Denn die Schwarzen sind hierzulande gleichfalls eine Minderheit. Also bleibt nur zu schreiben: „ein Mann“. Männer sind hier nur leicht in der Minderheit, also vermutlich nicht schützenswert.

Und deshalb schlägt Wild vor, in einer Neufassung des Pressekodex den Abschnitt zu streichen:

Wie man hört, will der Deutsche Presserat den Artikel 12 seines Pressekodex und vielleicht auch die Richtlinie 12.1 neu fassen. Vorschlag: weglassen!

Ja, so sind Journalisten manchmal. Wenn etwas nicht 100-prozentig perfekt ist, dann gehört es eben - weg. Nur: Worin besteht eigentlich der Nachrichtenwert, dass der Mann aus dem Senegal kommt? Was überhaupt, wenn der veremeintliche Senegalese längst einen deutschen Pass hat, was dann in den Medien immer zu recht merkwürdigen Konstruktionen wie damals der “Deutsch-Äthiopier” führt?

Wie wäre es, so unter Kollegen, diesen Passus des Pressekodex einfach als Mahnung zu sehen, bei all diesen Nationalitäten-Nennungen (und den Nennungen vermeintlicher Nationalitäten) darüber nachzudenken, ob im Einzelfall es richtig, sinnvoll und von Nutzwert für den Leser ist, dies zu tun?

Andernfalls schlage ich aber vor, mit der Nennung von Details, etwa in Polizeiberichten, auch konsequent alles wichtige zu nennen: “Der 1,96 Meter große im hessischen Oberzentrum Gießen geborene Mann, der bereits seit 2001 in Frankfurt am Main lebt und im Sternzeichen Waage geboren wurde, würgte die junge Frau, die neben der deutschen auch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt und die im oberpfälzischen Wiesau geboren wurde und zeitweise in München lebte, bevor sie nach Frankfurt am Main zog, bevor er von zufällig vorbeikommenden Passanten daran gehindert wurde. Die beiden jungen Männer sind geborene Frankfurter und haben ihre weiteste Urlaubsreise bisher nach Mallorca unternommen, teilte die Polizei mit. Als Grund für den Angriff nennt die Polizei einen Streit unter Betrunkenen, der sich aus der Gaststätte auf die Straße verlagert hatte.”

So ungefähr wäre dann die sinnvolle Berichterstattung à la Wild, ohne Medienbeschränkung, zu sehen. Oder habe ich da was missverstanden?

Update:

Ein Artikel dazu im “Rheinischen Merkur”.

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