Wenn Journalisten twittern

Das von mir wirklich geschätzte BILDBlog kümmert sich ja inzwischen um mehr als nur die “Bild”-Zeitung. Und deshalb war da kürzlich (es ist schon fünf Tage her, aber mein Feedreader ist einfach voll) auch ein Verriss der Twitter-Kollegen von @weltkompakt zu lesen.

Dabei ging es darum, dass während des Uefa-Cup-Finales mit Beteiligung von Werder Bremen dort gar nicht Nettes über die Bremer geschrieben wurde. Das liest sich in dem Beitrag von Christian Jakubetz dann so:

Stramme Leistung der Kollegen: In nur elf Minuten wird Werder-Torwart Tim Wiese erst zum Grund dafür gemacht, sich nicht für Werder erwärmen zu können. Danach jubelt man ihm einen Fehler unter, den man “unfassbar” nennt (eine sehr exklusive Meinung; einen “unfassbaren Fehler” Wieses hat ungefähr niemand während des Spiels gesehen), garniert das dann mit ein wenig Häme (“zu viel Sonnenbank” — und lässt schließlich mal eben alle Hemmungen fahren: “Und wer ist der peinliche Typ im Tor?”

Und das gipfelt dann in der Feststellung:

Und überhaupt, wenn man schon mal dabei ist, journalistische Maßstäbe über den Haufen zu werfen, kann man ja auch mal ganz offen sagen, was man von diesem Verein hält:

Mooooment mal, journalistische Maßstäbe? Verwechselt da jemand Twitter mit dem dpa-Ticker?

Für mich ist genau das ein großes Problem der Medien, dass sie Twitter als einen weiteren Aussende-Kanal ihrer ohnehin produzierten Nachrichten betrachten; wer gerade keinen RSS-Feed lesen mag, der kann den genau gleichen Kram eben auch via Twitter empfangen.

Wer so denkt, dem muss man zustimmen: Dann haben die Twitter-Beiträge auch den üblichen Regeln des journalistischen Handwerks zu genügen.

Nur glaube ich, dass die Leute bei “Weltkompakt” - zum Glück - Twitter ganz anders nutzen, nämlich als Kommunikationsmittel mit anderen Redaktionen sowie Lesern und potenziellen Lesern des Druckerzeugnisses. Und das macht, gelinde gesagt, deutlich mehr Spaß als dpa-Weiterleitungen auf neuen Kanälen. Und manchmal ist es sogar informativer.

Es hat mit Sicherheit nicht journalistischen Kriterien genügt, aber während des Endes der Bundesligasaison die Gespräche zwischen den twitterenden Journalisten von Weltkompakt (HSV), Morgenpost Online (Hertha) und Abendzeitung (Bayern München) zu verfolgen fand ich mindestens so interessant wie ein Kolumne eines Sportchefs zum anstehenden Spieltag.

Deshalb: Nur weil man vielleicht Bremen eigentlich ganz prima findet gibt es keinen Grund, hier auf die Einhaltung journalistischer Regeln zu pochen. Oder anders gesagt: Wer das fordert, der muss dann bitte den Journalistenkollegen, der in der Kneipe einen Witz erzählt, auch mit stoischem Gesichtsausdruck darauf hinweisen, dass er gerade gegen das Gebot der Trennung von Nachricht und Meinung verstoßen hat.

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