12 Wünsche an meine ideale Zeitungs-App

Ich habe ja bereits über meine wenig erbaulichen Erfahrungen mit Epapern von Zeitungen geschrieben - hier, hier, hier und hier. Jetzt vielleicht mal andersherum - was würde ich mir von der Epaper-App meiner Zeitung wünschen?

Dazu eine Vorbemerkung: Es geht mir um tägliche Inhalte. Für ein Magazin, das z.B. nur einmal im Monat erscheint oder noch weniger häufig, mögen ganz andere Regeln gelten. Was die Bereitschaft angeht, große Dateien herunterzuladen. Und den Wunsch, nach multimedialen Spielereien. Da besteht auch mehr Zeit, solche aufwändigen Dinge zu produzieren als im tagesaktuellen Geschäft.

Also, worum soll es nun gehen?

  1. Der Text im Mittelpunkt

  2. Keine Kopie des Zeitungslayouts

  3. Aktuell, nicht statisch

  4. So ausführlich wie nötig

  5. Links zu Quellen und anderen Informationen

  6. Rubriken werden schlau

  7. Eine Grafik sagt mehr als 1000 Worte - auch eine ganz einfache

  8. Offene Grenzen im Sinne der Leser

  9. Meine Zeitung, mein Archiv

  10. Du bist nicht alleine

  11. Living in the cloud

  12. Werbung - nicht alles was geht, ist gut

Was bedeutet das im Detail?

Der Text im Mittelpunkt

Klar, multimediale Spielereien sind toll. Aber man sollte nicht vergessen, dass jeder Leser diese Dinge mit jeder Ausgabe der App herunterladen muss. Womöglich auch unterwegs ohne Wlan. Von meiner Zeitungs-App würde ich mir eine Konzentration auf den Text wünschen, auf die Leistung der eigenen Autoren und Redakteure.

Wenn es gute Fotos gibt, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Tolle Fotos sehen auf Tablets meistens toll aus. Aber der Zwang, den Aufmachertext halt bebildern zu müssen, im Zweifelsfall mit was Langweiligen aus dem Archiv, besteht zum Glück nicht mehr. Text alleine sieht wirklich prima aus, wenn man ihn ordentlich darstellt.

Übrigens: Das iOS-only-Magazin “The Magazine” ist ein hervorragendes Beispiel, was ich meine.

Keine Kopie des Zeitungslayouts

Es wäre schön, wenn ich als eine Option die aktuelle Printzeitungsausgabe im Originallayout sehen könnte. Aber ganz ehrlich: Eine Zeitungsseite auf viele DIN A4 Blätter kopiert und hintereinandergeheftet macht auch keinen Spaß. Zeitungslayout ist, wie es ist, weil es das aktuelle Medium (eine große Papierseite) gut nutzt.

Ein neues Medium wie ein Tablet, das deutlich kleiner ist, sollte entsprechend genutzt werden. Ich möchte die Möglichkeit haben, den Text heute größer und morgen etwas kleiner zu lesen. Der Text soll sich der Größe meines Geräts anpassen - etwa wenn ich morgens das Tablet nutze und tagsüber das Smartphone. Apps wie Pocket machen das vor.

Aktuell, nicht statisch

Wenn ich morgens eine Zeitungs-App lade, dann erwarte ich dort einen aktuellen Stand, nicht den vom Vorabend, als die Druckerpressen anliefen. Da sollte Chavez eben nicht mehr sehr krank, sondern schon gestorben sein. Und wenn ich mittags in die App schaue, dann hätte ich dort gerne bereits Reaktionen und eine Analyse, was das für die Region bedeutet.

Und das betrifft nicht nur die Weltpolitik, sondern vielmehr auch das Lokale. Was hat die Stadtverordnetenversammlung bis gestern spät debattiert? Was bedeutet die Entscheidung?

Zeitungs-Apps dürfen nicht die Langsamkeit des Mediums Zeitung übernehmen, sondern müssen sich mit Radio und Websites messen.

