Digitales Faksimile

Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein gedrucktes Buch gekauft habe. Seitdem ich die Kindle App auf meinem Nexus-7-Tablet habe (vorher das Galaxy Tab) kaufe ich digital ein. Schnell, bequem und bei englischsprachigen Büchern auch noch deutlich billiger.

Eine digitale Zeitung lese ich nicht. Also ich lese Webseiten von Zeitungen im Internet, aber ich nutze keine App oder das, was die Verlage E-Paper nennen.

Damit bin ich in guter Gesellschaft. Denn laut BeyondPrint.dehaben die Verlage m dritten Quartal 2012 rund 227.700 verkaufte E-Paper-Exemplare angegeben. Klingt viel. Doch vergleich man das mit der verkauften Gesamtauflage von 22,58 Millionen Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen pro Veröffentlichungstag so ist das - bei allen Steigerungsraten - erbärmlich wenig.

Woran liegt das? Wenn man morgens oder abends in der S-Bahn schaut, so sitzen da deutlich mehr Menschen mit Smartphones, Kindles und Tablets rum als solche mit gedruckten Erzeugnissen. Da müsste es doch einen riesigen Markt geben. In dem Artikel gibt es einen schönen Satz, der dafür die notwendigen Erklärungen liefert. So sei

auch die Zahl der Titel gestiegen, die überhaupt als „digitales Faksimile“ erscheinen. Sind es im Jahr 2011 noch 90 Titel gewesen, waren es im letzten Jahr bereits 124 Titel.

Will sagen: Erstmal gibt es eine Vielzahl von Zeitungen gar nicht für Tablet & Co. Auch zum Beispiel meine regionale Tageszeitung, die ich aus Verbundenheit immer noch lese. Sollte eigentlich im vergangenen Frühjahr kommen, jetzt soll es dieses Jahr im Frühjahr werden, hört man. Zeit, so scheint es, hat man in der Medienbranche.

Der zweite Grund steckt in der Formulierung “digitales Faksimile”. Denn genau das sind viele digitale Zeitungen immer noch. Ich habe mal ein Produkt aus dem Norden gewählt. Man installiert eine Android App und kann von dort Ausgaben kaufen und über Google bequem bezahlen. So weit, so gut.

Doch was erhält man? Ein PDF. Das sieht dann beim Öffnen der Ausgabe tatsächlich so aus:

Screenshot_2013-01-26-12-33-45

Das heißt, es wird sogar der ganz normale System-PDF-Viewer genutzt. Und wer mehrere installiert hat, muss sich entscheiden. Und was bedeutet das?

Der Lesegenuss auf einem 7” Tablet hält sich sehr in Grenzen. Obwohl, na ja, man kann die Überschriften gut lesen.

Screenshot_2013-01-26-12-34-01

Kein Wunder. Wer mal eine Zeitungsseite im Copyshop auf DIN A4 verkleinert wird auch keine rechte Freude daran haben. Sicher, man kann in die Seite hineinzoomen und dann tatsächlich etwas entziffern und lesen. Aber Spaß macht das nicht. Ich wette mal, kein Verlagsmanager und kein Redakteur nutzen tatsächlich dieses E-Paper zur Lektüre.

Screenshot_2013-01-26-12-34-11

Dazu kommt: Alle Vorteile des Digitalen sind verloren. Ich kann mir nicht problemlos mit Copy&Paste; einen interessanten Textabschnitt woanders hin kopieren. Ich kann natürlich nicht einen Text über Soziale Medien teilen und so andere darauf hinweisen. Ich kann auch keine einzelnen Texte für meinen privaten Gebrauch archivieren. Ich kann eigentlich überhaupt nichts.

Wer also nicht gerade 1000km weit vom Erscheinungsort entfernt ist und unbedingt meint, die Zeitung lesen zu müssen - dafür wäre das E-Paper ein gangbarer Weg - kann das eigentlich nicht haben wollen.

Jetzt kann man natürlich sagen, geht halt nicht anders. Das Problem ist nur, andere zeigen, wie einfach es geht. Eine App wie Flipboard zeigt, wie leicht sich Inhalte (in diesem Fall von normalen Websites, auch von Zeitungen) per Algorithmus schön anordnen lassen, so dass sie auf Digitalgeräten ein tolles Leseerlebnis bescheren. Man bekommt nicht mehr eine 1:1 Kopie der gedruckten Zeitung, die einfach anderen Regeln und Designgrundsätzen unterliegt, sondern passend aufbereitete Inhalte. Mit denen man all das tun kann, was die digitale Welt ausmachen: Speichern, weiterleiten, archivieren etc. pp.

Screenshot_2013-01-26-00-22-32

Sicher, auch hier ist noch Luft nach oben. Aber so richtig verstehen, warum ein Verlag statt PDFs zu kleben nicht ein paar pfiffige Programmierer anheuert, die genau so etwas bauen, kann man nicht. Die könnten die Inhalte mit ganz anderen Meta-Informationen nutzen als beim reinen Auslesen einer Website und daraus noch viel, viel schönere Ansichten gestalten. Und für die IVW-Zählung könnte man ja zur flipboardigen App noch das PDF mitliefern. Muss sich ja dann keiner mehr anschauen.

Für mich ist auf jeden Fall klar: Ich will Journalismus, ich will dafür auch gerne bezahlen, aber ich will ein Leseerlebnis, dass die Möglichkeiten des Geräts nutzt. Kein Schnickschnack mit Sound und Animationen an jeder Ecke, sondern komfortable Schlichtheit. Die Spaß macht und gefällt. Und bitte, bitte ohne dann täglich ein halbes Gigabyte Daten herunterladen zu müssen.

Tags
#E-Paper #Flipboard #Journalismus #Tageszeitung
Auch interessant
Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag