Pressespielgel für alle

Heute hatte ich tatsächlich meine erste “niiu” im Briefkasten. Meine was? Muss man vielleicht im Moment noch erklären, was das ist. Das Kunstwort, das an “News” erinnern soll, ist ein Startup, dass den Traum (mancher Leute) von einer personalisierten Zeitung real werden lassen will. Eine Zeitung, bei der man selbst entscheidet, was man liest.

Wobei “niiu” eigentlich keine neue Zeitung ist, sondern man kann aus einer Reihe von Zeitungen, die mitmachen, auswählen, welche Seiten man lesen will. Also etwa die Seite 1 der “Osnabrücker Zeitung”, die Seite 1 der “Bild”, dazu den Wirtschaftsteil von “Neuem Deutschland” und “Tagesspiegel”, die Kommentare aus der “New York Times” und zum Schluss das Feuilleton aus der “Frankfurter Rundschau”. Wer sich für Sport nicht interessiert, der bestellt eben keinen Sportteil. Und wer davon mehr will, der nimmt gleich die Teile mehrerer Zeitungen.

Allerdings hatte ich meine Ausgabe vor einer Woche zusammengestellt und schon die Hoffnung auf Lieferung aufgegeben. Einen Hinweis, wann der Bezug startet, wäre sicher nicht schlecht gewesen. Aber, nun ja, es ist eben ein junges Startup.

Und wie sieht meine “niiu” nun aus? Fotos liefere ich nach, geht im Moment schlecht. Update: Fotos nun eingebaut, sorry für die maue Handy-Kamera-Qualität.

Titelseite

Erster Eindruck: Die Titelseite ist nicht sehr ansprechend. Oben die Leisten der beteiligten Zeitungen (eine Auswahl), ein merkwürdiges Bild und darunter recht lieblos 23 der Seite mit irgendwelchen News aus dem Internet gefüllt, die man auch abonnieren musste, von denen ich aber eigentlich nix gedruckt haben wollte.

Zweite Seite

Auf Seite 2 geht’s dann los, in meinem Fall mit der Titelseite der “Osnabrücker Zeitung”, daneben auf Seite 3 dann die erste Seite der “Bild”. Und da kommt dann auch eine echte Schwachstelle zum Tragen: Da ist die Top-Geschichte mit ein paar Sätzen abgehandelt und dann steht da, dass es auf Seite 6 weitergeht. Aber das ist eben die Seite 6 der “Bild”, nicht die meiner “niiu”. Und die Seite 6 der “Bild” habe ich nunmal nicht. Unschön.

Zweiter Eindruck: Sehr unruhig. Auf jeder Seite ein anderer Schrifttyp, anderes Layout, weil die Originalseiten der Zeitungen nun mal 1:1 abgebildet werden und nicht in ein neues Layout gepresst werden - was wohl auch kaum umsetzbar wäre. Wobei, es ist nicht 1:1, wie man rasch merkt. So ist die Seite der “Bild”, die im Original auf größerem Papier gedruckt wird, einfach verkleinert worden, damit sie passt, was manchen Text doch schwer lesbar macht. Dafür sind die Seiten der “Frankfurter Rundschau”, die ja im Tabloid-Format erscheint, aufgeblasen worden, wodurch die Schrift arg unnatürlich groß wird. So richtig Spaß zu Lesen macht das nicht.

Dritter Eindruck: Da fehlt doch was. Meine bestellten Seiten aus der “New York Times” waren nicht dabei, warum weiß ich nicht. Vielleicht weil vier Seiten Werbung eines Elektronikmarkts dabei waren? Oder gab es technische Probleme? Oder wurden sie vergessen? Etwas unbefriedigend, das nicht zu erfahren.

Letzter Eindruck: Auf der letzten Seite ist wieder so ein Internet-Krimskrams, den ich echt nicht brauche. Das sind irgendwie zwei verschenkte Seiten, vorne und hinten.

Mein Fazit: Auf mich wirkt “niiu” nicht wie eine neue Zeitung, sondern eher wie ein Pressespiegel für alle. Ob sich das bei Normalzeitungslesern durchsetzen wird, wage ich zu bezweifeln, vor allem wegen der ersten Schwachstelle, der Artikel, die nirgendwo fortgesetzt werden. Für professionelle Zeitungsleser kann es vielleicht eine Möglichkeit sein, günstig an Auszüge verschiedener Blätter zu kommen. Aber ob der Markt dafür groß genug ist?

Außerdem ist die Auswahl der Zeitungen noch nicht wirklich berauschend. Mit der steht und fällt aber am Ende, ob “niiu” genug Leser finden wird. Ein Zusatznutzen wäre, wenn ich die Zeitung nicht unbedingt (nur?) gedruckt bekommen müsste, sondern zum Beispiel auch als PDF. Das sollte ja eigentlich umsetzbar sein.

Zwei Ausgaben von “niiu” bekomme ich noch kostenlos. Wahrscheinlich werde ich sie dann auch erstmal nicht weiterlesen. Aber beobachten werde ich das Projekt sicher.

P.S. Allerdings kann man an der journalistischen Kompetenz der “niiu”-Macher schon zweifeln, wenn ich da eben auf der Homepage den Hinweis lese:

Ist niiu heute im Fernsehen: in den besten Nachrichten der Welt: Um 20:00 Uhr bei RTL II….

Vielleicht bin einfach doch nicht die Zielgruppe dieses Erzeugnisses…

Update, 24.11.2009:

Heute hat mir meine zweite Ausgabe viel besser gefallen. die “New York Times”-Meinungsseite war dabei. Gut fände ich, wenn Wirtschaftsteile und Börsenseiten beim Bestellen zu unterscheiden wären; ich mag zwar vielleicht zwei oder drei Wirtschaftsteile lesen, aber nicht zwei oder drei Börsenseiten, eine ist mir eigentlich in der “niiu” schon zu viel.

Und dann habe ich heute auch noch eine leere Seite bekommen, das ist hoffentlich nur ein technisches Problem gewesen:

Leere Seite

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#Blattkritik #niiu #Persönliche Zeitung #Zeitung
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