So ausführlich wie nötig

Zeitungsredakteure schreiben auf Zeile, weil die Zeitungsseite eine bestimmte Größe hat. Auch eine eher uninteressante Nachricht muss dann halt mindestens 40 Zeilen lang sein, weil für sie ein Zweispalter vorgesehen ist. Und die spannende Geschichte muss auf 120 Zeilen eingekürzt werden, weil der Platz nun mal begrenzt ist (und das Layout Regeln vorgibt).

Diese Regeln ändern sich im Digitalen. Wenn eine kurze Info reicht, dann kann die Nachricht eben kurz sein. Und wenn es viele Hintergründe gibt, dann können die auch Geschrieben werden. Es liegt allein am Autor und am Textaufbau, ob der Beitrag spannend ist bzw. bleibt.

Das heißt auch: Gibt es eine neue Nachricht zu vermelden - etwa einen neuen Chef beim Pannenflughafen BER - dann will ich nicht nur durch Links auf ältere Beiträge mit Hintergründen versorgt werden, sondern ich möchte eine Aufbereitung. Ich hätte gerne alle wichtigen Infos (wer hat abgesagt, wie sieht der Zeitplan aus etc.) in den neuen Text eingearbeitet. Das hebt den Text von der Twitter-Nachricht “Mehdorn wird BER-Chef” deutlich ab.

Links zu Quellen und anderen Informationen

Ich wünsche mir von meinem Informationsdienstleister, dass er mir Links zu Originalquellen liefert, wo diese womöglich für mich interessante Infos bieten können. Ich möchte auch gerne Hinweise auf gute Analysen etc. anderer Medien, auch der gefühlten Konkurrenz, bekommen. Ich bezahle für eine redaktionelle Leistung und erwarte nicht, dass die Journalisten immer und überall alles am besten wissen. Aber sie sollten mich dann an die Hand nehmen und mir zeigen, wo jemand anderes etwas lesenswertes produziert hat.

Rubriken werden schlau

Ressorts wie Politik, Wirtschaft oder Sport haben viele bisherige Zeitungsleser gelernt - und selbst die Nicht-Zeitungsleser-Generation kennt die Einteilung aus digitalen Angeboten. Deshalb spricht nichts dagegen, auch die Inhalte in der App so klassisch anzuordnen. Ein großer Vorteil: Man ist nicht mehr auf eine Rubrik angewiesen, wie in der gedruckten Zeitung. Gehört der Text über die Borussia-Dortmund-Aktie zu Sport oder zu Wirtschaft? Gehört der Beitrag über Entlassungen bei Vattenfall zu Regionales oder Wirtschaft? In der App gehört er einfach zu beidem - und wenn er an einer Stelle gelesen ist, wird er an der anderen ebenfalls als gelesen markiert bzw. zunächst ausgeblendet.

Und was ist mit der Seite 1? Die ist so eigentlich gar nicht mehr nötig. Wie wäre es mit einer Rubrik “Editor’s Choice”, in der die Top-10-Beiträge der aktuellen App-Ausgabe ausgewählt sind? Der Vorteil: Der Beitrag kann auch ein wirklich langer Text sein. Der Zwang, ihn für die gedruckte Seite 1 in Standardlängen wie z.B. 80, 60 oder 40 Zeilen zu zwängen, entfällt. Und weil es nicht mehr nötig ist, sollte man die gedruckte Seite 1 nicht einfach ins Digitale überführen.

Eine Grafik sagt mehr als 1000 Worte - auch eine ganz einfache

Apps sind ideal für Grafiken. Es müssen nicht gleich immer aufwändige und teure Monster-Infografiken sein, aber einfache Balken- oder Tortendiagramme benötigen nur die Daten, die Anzeige kann die App übernehmen. Das heißt, ich bekomme Zusatzinformationen, aber die App bleibt schlank (s.o.). Multimedial nur da, wo es sinnvoll ist

Gezielt eingesetzt können auch multimediale Inhalte sinnvoll sein. Eine Fotostrecke zum Bauzustand des Großflughafens. Ein Kurzvideo vom Brand gestern Abend. Aber bitte nicht lange Videos mit Mann vor Kamera, der redet. Da ist Text einfach überlegen. Im Zweifelsfall multimediale Inhalte optional als Download anbieten, damit die App klein bleibt.

Offene Grenzen im Sinne der Leser

Kein Closed Shop. Ich möchte aus der App heraus einen Artikel an einen Freund oder Kollegen weiterschicken können. Das kann ich im Web und das konnte ich mit dem Kopierer schon immer mit der Printausgabe. Die App, die Geld kostet, sollte mich dort nicht beschränken und meine Nutzungsmöglichkeiten einschränken. Sicherlich ließen sich Grenzen einbauen (nur x Artikel pro Ausgabe), um Missbrauch zu verhindern.

Dabei bitte unbedingt die Möglichkeiten des mobilen Betriebssystems nutzen, wie z.B. die hervorragende Teilen-Funktion bei Android. Bitte nicht wieder Sonderlocken basteln, die sicher nicht so gut sind. Und nicht so zukunftssicher.

Meine Zeitung, mein Archiv

Ich möchte auch selbst den einen oder anderen Artikel archivieren, für den persönlichen Bedarf. Gerne kann mir die App so ein persönliches Archiv anbieten, aber ich möchte die Inhalte auch in gängigen Formaten an Orten meiner Wahl ablegen können, weil ich sie vielleicht selbst auswerten will - z.B. mit Hilfe von Datenbanken oder Programmen. Auch deshalb muss gelten: Die Inhalte dürfen nicht in der App verschlossen werden. Sonst werden die zahlenden App-Nutzer schlechter gestellt als Web-Leser oder Papier-Konsumenten. Und zwar nur, weil es technisch geht.

Du bist nicht alleine

Die App existiert auf einem mobilen Gerät. Wenn es einen Ort zu benennen gibt, so gibt es dort in der Regel eine Karten-App, die ihn zeigen kann. Wenn es eine Telefonnummer gibt im Text - man kann sie auf dem Smartphone direkt anrufen. Und ein Terminhinweis im Service-Teil sollte sich sofort in den Kalender übernehmen lassen, ohne Copy&Paste; und Hängen und Würgen.

Living in the cloud

Ich nutze täglich mehrere digitale Geräte - mein Tablet, mein Smartphone, einen privaten PC, einen dienstlichen PC. Ich möchte gerne die Inhalte auf möglichst vielen dieser Geräte parallel konsumieren können. Und dabei sollte jedes Wissen, was ich anderswo bereits gelesen habe.

Ach ja, eigentlich eine Selbstverständlichkeit (aber nicht für jeden Zeitungs-App-Programmierer): Ich möchte die bereits auf dem Gerät befindlichen Inhalte natürlich auch ohne Netzverbindung lesen können. Zum Beispiel in der U-Bahn oder im Flugzeug.

Werbung - nicht alles was geht, ist gut

Wenn sich vor dem Lesen des Textes erstmal ein Auto über den Text rollt und man lange suchen muss, wo die Funktion zum Wegfahren versteckt ist, dann nervt das. Und zwar den zahlenden Kunden. Werbung ist auch in der App schön und gut (schon immer haben sich Zeitungen über Verkaufspreis und Werbung finanziert), aber nicht alles, was technisch geht, sollte der Kundschaft zugemutet werden. Viel interessanter ist es doch, dem Leser die Werbung zu zeigen, die ihn interessieren könnte. Unaufdringlich, nicht mit Pauken und Trompeten, sondern als stiller Helfer, der ihm einen Tipp geben will.

Soweit meine ersten Gedanken. Über Ergänzungen, Einwände etc. freue ich mich. Und ich werde sicher auch selbst das eine oder andere noch ergänzen.

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