Panik verboten

Das “Handelsblatt” leistet sich ein paar Blogs. Zum einen bloggen Redakteure, wie Thomas Knüwer (den ich sehr gerne lese), zum anderen bloggen aber auch externe Experten - wie zum Beispiel der Wirtschaftswissenschaftler Harald Uhlig, der über “Makro und mehr” schreibt schrieb.

Denn wie Uhlig in seinem aktuellen Beitrag schreibt:

Mein letzter Blog-Eintrag vom Sonntag wurde von der Redaktion des Handelsblatts gelöscht und ist daher hier nicht mehr verfügbar. Ich habe versucht, gegenwärtigen Ereignissen meine eigene Interpretation zu geben, die man teilen mag oder nicht oder die man sonstwie bewerten mag.

Uhlig hatte dort geschrieben, wie hier nachzulesen ist, dass das Geld bei Commerzbank & Co. nicht mehr so richtig sicher sei:

Wenn Sie ein größeres Konto bei der Commerzbank oder der von ihr geschluckten Dresdner Bank oder UBS oder Fortis haben, so sollten Sie froh sein. Denn noch können sie dort ihr Geld abheben: in aller Ruhe und ohne Schlange zu stehen. Die Einleger scheinen nämlich Nerven aus Stahl zu haben, und das ist gut so. Bisher ist ein bank run auf diese Institutionen ausgeblieben, und dabei könnte es auch bleiben. (…)

Also: vielleicht ist alles in Ordnung. Wenn Sie bei diesen Institutionen ein größeres Konto haben und darauf wetten wollen: nur zu. Ihre Gelder abzuheben und in etliche kleinere und vor allem sichere Konten umzuverteilen, oder andere Anlageformen zu suchen, ist ja auch irgendwie lästig. Kann ich gut verstehen. Oder aber Sie machen sich doch die Mьhe und heben sicherheitshalber noch ab, bevor vielleicht zu viele andere auf die Idee kommen. Es ist Ihr Geld: Sie können damit machen, was Sie wollen. Noch. > >

Das wollte man beim “Handelsblatt” offenbar so nicht stehen lassen - und hat den Beitrag komplett gelöscht. Was wiederum zur Folge hat, dass plötzlich die ganze Blogwelt über diesen Beitrag spricht. Und spätestens wenn “Spiegel Online” oder jemand ähnliches das Thema aufgreift, auch noch viel mehr Leute.

Das Problem an dem Beitrag: Es ist eine legitime Meinungsäußerung - die aber fatale Folgen haben kann, wenn sich tatsächlich eine signifikante Zahl von Leuten danach richtet. Denn in dem Moment, in dem das Geld zahlreich abgehoben wird, tritt genau das ein, was Uhlig vorhersagt: Die Bank geht in die Knie.

Als Journalist muss ich sagen: Mit so einer Meinungsäußerung wäre ich genauso vorsichtig wie mit dem Wiedergeben von ungeprüften bzw. unüberprüfbaren Gerüchten, etwa über die bevorstehende Pleite einer Firma. Das hat nichts, wie unter Bloggern gerne behauptet, mit Feigheit, Schönrederei oder Abhängigkeit von Anzeigenkunden zu tun, sondern mit was ganz Altmodischen: Verantwortung und Verantwortungsgefühl. Allerdings wäre es von der “Handelsblatt”-Redaktion sicher klüger gewesen, mal mit dem eigenen Autor, Herrn Uhlig, zu sprechen, anstatt einfach auf “Delete” zu drücken.

Auf der anderen Seite: Wenn ich tatsächlich glauben würde, dass Weltfinanzsystem und die deutsche Bankenlandschaft stünden kurz vor dem Zusammenbruch, dann sollte man den Leuten wirklich nicht nur raten, das Geld vom Konto zu holen, sondern dafür schnell auch noch ein paar schöne Sachen zu kaufen. So lange es in den Geschäften noch was gibt. Am besten vermutlich Petroleumlampen, Petroleum, Streichhölzer und was sonst noch zu einem Notfall-Set gehört. Insofern war Uhligs Beitrag für einen Paranoia-Eintrag eigentlich nicht konsequent genug.

Die “echten Blogger” haben Herrn Uhlig jetzt ein eigenes Blog geschenkt (wo auch sein Artikel eingestellt ist). Mal sehen, ob was draus wird. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich dieses Blog privat und in meiner Freizeit betreibe und mein Arbeitgeber keine Angst haben muss (und daher auch keine Kontrolle darüber haben muss), was ich hier schreibe.

Genug zu schreiben gibt es offenbar in den nächsten Tagen: “Spiegel Online” meldet gerade, dass das Rettungspaket für die Hypo Real Estate geplatzt ist.

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