Ich bin unsolidarisch, arrogant, unfähig und ein echter Arsch

Ich bin unsolidarisch, arrogant, unfähig und ein echter Arsch - das würde ich von mir selbst natürlich nicht einfach so sagen. Und ich glaube auch nicht, dass es stimmt. Aber es gibt jemanden, der würde das vermutlich anders sehen: Hardy Prothmann, Journalist und Unternehmer, brancheninterner Vorzeige–Blogger.

Herr Prothmann schreibt in einem Blogbeitrag einen recht langen Text - im Netz würde man es gemeinhin wohl als Rant bezeichnen - darüber, warum er keinen Funken Solidarität mit den streikenden Zeitungsredakteuren hat. Und warum dieser ganze Berufsstand sowieso, ich fasse jetzt mal frei zusammen, Abschaum ist.

Das liest sich dann so:

Deswegen hat es sich auch schon mit meiner Solidarität gegenüber den Zeitungsredakteuren. Ich werfe den meisten von ihnen Kumpanei, Mittäterschaft, Honorar-Dumping, Untertanentum, Eitelkeit, Überheblichkeit, Weltentrücktheit und Respektlosigkeit vor. Sie sind Teil eines mafiosen Systems und haben solange still gehalten, solange sie ihren Teil der Beute abbekommen haben. (…)

Es gibt keinen unsolidarischeren Haufen als diese Zeitungsredakteure, die sich einen Dreck drum scheren, wie es “ihren” freien Mitarbeitern geht. Meist erlebt man Arrogantlinge, die vor Selbstüberheblichkeit kaum noch laufen können und mit ihrer Schere im Kopf ständig bemüht sind, keinen Ärger zu bekommen, statt “Anwalt des Lesers” zu sein und “Missstände aufzudecken”. (…)

Man kann vermuten, dass einige Redakteure bei Tageszeitungen journalistisch auch einfach zu inkompetent sind, um dieses Zusammenhänge verstehen zu wollen, geschweige denn zu sehen.

Und wenn Leserinnen und Leser wüssten, wie respektlos und despektierlich sich “Redakteure” oft über ihre Kunden auslassen – sie wären entsetzt. “Die da draußen” sind für viele Redakteure einfach nur dumme Leute.

etc. pp.

Demgegenüber wird der fleißige Freie gestellt, der nur dem journalistischen Ethos verpflichtet ist, absolut druckfertige und auf Zeile geschriebene Texte abliefert, und dafür mit einem Hungerlohn abgespeist wird.

Es wäre billig mit den Beispielen aus dem Arbeitsalltag zu kontern, in denen ein Freier statt zu recherchieren nur mit einer Person redet, am besten noch am Telefon, und das dann runterschreibt. In einer Sprache, die entfernt an Deutsch erinnert. Und das Ergebnis per Mail schickt, wodurch die Länge nicht so ganz mit dem Vereinbarten übereinstimmt. Oder den eigenen Verein / Freund ins beste Licht rückt bzw. den Lieblingsgegner mal wieder so richtig in die Pfanne haut. Und grantig wird, wenn der Redakteur das hinterfragt, kritisiert, redigiert.

Nein, das würde nicht weit genug führen. Diese Verallgemeinerung der Tageszeitungsredakteure - auch wenn bemüht häufig von “die meisten” gesprochen wird, ohne Zahlen zu nennen (die es ja auch nicht gibt) - funktioniert nicht, genauso wenig wie mit “die meisten Ärzte sind nur geldgierige Porschefahrer”, “die meisten Anwälte sind Schweine, denen alles Recht ist, wenn sie nur ihr Honorar bekommen”, “die meisten Polizisten sind Rassisten und geil darauf, mal ordentlich zuzuschlagen”. Ein guter Journalist sollte eigentlich schon früh in seinem Berufsleben gelernt haben, sich vor solchen Verallgemeinerungen zu hüten. Und vor der inflationären Benutzung von “die meisten”, wenn man keine Quelle angeben kann.

Ja, Redakteure sind Angestellte die (in der Regel) das tun, was ihnen Vorgesetzte anweisen. Wie in jedem Betrieb. Weil sie ihren Job behalten wollen - was für mannchen offenbar an sich schon verwerflich ist. Sie zahlen die Sätze, die eine Honorarrichtlinie vorsieht und legen nicht einfach mal einen Fuffi oder Hunni drauf, weil der freie Kollege sich so bemüht hat. Sie drucken kürzere Texte als ursprünglich geplant waren, weil ihnen eine Anzeigenabteilung plötzlich eine Anzeige auf die Seite gesetzt hat (durch die Gehälter und Honorare bezahlt werden).

Ja, Redakteure sprechen manchmal abwertend über andere, auch über Leser. Allerdings auch über Chefredakteure und Geschäftsführer, hin und wieder. Wer allerdings schon einmal Ärzte über ihre Patienten, Anwälte über ihre Mandanten oder Politiker über die Wähler hat reden hören, der dürfte wissen: das ist etwas ziemlich normales. Frustabbau. Und ich kenne sogar Freie, die sich abfällig über Leser geäußert haben. Und, ja, sogar Online-Journalisten, die so über die Internet-Kundschaft sprechen.

Ja, es gibt Redakteure, die ihre kleine Macht gegenüber den Freien ausleben. Das sind aber meistens solche Charaktere, die sich gegenüber festangestellten Kollegen oder Redakteuren, über denen sie stehen, auch nicht anders verhalten. Aber es gibt auch Redakteure die sich bemühen, den vorhandenen Spielraum - der immer kleiner wird - auszuschöpfen und versuchen, fair mit Freien, die sie als Kollegen ansehen, umzugehen. Ich kenne sogar einige von ihnen.

Ich glaube übrigens nicht, dass es bei der Polemik gegen Redakteure darum ging, auf irgendwelche Missstände hinzuweisen oder gar auf Besserung hinzuwirken. Sondern vor allem um Aufmerksamkeit, Klicks, Interviewanfragen, Publicity, Marketing. Und das ist ja auch gelungen. Irgendwie finde ich das ziemlich unsolidarisch und arrogant. Aber unfähig, das ist es wirklich nicht.

Ich habe die erste Fassung des Textes ein wenig überarbeitet, nachdem wir der Autor der Polemik eine Nicht-Drohung hat zukommen lassen. Dazu hier mehr.

Tags
#Freie #Hardy Prothmann #Journalismus #Redakteure #Streik
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