Die kleine Redaktion am Rande der Stadt

Man kann Bücher selber schreiben - oder sie doch lieber von anderen lesen. “Die tote Kuh kommt morgen rein” von Ralf Heimann ist so ein Buch. Es beschreibt den - ich verzichte mal auf passende Adjektive - Alltag in einer Zeitungsredaktion, in einer kleinen Lokalredaktion der Zeitung, um genau zu sein.

In meiner Zeit bei der “Märkischen Allgemeinen” haben wir oft während oder nach der Nachmittagskonferenz zusammengesessen und darüber geredet, dass man dieses oder jenes mal als Buch aufschreiben oder gleich ein Drehbuch zur “Kleinen Zeitugn am Rande der Stadt” verfassen sollte. Ralf Heimann hat das Buch geschrieben, über das wir so immer nur geredet haben.

Gut, es hat ein paar Längen und manche Geschichten spiegeln weniger die Zeitung mit ihren Leuten und Alltäglichkeiten wider, sondern mehr das Leben im flachen Münsterland und in kleinen Dörfern allgemein. Und nicht jeder Witz zündet. Aber insgesamt ist der dünne Roman, auf den ich dank einer Rezension von Thomas Knüwer gestoßen bin, sehr unterhaltsam. Zumindest für Journalisten oder solche, die es gewesen sind (oder vielleicht werden wollen).

An sehr vielen Stellen habe ich Dinge wiedererkannt (und ich verrate jetzt nicht an welchen), aber vor allem die Beschreibung des Rituals der Blattkritik habe ich - ungelogen - 1:1 so erlebt, und zwar so oft, dass man es gar nicht zählen kann. Ich zitiere hier mal aus dem Beitrag von Thomas Knüwer, der den Textausschnitt aus dem Buch wiedergibt:

“Meistens hatte der, den es traf, die Zeitung nicht gelesen. Das machte die Kritik schwer, aber nicht unmöglich. Norbert zum Beispiel behalf sich mit Sätzen, die eine Bewertung simulieren konnten…

,Die Eins ist sehr schön. Schöne Bilder. Schöner Aufmacher. Gefällt mir gut. Das Bild hätte ich vielleicht noch etwas größer gemacht. Aber sonst sehr gut. Auf der Zwei: schönes Lesestück. Interessantes Thema. Die Bilder find ich sehr schön. Gut aufbereitet. Die Grafik ist sehr übersichtlich. Leserfreundlich. Das ist sehr ansprechend. Auf der Drei fehlt mir ein bisschen der Halt. Das Bild ist zu klein. Das ist alles sehr bleilastig. Da hätte ich mir im Text auch noch mehr Absätze gewünscht. Aber ansonsten: Gut, dass wir das Thema haben. Sehr schön auch die Vier. Vor allem optisch. Tolle Überschrift. Nicht ganz so gut gefällt mir das Bild. Aber großes Lob an Carsten. Schöne Reporte. Hab ich gern gelesen. Dann noch die Fünf. Ja, was soll ich sagen: Die Fünf ist die Fünf. Gute Themen. Alles übersichtlich. Da fehlt nichts, so weit ich das sehe. Und noch schnell ein Blick in die Konkurrenz. Der Aufmacher auf der Eins. Ja, kann man machen, muss man aber nicht. Ansonsten nichts, was wir nicht auch haben. Alles in allem würde ich sagen: Wir haben eine gute Ausgabe gemacht.’”

Es gibt die eher langsamen gemächlichen Kollegen, den Chefredakteur, dessen Bitten sich so schwer abschlagen lassen, und wunderbare Schilderungen von Themenkonferenzen, etwa zur Somemrzeit.

Und das Buch endet so, dass es geradezu nach einer Fortsetzung schreit. Vielleicht gibt es ja bald noch mehr Episoden aus dem Jouranlistenleben. Sonst müsste man ja doch noch mal selbst aufschreiben… Aber Lesen macht eigentlich viel mehr Spaß.

Tags
#Buch #Journalismus #Rezension
Auch interessant
Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag