Wir werden alle sterben

Fernsehen, Radio und Zeitungen - “all will die”, sie alle werden sterben. Das sagte Axel Schmiegelow, Chef der Videoplattform Sevenload, auf der “Global Conference” zum Thema Webciety auf der Cebit in Hannover.

Hintergrund sei ein Paradgimenwechsel beim Publikum. Das wolle jederzeit und überall Videos schauen. Aber vor allem wolle es “social interaction”, was viele in den traditionellen Medien nicht verstanden hätte. Man will, während man ein Video betrachtet, mit anderen darüber chatten und/oder es bewerten. “Das ist wie im Kino quatschen”, sagt Schmiegelow, nur störe es niemanden, im Gegenteil.

Das Web2.0, über das schon viel gesprochen und geschrieben wurde, habe die echte Welt erreicht, glaubt der Sevenload-Chef - und wirft ein Chart dazu an die Wand:

Sevenload

Zu tun gebe es aber noch einiges. So müssten die Inhalts-Produzenten an den Einnahmen beteiligt werden, dazu müssten noch passende “Tools” gefunden werden. Zudem müsse das Publikum gehalten werden und ihm Gründe zum Wiederkommen gegeben werden, damit es für die Werbeindustrie interessant sei.

Schmiegelow erwartet, dass mehr als 50 Prozent der Werbung binnen fünf Jahren ins Netz verschoben werden. Wer da zweifele, den erinnere er daran, dass 1971 ein Konzern wie Procter & Gamble in den USA 80 Prozent des Werbeetats für Printprodukte ausgegeben habe, 1975 seien bereits 70 Prozent in TV-Werbung geflossen. Und überhaupt sei es für Werbetreibende viel billiger, mit interaktiven Videos zielgruppengenau zu inserieren:

Sevenload

Anders als manche Skeptiker glaubt er auch daran, dass man mit Inhalten weiter Geld verdienen werde (“content has a business model”). Denn zwar werden seiner Meinung auch die etablierten Medien untergehen (s. oben), aber nicht die Firmen, die heute dahinter stehen - denn sie hätten das Geld und die Fähigkeit, sich anzupassen. Es gebe aber auch keinen totalen Verdrängungswettbewerb; durch Big-Brother-Videos auf Sevenload habe sich die Einschaltquote nicht verringert, sondern im Gegenteil seien neue Zuschauer dazu gewonnen worden, sagte Schmiegelow.

Das, was mir bei Hoffmann von LinkedIn so gefallen hat, dass er nicht die große Revolution an die Wand gemalt hat, das hat Schmiegelow in der Hoppla-Jetzt-Komm-Ich-Art der New Economy getan. Ich glaube auch, dass Video im Internet noch eine Menge Potenzial hat, aber dass dadurch zum Beispiel das Radio überflüssig wird, das wage ich doch arg zu bezweifeln. Und ich gehe noch eine Wette ein: Es wird das klassische Fernsehen, ganz ohne demand und über Sender oder Kabel verteilt, länger geben als Sevenload. Nur mal so, um eine harte These gegen Schmiegelows zu setzen.

Da unterstützt mich doch gerade auch ein Artikel bei Techcrunch (via: Twitter), wonach die Hoffnungen auf das große Geld mit den Online-Videos nicht eingetreten sind und sich euphorische Prognosen in Luft auflösen. Die Leute schauen einfach immer noch lieber was anderes:

In 2008, he estimates that people in the U.S. watched 389 billion hours of plain old TV. That compares to 95 billion hours of on-demand TV, which he breaks up into live DVR (59 billion hours), time-shifted DVR (23 billion), cable and satellite video-on-demand (6 billion hours), online video (7 billion hours), and digital downloads (800 million hours). So of all 484 billion hours people will spend watching video in the U.S. this year, only 1.4 percent will be online video.

Aber dass alles sterben wird, da hat der Sevenload-Boss natürlich recht. Das weiß auch die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung” und hat es prima aufgezeichnet.

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