Die Rentenversicherung ist meschugge

Liebe Deutsche Rentenversicherung Bund,

ich glaube, es hackt. Schön und gut dass Du mir schreibst - wir kennen uns ja schon so lange, ich denke, wir können uns duzen, oder? - und mir mitteilst, dass es da “Ungeklärte Zeiten” (fettgedruckt) zwischen uns gibt. Und zwar

September 2010 bis September 2010

Ok, abgesehen davon, dass das unter uns Menschen und auch unter Menschen und etwas besser programmierten Anwendungen einfach nur “September 2010” heißen sollte, ich das ja erstmal ok, dass Du da nachfragst, wenn Du Dir unsicher bist.

Ich musste da auch nicht lange überlegen - vom 22. August bis 22. Oktober 2010 war ich nämlich in Elternzeit. Und da August und Oktober zumindest teilweise noch Gehalt geflossen ist, sind diese Zeiträume für Dich, liebe Rentenversicherung, offenbar hinlänglich erörtert. Bleibt also der August.

Ich würde nun eigentlich nichts lieber tun, als Dir zu schreiben: Da war ich in Elternzeit und habe Elterngeld bekommen. Dann würde ich Dir noch eine Kopie meines Elterngeldbescheids machen - und gut isses.

Aber Du hast mir nicht nur diesen Brief geschrieben, sondern noch ein paar Blätter mehr. Um genau zu sein sind es 15 Blätter, praktisch alle doppelseitig bedruckt.

Rentenversicherung fragt mal nach

Das ist jetzt nicht Dein ernst? Ich soll einen “Antrag auf Kontenklärung” stellen, anstatt eine simple Frage zu beantworten? Einen Antrag, zu dem man ganz offensichtlich fast 10 Seiten Erläuterung braucht und der Fragen enthält wie “Standen Sie vor dem 1.1.1967 in einem Beschäftigungsverhältnis bei Verwandten oder dem Ehegatten?”

Abgesehen davon, dass es mich schon ein bisschen trifft, dass Du mich noch älter machst als ich mich bei Korrespondenz mit der Rentenversicherung sowieso schon fühle, frage ich mich auch: Was hilft Dir die Beantwortung zu Zeiträumen vor 1967 bei der Suche nach meinen Rentenversicherungszeiten im September 2010? Bist Du einfach ein bisschen… durchgeknallt? Meschugge? Nicht bei Sinnen?

Und auf jeder Seite brüllt mich fett an: “Beweismittel bitte beifügen”. Zu viel “Tatort” geschaut? Ist das jetzt ein Verhör?

Ich hab Dich bisher immer in Schutz genommen, wenn jemand an Deiner Existenzberechtigung gezweifelt hat. Aber das macht es mir schon ein bisschen schwer. Wie wäre es, wenn Du Dir die Mühe machen würdest, nur die Fragen zu stellen, die sinnvoll sind - anstatt die Mühe dem Kunden, ja, Kunden!, aufzubürden? Wie wäre es sogar, wenn Du mir einfach einen Link schicken würdest und ich ein Kurzformular online ausfüllen könnte und vielleicht noch die nötigen Unterlagen (von mir aus nenne sie intern weiter Beweismittel, wenn Du Dich dadurch wichtiger fühlst) hochläden würde?

Selbst die Steuererklärung kann man heute so bzw. so ähnlich (ok, ohne hochladen, aber kommt bestimmt auch noch, 2023 oder 2032) machen. Von mir aus schicke ich Dir auch noch eine unterschriebene Bestätigung, dass ich alle meine Ansprüche von 1970 und später sowie von vor 1967 verwirke, wenn ich Dich beschummele. Würde ich nämlich sowieso nie machen.

In aller Freundschaft: Ist Dir eigentlich klar, dass Du mit diesem bürokratischem Aufwand und diesem Papierwust nicht nur unsere armene Wälder abholzen lässt (oder die in Polen oder Finland), sondern auch uns beiden Arbeit machst, die mein Geld kostet? Lass Dich doch einfach mal von jemandem beraten, wie man Arbeitsabläufe a) kundenfreundlich und b) mit moderner Technik gestützt organisieren kann. Ich bin mir sicher, da gibt es eine Menge Adressen, die Dir weiterhelfen würden. Ich behaupte: Gut angelegtes Geld.

Und dann melde Dich doch bitte wieder. Mit einem kurzen Brief und einem kurzen Fragebogen. Oder einfach der Bitte um formlose Antwort mit den notwendigen Unterlagen. So wie das Menschen im Jahr 2013 machen sollten. Wir müssen ja nichts überstürzen - bis Du in Verlegenheit kommst, mir Rente auszahlen zu müssen, dürfte es ja noch ein bisschen dauern.

Beste Grüße, Andreas Streim

P.S. Ja, stimmt. In der Zeit, in der ich das hier geschrieben habe, hätte ich vielleicht auch schon die Hälfte Deiner Fragen beantworten können. Aber soll ich Dir was verraten? Ich mag nicht.

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