Nach der Krise ist nach der Krise

Der Besuch des Tages des Wirtschaftsjournalismus der Kölner Journalistenschule ist für mich ja fast schon sowas wie eine gute Tradition geworden. Ich habe bei der Veranstaltung am 30. März wieder den Tagungsbericht geschrieben, der allerdings noch nicht online auf die Seite gestellt wurde Update 19.4.2011: der sich hier lesen lässt. Den will ich jetzt hier nicht noch einmal wiederholen, aber ein paar persönliche Gedanken, die man bei einer reinen Wiedergabe der Inhalte nicht unterbringt.

Mein grundsätzlicher Eindruck: Nachdem in der Vergangenheit die Umwälzungen durch Internet & Co. und der Druck, der auf den etablierten Medien lastet, im Vordergrund stand, klang es in diesem Jahr eher nach “so schlimm wird es schon nicht werden”.

Tom Standage vom “Economist” etwa glaubt zwar, dass durch die zunehmende Menge an Informationen, die überall frei verfügbar sind, Zeitungen unter Druck geraten, die gerade für diese Informationen Geld nehmen wollen. Auf der anderen Seite betont er aber, dass der Wirtschaftsjournalismus davon besonders wenig betroffen sei - deren Kundschaft habe viel Geld und wenig Zeit. Und bezahle gerne auch für eine gute Aufbereitung dessen - Analyse, Filterung - was anderswo womöglich kostenlos zusammenzusuchen ist.

In ein ähnliches Horn stieß Philip Welte, Vorstand Hubert Burda Media, der die “morbiden Anwandlungen der Branche” kritisierte. Der Printjournalismus sterbe “seit 15 Jahren auf der Bühne dahin, und das bei zweistelligen Renditen”, so Welte. Das Internet habe zu massiven Veränderungen geführt und die Medienwelt vom Push- in den Pull-Modus überführt. “Die Hoheit über den Konsum liegt beim Konsumenten, der knappe Faktor ist nicht mehr das Angebot, sondern die Aufmerksamkeit der Konsumenten”, so Welte.

Doch die Folgen seien andere als häufig behauptet - denn der mündige Konsument kaufe … gedruckte Zeitschriften. Die eigentliche Herausforderung seien deshalb die Sozialen Netzwerke, die die Aufmerksamkeit der Menschen immer mehr auf sich ziehen. Doch auch da ist Welte optimistisch: “Verlage können Community”, sagte er selbstbewusst, Zeitschriftenmarken seien schon immer Community-Hubs gewesen und hätten hohe Reichweiten in klaren Zielgruppen aufgebaut.

Und dann legte Nikolaus Förster, Chefredakteur Impulse, noch eines drauf und erklärte die heftig geführte Debatte um die Zusammenlegung der Gruner+Jahr-Wirtschaftstitel für beendet - und zwar, weil sie eine einzige Erfolgsgeschichte seien. Man habe heute schlicht mit 250 redaktionellen Mitarbeitern “die größte Wirtschaftsredaktion Deutschlands” und profitiere von den tollen Netzwerken der Kollegen. Strukturelle und individuelle Vorteile habe die neue Struktur, die vielleicht nicht für jeden tauge, aber bei Gruner+Jahr einfach knorke funktioniere. Nur dass kein einziges kritisches Wort, kein einziger Aspekt, bei dem es Reibungsverluste gibt, lässt man mich ein wenig daran zweifeln, dass uns da die ganze Wahrheit erzählt wurde.

Und noch eine Erfolgsgeschichte gab es zu erzählen, diesmal von Jörg Eigendorf, Mitglied der Chefredaktion und Chefreporter der Welt-Gruppe, der über den Aufbau “des I-Teams”, einer investigativen Reportertruppe, bei der Welt-Gruppe berichtete. Auch dort gilt: alles super. Und seitdem man die Agentur-Meldungen, die man erzeugt, in Kategorien von eins bis fünf (bloßes Wiedergabe einer rumgeschickten Interview-Äußerungen bis zum Mega-Scoop mit nachhaltiger Wirkung auf die Republik) einteilt, ist die Wirksamkeit des eigenen Journalismus sogar messbar. Der allgemeine Trend zu Investigativ-Teams bei verschiedenen Medien sei zwar „eine Modewelle, aber eine berechtigte“. Es sei der „ehrliche Versuch“, die Qualität von Ressorts zu verbessern, glaubt Eigendorf.

Selbst Gabor Steingart, Chefredakteur des “Handelsblatt”, ist nicht bange - sieht er doch nicht nur die Medienlandschaft, sondern die ganze Gesellschaft in einem gewaltigen Umbruch. Wechselwähler statt Stammwähler, Jobhopper statt Stammbelegschaften und dazwischen irgendwie auch Internet-Leser statt Abonnenten. “Die ganze Umgebung hat ihren Aggregatzustand von Fest auf Flüchtig gewechselt“, so Steingart. Die Welt sei “unkalkulierbar” geworden, wie gerade auch die Umbrüche im Nahen Osten zeigen würden, aber es gelte weiterhin der alte “Handelsblatt”-Werbespruch “Aufstieg durch Abo” - nur wer eine Qualitätszeitung lese, könne in dieser verändernden Welt nach oben kommen. Und weil keiner wisse, wohin sich alles entwickle, so die angenehme Interpretation der Steingartschen Botschaft, kann man als Printmedium auch nichts falsch machen. Der einzige Fehler wäre nur, sich gar nicht mitzuverändern.

Ein These, die auch der Vortrag von Richard Gutjahr - Blogger und Journalist beim Bayerischen Rundfunk - unterstrich. „Man muss Dinge ausprobieren“, weil keiner die Antwort habe, was zu tun sei, damit sich Journalismus wieder lohnt. Gutjahr ist deshalb auf eigene Faust nach Kairo gereist, um dort über die Demokratiebewegung zu berichten, als die Demonstrationen am zentralen Tahir-Platz an Kraft gewannen. Ohne redaktionelle Zwänge und dank Twitter & Co. im direkten Kontakt mit seinen Lesern berichtete Gutjahr über all das, was er selbst erlebte. „Ich habe mich auf einmal wieder frei gefühlt“, so Gutjahr. Finanziell konnten dank Spenden und Honoraren klassischer Medien immerhin die eigenen Kosten gedeckt werden - von Gewinn aber keine Spur. Sein Rat an angehende Journalisten: werdet tradigital journalists, eine Symbiose aus traditional und digital journalists.

Während die Medienschaffenden, vor allem jene, in verantwortlicher Funktion, also ganz zuversichtlich in die Zukunft schauen und mit dem Stand des Wirtschaftsjournalismus ganz zufrieden sind, kann die Wissenschaft darüber nur den Kopf schütteln.

Prof. Dr. Kurt Imhof von der Universität Zürich stellte mit Blick auf die Schweizer Medien fest, dass seit Jahren immer weniger volkswirtschaftliche Zusammenhänge vermittelt würden, stattdessen werde stärker auf Personalisierung - “Manager des Jahres” - gesetzt. Und dann gebe es Moden, auf die alle Medien aufsprängen, etwa wenn in einem Umfang über die Finanzbranche berichtet würde, die ihrem Anteil am BIP in keiner Weise entspricht. Allerdings fragte Imhof nicht, ob dies möglicherweise an der Bedeutung von Banken und Versicherungen für andere Branchen liegen könnte - die von einem Zusammenbruch der Finanzwelt sofort indirekt betroffen wären. Seit den 90er Jahren sei zudem eine Verringerung der Distanz zum Berichterstattungsgegenstand festzustellen, die Wirtschaftsjournalisten würden über die Krise schreiben, sobald der Aktienindex einbreche - und wenn es wieder aufwärts gehe, sei auch die kritische Berichterstattung beendet. Es gebe praktisch keine abweichenden Meinungen innerhalb der Medienbranche, keine Spur von Frühwarnfunktion und Aufklärung. Imhof forderte deshalb einen Neuanfang: “Der Wirtschaftsjournalismus braucht eine Reset-Taste.”

Und seine Kollegin Prof. Dr. Dr. habil. Claudia Mast von der Universität Hohenheim/Stuttgart stieß ins gleiche Horn, unter Berufung auf eine Umfrage unter Bürgern und Entscheidern, die in Zusammenarbeit mit der ING-Diba entstanden ist. Rund 40 Prozent der Menschen seien mit den Leistungen der Journalisten in der Krise unzufrieden. Die übliche Personalisierungsstrategie der Medien werde nur von etwa jedem zehnten Befragten begrüßt, die große Mehrheit will über (politische) Zusammenhänge und Institutionen informiert werden. Mast forderte die “Ent-BWLisisierung des Wirtschaftsjournalismus”. Allerdings stehen die Ergebnisse dieser direkten Fragen eher im Gegensatz zu den Geschichten, die beim Leser gut ankommen - wenn man ihn nicht abstrakt fragt, was er denn gerne hätte, sondern ihm konkrete Angebote macht.

Mein Fazit

Es war, wie in der Vergangenheit, ein Tag mit vielen Anregungen und wenigen Antworten. Manchmal wäre es schön gewesen, ein Thema, einen Vortrag noch etwas vertiefen zu können. Und von manchem Referenten hätte man sich etwas mehr Offenheit und Selbstkritik gewünscht, anstatt weichgespülter Verlags-PR.

Ohnehin sind die Verantwortlichen nicht immer die besten Referenten, manchmal wären einem die Macher lieber. Richard Gutjahr hat mit seinen direkten Erfahrungen und auch mit seiner offenen Selbstreflexion die Veranstaltung auf jeden Fall bereichert.

Was mir - wie eigentlich jedes Jahr - fehlte, war der Blick auf das Lokale, Regionale. Wirtschaftsberichterstattung fängt für die Kölner Journalistenschule irgendwo bei der “Welt” an und findet vor allem bei “Handelsblatt” & Co. statt. Mit der Realität hat das nur bedingt zu tun und es gäbe sicher spannende Themen, wie im Lokalen oder auf den Wirtschaftsseiten von Regionalzeitungen mit der Krise umgegangen wird oder wie diese unter Sparzwängen (noch) funktionieren können. Inzwischen glaube ich allerdings nicht mehr, dass dieses Themenspektrum irgendwann einen Platz beim “Tag des Wirtschaftsjournalismus” findet, vielleicht ist die Runde dafür zu elitär und es muss dafür ein anderer Ort her.

Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag