Werde Computerspiel

Irgendwie kann ich die teilweise hymnischen Besprechungen des Cameron-Films “Avatar” nicht nachvollziehen. Ich habe den heutigen verschneiten Donnerstagnachmittag, frei von Arbeit und Familie, im Kino verbracht. Und fühle mich gut unterhalten, aber mehr?

Vielleicht bin ich da ja ohnehin etwas out und schon zu lange nicht mehr im Kino gewesen, aber dieses 3D, hey, das hat was. Nicht zu vergleichen mit den alten Rot-Grün-Brillen und dem “Weißen Hai”. Damals. Wann war das gleich noch? Jetzt schweben die Dinge wirklich vor der eigenen Nase und man kriegt trotzdem kein Kopfweh. Das sind schon starke Wow-Effekte.

Allerdings zeigen die Filmtrailer vor “Avatar” viel stärker, was da möglich ist.

“Avatar” ist ein Film gewordenes Computerspiel, allerdings der schlechteren Sorte, weil es kaum Überraschungen bietet. Es läuft immer genau so ab, wie man es erwartet hat. Und die holzschnittartigen Figuren - der neidische Häuptling in spe, der aber ohne große Brüche bekehrt wird; die edle Wilde, die sich natürlich auch in den Helden verliebt; der wirklich nur total fiese Obersoldat, der so gar keine gute Seite hat etc. pp.

Und der Film ist lang. Zu lang. Die Bilder sind ja wirklich schön, beeindruckend schön, diese Fantasy-Welt. Aber es scheint, als ob sich die Computeranimateure auch in ihre Gestalten verliebt haben. “Hey, schau mal, wir können sie auf Flugtiere setzen und rumfliegen lassen. Sieht toll aus!” Und weil es so toll aussieht (und bestimmt ziemlich teuer war) müssen die jetzt auch Minute um Minute herumschweben, schließlich ist es schon bezahlt.

Der Film wurde ja manchmal mit einem Western verglichen - und das passt irgendwie auch. Nur gab es in guten Western schon lange kein Happy End mehr und haben die Indianer die bösen Weißen vertrieben, weil eben jeder weiß, wie die Geschichte ausging. Und in “Avatar” wird auch nicht so recht plausibel, warum nicht die nächste Horde Soldatschiks mit noch mehr Feuerkraft einschweben sollte, wenn doch im Boden so wertvolles Zeug herumliegt. Es wird nicht einmal angedeutet, dass das Paradies weiter in Gefahr ist - so wie eben der ganze Film keinen Bruch hat.

Die Sub-Botschaft ist dann noch eine ganz andere: Vielleicht ist das Computerspiel die Realität und die Realität nichts? Werde einfach Computerspiel - und das Leben ist schön. Simpler geh’s kaum. Schade eigentlich.

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#Avatar #Filmbesprechung #Kino
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