(M)ein Tag auf der Cebit

Der wichtigste Eindruck von meinem heutigen Cebit-Tag: Die Messe lügt. Naja, zumindest schwindelt sie. Überall verbreiteten die Veranstalter, “Green IT” - also ökologische Computersysteme - seien ein Schwerpunkt der diesjährigen Computerschau. Die Realität: Die vollmundig “Green IT Village” genannte Ausstellungsfläche ist mitnichten ein Dorf, nicht mal eine Halle oder ein größerer Teil davon, sondern eine recht bescheidene Fläche in Halle 9, genannt A50, die sich im hintersten Winkel verbirgt und angesichts der etwas merkwürdigen Messe-Stand-Nummerierung nur von denen gefunden werden kann, die wirklich sehr, sehr gezielt danach suchen.

Allein der Stand von Microsoft dürfte ein Vielfaches der Green-IT-Village-Fläche einnehmen. Und alle auf der Cebit verstreuten Anbieter, die irgendwas rund um PC-Overclocking zeigen, also wie man seinen Computer schneller macht, wofür dann Giga-Kühlung nötig ist, dürften auch mehr Platz einnehmen. Oder die Samsung-Spielarena, wo ein Warcraft-Turnier ausgetragen wurde:

Insgesamt sieht die Green-IT-Präsentation auch eher, nun ja, bescheiden aus:

Immerhin wird gezeigt, dass PCs heute viel weniger Strom verbrauchen als noch vor fünf Jahren.

Nicht gezeigt wird, zumindest auf den ersten Blick, dass es halt heute auch viel, viel mehr PCs in Büros und Privatwohnungen gibt - so dass sich der lobenswerte Energievorteil recht rasch wieder in Luft auflöst. Richtig viel los ist angesichts der wenig spektakulären Präsentation und der versteckten Lage dann vor Ort auch nicht wirklich.

Dabei hätte das Green-IT-Village ein enormes Anziehungspotenzial für Notebook-Freaks, denn dort steht - recht unbeachtet - das neue X300 von Lenovo, eines der leichtesten Notebooks, die es derzeit gibt. Sozusagen die leistungsstärkere Konkurrenz zu Apples Airbook.

Weiter vorne in der selben Halle sind die sympathischen Studenten des Hasso-Plattner-Instituts zu finden, die live “Design Thinking” vorführen. An diesem Tag lautete die Frage: Wie sollte das ideale Business-Handy aussehen. Als sicher dürfte gelten: nicht so, wie es am selben Tag in der Messe-Zeitung präsentiert wurde.

Wer will sich ernsthaft auf den Touchscreen eine Tatstatur einblenden, wenn er eine echte Hardwaretastatur fest darunter hat? Eben.

Die Studenten sammeln bei den Besuchern auf bunten Zettelchen Ideen und Gedanken ein - und dann wird in mehreren, jeweils 15 Minuten langen Sitzungen geclustered, gebrainstormed und insgesamt überlegt, wohin die Reise gehen könnte und wie ein Prototyp aussehen sollte. Was rauskam? Soll demnächst auf der Homepage zu finden sein.

Am Vortag wurde nach einem perfekten Wecker gesucht. Die Idee der Studenten: Eine Armbinde, die via Blutdruck etc. die Schlafphase misst und etwa zur gewünschten Zeit, aber vor allem zum richtigen Schlafzeitpunkt mit dem Wecken beginnt. Und zwar nicht mit Lärm und Läuten, sondern durch sanften Durck dank “smarter Textilien” wird das Gefühl vermittelt, als ob einen jemand sanft am Arm packt, um einen aus dem Reich der Träume zu ziehen. Ich bin ja mal sehr gespannt, ob es so etwas in der Realität geben wird.

Die Cebit insgesamt? Für mich zu groß, zu weitläufig, kaum möglich, zu interessanten Vorträgen in den weit entfernten Hallen rechtzeitig da zu sein. Immerhin habe ich es zum vom Mittelstandswiki präsentierten “Live Hacking” von Mark Semmler geschafft. Selten 30 so kurzweilige Minuten über ein Computerthema erlebt.

Mit wenigen Klicks zeigte Semmler, der sich nach eigenen Angaben - wie er augenzwinkernd sagte - seit etwa 1990 kreativ mit Computersicherheitsproblemen befasst, wie ungeschützt viele PCs im Internet sind. Ein Befehl und schon werden rund zwei Dutzend Maschinen angezeigt, die via DSL-Router an “einem großen deutschen Provider” hängen. Eine ausgewählt und einen Befehl weiter, zeigt das Gerät bereitwillig alle freigegebenen Verzeichnisse an. Und wieder einen Befehl weiter kann Semmler sich auf der Festplatte umschauen, als wäre es seine eigene.

Das Password dazu? Es war keines, sondern ein simples Return-Drücken genügte bei der Abfrage. Ursache des Übels: Der Mensch vor der Maschine. Und dass sich das Internet einer Technik bediene, die zu einer Zeit entwickelt wurde, da sich alle Internet-Nutzer “per Handschlag kannten” und Sicherheit so schlicht keine Rolle spielte.

Ein (noch) kleines Startup aus Niedersachsen, das ich extrem sympathisch finde und dem ich wirklich von Herzen einen großen Erfolg wünsche, ist locr. Eine Internetplattform, auf der ich meine Fotos hochladen kann, die sich aber anders als etwa der viel größere Konkurrent flickr einem speziellen Thema verschrieben hat: dem Geotagging.

Dabei erhält das Foto, so wie heute schon Datum und Uhrzeit mitgespeichert werden, durch einen GPS-Empfänger die Koordinaten der Aufnahme mitgeliefert. Locr zeigt dann an, wo das Bild entstanden ist. Und zeigt zum Beispiel bei Koordinaten rund um Sehenswürdigkeiten wie dem Eifelturm auch gleich noch die passenden Wikipedia-Einträge zum Bild an. Mitgründer und CEO Malte Schloen verweist darauf, dass immer mehr Handys eingebaute GPS-Empfänger haben und auch immer mehr Fotoapparate dieses Feature erhalten.

Die Idee zu locr sei ihnen gekommen, weil durch die Digitalisierung immer mehr Fotos gemacht werden, die angesichts der Menge gar nicht mehr, wie früher, von Hand sortiert, in Alben eingeklebt und beschriftet werden könnten. Die wichtigsten Infos zum Bild - Wann? Wo? Was? - sollten deshalb möglichst automatisch erfasst werden; bei locr werden sie dann im digitalen Bilderalbum gleich abgespeichert. Bald soll man direkt aus locr dann Postkarten mit Fotos und passenden Karten dazu und auch Fotoalben mit Karten bestellen können.

Nachdem ich vor einigen Wochen locr entdeckt hatte, habe ich mir einen GPS-Datenlogger von Wintec gekauft, mit dem ich ein bisschen herumexperimentiert habe. Darüber muss ich mal ausführlicher bloggen. Allerdings sind meine Fotos vorerst weiterhin vor allem bei 23 zu sehen…

Und sonst? Bei Microsoft und bei T-Mobile gibt es zwar sehr engagiertes und freundliches Personal, aber meine recht konkrete Frage, ob ich mit einem Windows Mobile 6-Handy und einem Exchangeserver auch Kalendereinträge, die drei oder vier Jahre zurückliegen, synchronisieren kann, konnte mir niemand beantworten. Dafür aber vieles, was ich nicht wirklich wissen wollte. Weiß es zufällig jemand, der hier gerade vorbeiliest?

Eigentlich wollte ich mir ja ein paar UMPCs und Tablet-PCs anschauen, aber so richtig erfolgreich war ich nicht. Bei Gigabyte gab es zwar ein M700 zu sehen, aber das ausgestellte war nicht funktionsfähig; das einzige aktive Exemplar war gerade auf einer Pressekonferenz mit taiwanischen Journalisten, hieß es. Naja.

Dafür hatte ich das Sony-Ericsson Xperia X1 in der Hand, allerdings auch nur die Hardwarehülle. Eine lauffähige Version gab es auf der Cebit nicht zu sehen. Fühlt sich sehr wertig und gut an, könnte bei Erscheinen im September die eierlegende Wollmilchsau sein, dürfte aber auch rund 700 Euro kosten.

Ein “Highlight” war für mich ein Blick ins “digital living @ future building”, wo Schlaf-, Wohn- und Arbeitszimmer aufgebaut waren, wie sie heute schon aussehen könnten, aber bald aussehen sollen, wenn es nach den beteiligten Firmen geht. Klar, vor allem ist alles voller Bildschirme. Und so gibt es auch Fernsehen unter der Dusche, worauf wir alle ja schon immer gewartet haben.

Aber geradezu unschlagbar ist dieser Blick in eine, nun ja, Bedürfnisanstalt der Zukunft. Aufs Klo mit digitalem Bilderrahmen an der Seite und Musik. Und ein echt toller Deckel ums WC in der Einrichtung verschwinden zu lassen…

Ob sich auch jemand Gedanken über die Gerüche gemacht hat? Aber wahrscheinlich ging es zunächst mal nur um die Optik.

Und auf die setzt auch das Fraunhofer Institut. Die haben eine Gesichtserkennungssoftware geschaffen, die Passanten im Vorübergehen identifiziert und in “männlich” und “weiblich” einteilt. Sogar der Gemütszustand, ob fröhlich oder wütend, traurig oder überrascht, wird identifiziert und auf einer Skala bewertet. Und das geht nicht nur bei einer Person, sondern auch bei vielen, also ganzen Menschenansammlungen. Die Geschlechtererkennungsquote liege derzeit aber nur bei etwa 90 Prozent, sagt einer der Macher. Für Sicherheitsanwendungen vielleicht eher wenig, aber für statistische Auswertungen, etwa wie viele Frauen und wie viele Männer vor einem Werbeplakat stehenbleiben, reiche das völlig aus.

Wolfgang Schäuble dürfte das gefallen. Wenigstens das, denn der Slogan ein paar Stände weiter, lautet zu seinem vermuteten Bedauern nämlich nicht “Deutschland wird sicherer”, sondern “Deutschland wird einfacher”.

Allerdings darf der Wahrheitsgehalt dieser Botschaft angesichts der daneben stehenden Schautafel bezweifelt werden.

Ach so, und ein bisschen größenwahnsinnig ist die Cebit, respektive T-Mobile, natürlich auch. Gehört wohl dazu - unter Martin Luther tut’s kein Werbeslogan mehr:

Aber das wird dann doch noch getopt, nämlich von der Bahn. Die scheut nicht davor zurück, ihre piefige und zugige Freifläche vor dem Messebahnhof so vollmundig zu benennen, als stünde man direkt auf dem Potsdamer Platz:

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