The Voice Of Gerd

Ich habe mir heute den Bundesparteitag der SPD auf Phoenix angeguckt. Also nicht den ganzen, das geht dann doch zu weit, aber die Begrüßung von Müntefering und die ach-so-erwartete Steinmeier-Rede. Und dann noch ein bisschen hier und ein bisschen da.

Aber vor allem habe ich dabei geschaut, was bei Twitter mit dem Hashtag, einem Kürzel um gemeinsame Themen wiederzufinden, “#bpt09” dazu geschrieben wurde. Mir ist das schon jüngst beim Grandprix aufgefallen (der Vergleich hinkt, wenn ich es mir überlege, gar nicht so), dass es manchmal erhellend, manchmal erheiternd ist, so eine Sendung mit vielen anderen, die man gar nicht kennt, anzuschauen, und so seine Bemerkungen auszutauschen. Aber das nur so am Rande.

Bei der SPD ist mir vor allem aufgefallen, dass Frank Walter Steinmeier in spätestens einem Monat als perfekter Gerhard-Schröder-Imitator durchgeht. Also zumindest wenn man die Augen zumacht. Aber irgendwie wirkt das alles unglaublich aufgesetzt, wenn er von den kleinen Leuten und ihren Jobs spricht. Schröder hat zwar Brioni-Anzüge getragen und Zigarren geraucht, aber irgendwie hat man ihm das Bodenständige doch mehr abgenommen. Ich schätze mal, da wird auch noch weiteres Sprechtraining bei FWS nichts helfen.

Und sonst? Es ist schon lustig, wenn die Kameras zeigen, wie junge Männer rundgehen und Pappschilder mit “Wir für Frankwalter oder so”-Sprüchen drauf verteilen, die dann nachher unter tosendem Jubel hochgehalten werden. Und alle die zuschauen wissen doch eh, dass es nicht darum geht, was und wie der da vorne sagt, sondern dass auf jeden Fall acht Minuten Beifall rauskommen müssen, damit die politische Konkurrenz nicht jubiliert. Schwamm drüber.

Intellektuell beleidigend finde ich dann schon, wenn kein Fünkchen Selbstkritik durchscheint. Die Wähler haben uns in den Arsch getreten weniger Stimmen gegeben als bei der letzten Wahl? Ha! Die CDU hat da und dort und hier und da drüben noch viel weniger Stimmen bekommen! Nein, wir bleiben auf Kurs! Alles andere wäre ja ein Zeichen von Schwäche! Schawoll! Soso… nur heißt das nicht eigentlich übersetzt, die Leute sind uns scheißegal, die werden schon zu uns zurückgekrochen kommen, später, irgendwann, ganz egal was wir für eine Politik machen?

Wo ja sowieso merkwürdig ist, dass die SPD immer von der gescheiterten schwarz-gelben Ideologie spricht, wo doch die SPD seit Jaaaahren an der Regierung ist und nicht die FDP. Aber gut, das ganze ist eine Inszenierung und Fakten spielen da keine große Rolle.

Deshalb kämpft die SPD für Opel und für Arcandor, da hängen Jobs und Leute und vor allem Wählerstimmen dran. Kann man verstehen, ist völlig in Ordnung.

Wirklich nicht nachvollziehen kann ich aber, warum die SPD das Thema “Internetsperre” und einen Antrag, der sich dagegen wendet, so wegputzt und am Ende der Veranstaltung einfach mal mit ablehnt. Mehr als 110.000 Leute, vor allem junge, darf man wohl unterstellen, haben eine entsprechende Petition unterzeichnet, die sich für ein freies Internet ausspricht. Leute, die auch eine Partei suchen, die wählbar ist, die sich für ihre Interessen stark macht. Nicht nur, dass der Antrag nicht angenommen wurde, dürfte diese potenziellen Wähler verschrecken, sondern vor allem, dass über so ein Thema eben nicht auf einem Parteitag gesprochen wird. Dass es nicht wenigstens einen solchen Stellenwert hat wie erneuerbare Energien oder Zugang zur Bildung in der Grundsatzrede des Kandidaten.

Es ist inzwischen oft genug gesagt worden, aber es bleibt einfach richtig: Die Macher in den entscheidenden Positionen bei den meisten Parteien haben noch nicht verstanden, was “das Internet” eigentlich ist. Dass es nicht nur um einen neuen Vertriebskanal für die eigenen Botschaften geht. Sich wie Barack Obama hinstellen und ein Abschlussfoto zu stellen, dass an USA-Wahlkampf erinnern soll, das verleiht einem keinen Hauch von “Change”.

Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag