In der Medienkrise

Schon wieder eine halbe Woche her, dass in Köln der dritte “Tag des Wirtschaftsjournalismus” stattgefunden hat. Ich bin noch gar nicht zum bloggen darüber gekommen, weil ich mit dem Schreiben des Tagungsberichts beschäftigt war.

tdw

Ich muss sagen, ich fand ihn von den drei bisherigen Veranstaltungen der Reihe am interessantesten und gewinnbringendsten. Selbst Klaus-Peter Müller von der Commerzbank am Vormittag hatte für mich noch den einen oder anderen neuen Gedanken mitgebracht, obwohl er ja auch in den vergangenen Wochen nicht gerade verschlossen gegenüber der Öffentlichkeit war. Aber warum inzwischen auch Staatsanleihen in den Beständen der Banken zu einer Belastung geworden sind, das fand ich sehr prägnant und plastisch dargestellt.

Die Journalistenrunden am Vormittag waren dann nicht ganz so erhellend. Grep Ip hat meines Erachtens in seinem Vortrag zwei Thesen dargelegt, die eigentlich nicht so recht zusammenpassen. Zum einen, dass weder Journalisten noch Banker tatsächlich die Krise kommen sahen und der Vorwurf, es sei etwas verschwiegen worden, falsch ist. Zum anderen aber auch, dass es bereits seit Jahren Artikel gab, die genau die Probleme, die dann zur Krise führten, benannt hatten. Ip führte die beiden Positionen dann dadurch zusammen, dass er über das journalistische Alltagsgeschäft sprach - in dem eine Story eben erst dann zur Story wird, wenn etwas passiert und/oder es die entsprechenen “Follow up”-Geschichten gib, die das Thema dann immer weiterkochen. Beides blieb aus - auch weil das Thema so kompliziert ist. Sein Plädoyer für mehr Hartnäckigkeit und dem Willen, sich selbst zum Experten zu machen, höre ich wohl - doch dürfte das für die Generalisten in den Regionalzeitungs-Redaktionen noch komplizierter sein als für die Kollegen bei den reinen Wirtschaftsblättern.

Eher enttäuschend fand ich die Runde der Nutzwertjournalisten, die irgendwie kreuz und quer meinten, gerade die Nutzwertjounalisten hätten ja eigentlich nicht richtig viel falsch gemacht. Und irgendwie sei ja auch der Leser schuld, der nicht so tief einsteigen wolle, sondern nur knappe “Ja/Nein”-Tipps verlange. Ein bisschen dünn als Reflexion der Krise.

Ein Highlight für mich war die Debatte über die neuen Redaktionsmodelle, sei es bei Gruner&Jahr;, bei der WAZ oder auch bei der Welt-Gruppe. Nicht nur wegen der wunderbar auf den Punkt gebrachten und unterhaltsamen Polemik von “Handelsblatt”-Chefredakteur Bernd Ziesemer war diese kontroverse Debatte erhellend. Für mich haben beide Seiten - die Redaktionsmodellierer und die journalistischen Traditionalisten, oder so - gepunktet. Vor allem Jörg Eigendorf von der Welt-Gruppe fand ich überzeugend und so engagiert, dass man ihm einfach abnehmen musste, dass es nicht nur um Sparen und Kostendruck geht.

Und was ich nach meiner Kritik zum zweiten “Tag des Wirtschaftsjournalismus” natürlich lobend erwähnen muss: Endlich kamen auch mal die Regionalzeitungen vor, die mit ihrer Wirtschaftsberichterstattung möglicherweise sogar mehr Leute erreichen als die großen überregionalen Wirtschaftszeitungen.

Ein Highlight, wenn auch nicht unbedingt vom Erkenntnisgewinn über Medien und die Krise her, war das “Gespräch” mit Helmut Schmidt, das weniger durch die gute Gesprächsführung und gekonnte Interviewfragen, wie man es auf einem Journalistentag vielleicht hätte erwarten können, gläntze, sondern durch die Person Helmut Schmidt. Einfach beeindruckend, wie präzise, originell und gut begründet der Mann immer noch seine Gedanken formuliert. Ihn mal in dieser Weise live erlebt zu haben war die Reise nach Köln schon wert.

Der Termin fürs nächste Mal steht schon im Kalender: 17. März 2010.

_Direkter Link zu den einzelnen Tagungsreferaten:

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