Kommunikation 1.0

Es wird ja derzeit gerne über die Gefahren des Web2.0 mit all seinen sozialen Netzwerken gesprochen. Gut, über Gefahren wird eigentlich gesprochen, seitdem das Wort Internet in den allgemeinen Sprachschatz aufgenommen wurde. Aber jetzt geht es um die Privatsphäre. Menschen werden verleitet, Dinge über sich preiszugeben, die niemanden etwas angehen und die ihnen irgendwann schaden könnten. Schreibt zum Beispiel mal wieder der “Spiegel” in einer der jüngsten Titelgeschichten.

Aber mal ehrlich: Braucht es dafür wirklich Web2.0, Breitband-Internet und all den Schnickschnack? Kommunikation 1.0 reicht doch völlig. Zum Beispiel ein handelsübliches tragbares Taschentelefon, vulgo Handy, und eine möglichst belebte Gegend.

Zum Beispiel im proppevollen ICE von Hannover-Messe nach Hannover Hauptbahnhof. Man steht dichtgedrängt im Flur, es herrscht ermüdetes Schweigen. Außerdem mag niemand seinem ermatteten unbekannten Vordemgesichtsteher etwas ins Ohr plärren. Stille. Bis auf einen untersetzten Mann, der ohne Unterlass in sein Handy spricht. “Ja, 24 Quadratmeter Messestand ham die uns angeboten … Weiß nicht, so 6 mal 4 Meter halt … Suchen Sie mir das mal bis Freitag raus … dann können wir uns ja auch in Berlin treffen … vielleicht die Sachen von der Taximesse … ja, machen wir mit Firma XXX zusammen, neee, müssen wir aufpassen, die sollen sich ja auch wohlfühlen … blablabla”. Man hört ungewollt gespannt zu und fragt sich, ob der Typ Verträge mit Kunden wohl auch ausdruckt und außen an seine Haustür hängt. “The importance of being wichtig”, murmelt eine junge Frau genervt. Dann endlich Ruhe. Gefühlte drei Sekunden. Dann klingelt das Handy des Mannes wieder. “Ja, hallo, ja, können wir gerne so machen, Du, ich steh’ hier gerade im Zug…” Und da hält es einer der Zuhörer nicht mehr aus und plärrt: “Ja, genau, und 100 Leute hören zu!” Befreiendes Gelächter - aber das Telefonat geht ungestört weiter.

Dann im Anschlusszug nach Berlin. ICE, Ruhezone gebucht. Interessiert hier aber keinen. Munter klingeln Handys und wird telefoniert. Hinter mir ein junger Mann. In weinerlichem Ton führt er ein Beziehungsgespräch: “Hi Baby, naaaa, wie geht’s Dir? Nicht so gut? Ohhhhh, was ist denn? … Ja, bei mir auch nicht so gut. Mein Vater hat mir eröffnet, dass wir schon Mittwoch nächste Woche an den Polarkreis fahren, ja, so schnell … Oooooh, nicht traurig sein, ich wollte Dich nicht traurig machen, jaaaaa…” So in der Preisklasse geht es weiter. Zwischendrin reißt immer wieder die Verbindung ab - “Hallo, hallo, hörst Du mich? Du ich glaub die Verbindung ist schlecht…” - aber es wird immer und immer wieder probiert. Ist es Leuten nicht unangenehm, solche privaten Sachen auf offener Bühne zu besprechen? Und seine technische Inkompetenz? Und warum ist das so?

Und dann einen Tag später in der Berliner S-Bahn. Eine junge Frau steigt ein und spricht ganz aufgeregt in ihr Handy. “Ja, der kennt alle, den CVD bei n-tv und so. Mit dem hat der geredet… ja, da kriegen wir einen guten Sendeplatz. Und der Y, der hat Kontakte zu all den großen Spieleherstellern, mit Y Soft und Z hat er schon geredet, Du das wird richtig gut.” Ob der CVD /die CVDs von n-tv es eigentlich auch “gut” finden, dass so öffentlich über die Platzierungen von Beiträgen in der S-Bahn geplaudert wird? Man fragt sich, was in Leuten vorgeht, die solche Interna in aller Öffentlichkeit besprechen.

Ein Kollege erzählte mir, dass er jüngst in der S-Bahn mitgehört hat, wie der Politiker einer Partei mit einem Parteifreund darüber sprach, den eigenen Kreischef abzusägen.

Nein, das Problem ist nicht Web2.0, sondern der Umgang mit der eigenen Person und Dingen, die eigentlich nicht in die Öffentlichkeit gehören. Was fehlt ist eine Form der Medienkompetenz - oder vielleicht noch banaler: Etwas, was meine Großmutter Anstand nennen würde.

Wem das zu “old school” ist: Im inzwischen ja auch schon fast alten Usenet gibt es eine simple Diskussionsregel, um ausufernde Streitereien und das Hochschaukeln von Konflikten zu vermeiden. Man solle nie etwas aufschreiben, was man dem anderen nicht auch von Angesicht zu Angesicht entgegenschleudern würde. Vielleicht sollten sich die Telefonierer fragen, ob sie das, was sie gerade erzählen, auch sonst einem Fremden in der Bahn bei einer Plauderei auf die Nase binden wollten. Das könnte für himmlische Ruhe in Bus und Bahn sorgen.

Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag