Beizeiten ändert es sich

Das Internet zeichnet sich ja vor allem dadurch aus, dass es ein schnelles Medium ist. Das ist eine Binsenweisheit. Aber trotzdem kann es manchmal ja nichts schaden, einen Blog-Beitrag, der schon fast 14 Tage alt ist, noch einmal zu überdenken.

Am 1. Dezember hat Thomas Knüwer, A-Blogger und Handelsblatt-Redakteur, einen Text “Weil der Journalist sich ändern muss” verfasst, der hohe Wellen geschlagen hat. Darin geht es kurz gefasst unter anderem darum, dass der Journalist der Zukunft seine Infos über Twitter, Facebook & Co. bekommt, dort recherchiert und ganz nah dran am Geschehen ist (zum Beispiel bei Terroranschlägen wie in Bombay). Dass dies aber die eher verschnarchte Journalistenschaft das bislang nicht verstehen will und immer noch glaubt, man könne mit Telefonanrufen Geschichten finden.

Doch die Verschiebung in der Kommunikation wird bleiben. Und damit stehen viele Journalisten vor ihren möglichen Lesern wie Menschen, die sich nach Erfindung des Telefons weigern, dieses zu benutzen, weil es das Leben so hektisch mache - Briefe würden auch reichen.

Immerhin hat Knüwer es mit dem Text bis in die so gerne kritisierten Print-Medien geschafft. Allerdings weniger wegen der dort geäußerten Gedanken, sondern wegen einer heftigen Auseinandersetzung mit seinem “Handelsblatt”-Kollegen Sönke Iwersen, der öffentlich widersprach und Knüwer vorwarf, nur von den Geschichten der so gescholtenen old-school Print-Journalisten zu leben.

Wenn es tatsächlich so wäre, dass diese Kommunikationswege neue Infos erschließen – warum kommen die Scoops im Handelsblatt dann nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen?

Mich hat der Schlagabtausch an die journalistische Stilform des Pro-und-Contra erinnert, auch wenn sie wohl nicht so geplant gewesen ist. Das ist dann, wenn zwei Leute zwei fundamental gegegnsätzliche Positionen einnehmen und mal frei weg von der Leber argumentieren, ohne auch nur den leisesten Zweifel an der eigenen Position aufkommen zu lassen. Etwas, was normale Menschen - auch Journalisten - ja sonst eher selten tun.

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen den beiden Positionen. Natürlich werden Twitter-Dingense, soziale Netzwerke und so weiter in einigen Jahren eine übliche Form der Kommunikation sein. So wie heute in der U-Bahn jeder an seinem Handy rumfingert und das vor 15 Jahren schier unvorstellbar war, dass jeder so ein kleines Telefon dabei haben könnte. Natürlich nutzen Journalisten Handys und rufen Leute auf Handys an.

Aber, und da ist mein Widerspruch zu Thomas Knüwer, die meisten Kollegen fangen eben dann damit an, so etwas zu nutzen, wenn es einen Nutzen für sie verspricht. Man hat ein Handy, wenn es bezahlbar ist und funktioniert, und zwar nicht nur an drei Orten in der näheren Umgebung. Man nutzt Email, wenn auch genug andere Leute Email haben, nicht dann, wenn es an den ersten Unis freizügig Emailadressen gibt. Und man wird auch dann Twitter & Co. nutzen, wenn sich dort eine echte Kontaktmöglichkeit, ein Zusatznutzen ergibt. Und wenn nicht, dann eben nicht.

Dass Journalisten, die ihren Themenschwerpunkt in der Medien- und Web-Szene haben, da vorne dran sein müssen, keine Frage. Denn genau dort haben die Dienste ja bereits einen Zusatznutzen gegenüber gängigen Kommunikationsmitteln.

Aber für einen Regionalzeitungsredakteur wie mich ist die Anzahl der Geschäftsführer von Firmen der Region, die per Twitter von irgendwelchen wichtigen Entscheidungen berichten, arg überschaubar. Sie beträgt nämlich Null. Und selbst bei den Beschäftigten ist die Quote gering; um zu wissen, was auf einer Betriebsversammlung eines 100-Mann-Betriebs um die Ecke gesagt wurde, reicht es (leider?) nicht, den Twitter-Feed mit den passenden Suchworten abzugrasen, sondern man muss mit den Leuten, die dort waren, direkt reden. Die twittern nämlich nicht.

Wird sich das in zehn Jahren, in 20, in 30 Jahren ändern? Vielleicht. Wenn dann die Leute dort sind, die von Jugend an IM genutzt haben, getwittert haben, bloggen. Vielleicht aber auch nicht, weil man das mit 15 in der Schule und mit 25 im Studium macht, weil man Zeit hat und wenig zu verlieren, mit den falschen Worten. Aber mit 35 und mit 45 keinen Sinn mehr sieht, Gedanken in sein Handy zu tippen, die man hat, wenn der Chef den Stellenabbau verkündet. Aber wenn es dann passieren sollte, dann bin ich mir ganz sicher, dass dann auch Journalisten diese Dienste nutzen werden.

Was mich an solchen Debatten, die sich dann an Bombay und Yahoo aufhängen, oft stört, ist der arg beschränkte Blickwinkel auf Journalismus. Der fängt dann beim “Handelsblatt” an und umfasst vielleicht noch FAZ und “Spiegel”. Die vielen Journalisten, die für ihre Leser direkt vor Ort berichten, die bei Autokrise nicht erst an GM, sondern das Mercedes-Werk vor der Haustür denken, die bei Finanzkrise nicht über JP Morgan sinnieren, sondern bei der Sparkasse fragen, was das für deren Kunden bedeutet, die kommen in diesen Zukunftsszenarien oft gar nicht vor.

Vielleicht am Ende ein noch größerer Fehler als nicht rechtzeitig einen Twitter-Account angelegt zu haben.

P.S. Und, ja, ich twittere ;-).

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