200.000 Multiplikatoren

Ich war in meinem Leben schon auf einer Menge Demonstrationen, auch wenn ich verglichen mit heutigen Maßstäben damit eher spät angefangen habe. Naja, in der Provinz… Eine der ersten richtig großen, an die ich mich erinnern kann, war damals die Demo gegen die Änderung des Asylparagraphen im Grundgesetz, damals noch in Bonn. Aber ich schweife ab.

Die meisten Demonstrationen haben wie die meisten Ansammlungen von vielen Menschen einen Haken: Es sind eine ganze Menge Leute dabei, mit denen man eigentlich gar nicht so viel gemeinsam hat und auch nicht gemeinsam haben will. Was vor allem dann schlimm wird, wenn ausgerechnet diese Leute ihre Meinung auf Transparente gemalt haben.

Warum ich das erzähle? Weil es heute anders war. Ich bin nämlich um 12 Uhr zum Willy-Brandt-Haus in Berlin gegangen, einfach weil mich das Internetsperren-Gesetz, wie gelegentliche Besucher meines Blogs vielleicht schon wahrgenommen haben, richtig auf die Palme bringt. Als Journalist bin ich mit dem Position beziehen ja eher zurückhaltend, mein Job ist es alle Seite zu hören und zu berichten, möglichst unvoreingenommen. Aber die Freiheitseinschränkungen im Internet sind meines Erachtens gerade auch für Medienschaffende ein zu wichtiges Thema um nur zuzuschauen.

Auf jeden Fall war ich positiv überrascht über doch ein paar Hundert, vielleicht sogar Tausend, Leute, die sich eingefunden hatten. Über treffende und zugleich häufig witzige Plakate. Und über Redebeiträge bei denen ich an keiner Stelle den Kopf schütteln musste - und denen tatsächlich zugehört wurde. Es geht nicht nur um Stopp-Schilder im Netz, es geht um Bürger- und Freiheitsrechte.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss erklärte seinen Austritt aus der SPD und später seinen Eintritt in die Piratenpartei. Er war denen, “die die Gesetze machen” vor, “keine Ahnung” zu haben. Und, nun ja, wenn man sich Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hier anhört, dann fragt man sich schon, was so jemanden zur “Internet-Politikerin 2009” qualifiziert.

Auf der Demonstration zum Potsdamer Platz war vor allem Musik zu hören - aber selbst diese war so ausgewählt, dass die Texte (ja, Texte!) fasst wie Redebeiträge wirkten. Einen Sommerhit - über dessen musikalische Qualitäten die Meinungen auseinander gehen - gibt es auch schon:

Am Potsdamer Platz hat der Spitzenkandidat der Piraten in Berlin eine Rede gehalten, mit der er bei “Germanys Next Kanzler” wohl nicht mal in die Vorauswahl gekommen wäre. Zum Glück. Die Inhalte waren gut, der Vortrag zwar locker - aber zweifelnde Bürger würden das vermutlich nicht als sehr überzeugend oder gar wählbar ansehen. Aber das ist ja noch ausbaufähig.

Es wird auf jeden Fall spannend werden, wie der Wahlkampf 2009, der sich - wenn Vorbilder wie die USA greifen - zunehmend auch im Internet abspielen wird. durch die Piratenpartei und den Frust eines großen Teils der sogenannten Internetgemeinde auf die etablierten Parteien verändern wird. Wie sagte ein Redner zu Beginn der Demonstration: “Wir sind 200.000 Multiplikatoren, wir müssen unsere Eltern und Bekannten überzeugen.”

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