Regeländerungen

Meiner Meinung nach einen der besten Texte über den heutigen Onlinejournalismus - vor allem der etablierten Medien - hat Stefan Niggemeier in der aktuellen “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” vom 11. Juli 2008 geschrieben. “Bitte hier klicken!“heißt der Text, der online leider nur Abonnenten zugänglich ist. (Update: Der Text “Bitte hier klicken” ist jetzt bei Stefan Niggemeier selbst online.) Der Untertitel: “Sollen wir die schönsten Zahlen zwischen 1 und 10.000 bringen? Oder hundert Bauchnabel? Wie der Online-Journalismus seine Autorität verspielt”.

Niggemeier kritisiert dabei an mehreren Beispielen den krampfhaften Versuch der Onlineredaktionenmacher, Informationen nicht so aufzubereiten, dass sie für den Leser besonders gut und schnell zu erfassen sind, sondern so, dass sie möglichst viele Klicks generieren. Seien es Tabellen, die unübersichtlich als Diaschau präsentiert werden, oder Fotogalerien, in die einfach alle Bilder eines Ereignisses eingefüllt werden - auf dass sich der User durchklickt und der Zähler jauchzt.

Dies, so Niggemeier,

führt zu Formen, die man als das Gegenteil von Journalismus sehen kann. Eine klassische Aufgabe des Journalisten scheint dabei fast völlig zu verschwinden: die der Auswahl der Nachrichten. Die wäre angesichts der Informationsflut im Internet eigentlich von ganz besonderer Bedeutung. Aber jede zweifelhafte, unwichtige, abseitige Meldung, dieein Online-Medium nicht bringt, bedeutet zunächst einmal: weniger Klicks. Deshalb steht ungefähr bei allen alles. Das Filtern irrelevanter Informationen als journalistische Dienstleistung verschwindet weitgehend.

Mich hat in Diskussionen auch schon die kindliche Freude von Online-Menschen und traditionellen Jouranlisten über hohe Klickzahlen bei dieser oder jenen Aktion - etwa einer Bildergalerie - verwundert. Irgendwie, so scheint mir, spielen im Online-Business für viele eine wichtige Regel, die beim Zeitungmachen gilt, keine Rolle mehr: die Frage nach der Qualität. Zweifellos würden viele Zeitungen mit weniger Text, großen Bildern (vielleicht spärlich bekleideter Menschen) und der Ausweitung der “Vermischten”-Seite anstelle der Berichte über Koalitions-Debatte und CDU-Parteitag die Klickzahlen erhöhen vielen Lesern entgegenkommen.

Doch irgendwie verspürt man ja (noch?) den Anspruch, nicht nur ein Produkt zu vermarkten, sondern eine Zeitung zu verlegen. Online, so kommt es mir vor, gilt das bei vielen nicht (mehr / noch nicht?). Auch wenn der selbe Markenname draufsteht.

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#Journalismus #Onlinejournalismus #Qualitätsdebatte
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