Warum das mit den Zeitungen nix mehr wird

Ich mag Zeitungen. Ich habe viele Jahre meines Lebens mit großer Begeisterung für eine gearbeitet. Journalismus ist auch wichtig. Hat aber nichts mit bedrucktem Papier zu tun.

Vor einigen Jahren hatten wir täglich vier gedruckte Tageszeitungen im Briefkasten. Heute noch eine. Und die auch nur, weil die Frau in unserem Haushalt nostalgische Gefühle hegt und findet, Kinder sollten nicht in einer Familie aufwachsen, in der sie keine gedruckten Zeitungen kennenlernen. Oder so ähnlich. Das finde ich eigentlich auch. Und so ein gelebtes Freilichtmuseum, das hat ja auch was.

Ich lese Zeitungen gerne digital. Dumm nur, dass offenbar alle halbwegs begabten Programmierer Apps für US-amerikanische Start-ups entwickeln und keine Zeit für deutsche Medien haben. Anders ist die Qualität der Versuche, den eben fürs Drucken geschriebenen Inhalt auf Smartphone, Tablet oder auch PC zu bringen, nicht zu erklären. Mit Ausnahme von SZ Digital, der App der “Süddeutschen Zeitung”, der es gelingt, die ohnehin guten Inhalte so darzustellen, dass es auf jedem Medium eine Freude ist. Und die selbst meinen Vater zum begeisterten (auch) Online-Leser neben seiner gedruckten Ausgabe gemacht hat.

Aber sonst? Ein Bild des Schreckens. Und genug der Vorrede. Nur noch eine Erinnerung. Wir haben fast 2015 - also das Jahr zweitausendundfünfzehn. Und da finde ich in meinem Briefkasten eine kostenlos und unverlangt eingeworfene “Berliner Morgenpost” (locker über das “Bitte keine Werbung”-Schild hinweggesetzt, Regeln gelten nur für andere wie Google und so…). Doch nicht die Zeitung, sondern der Aufkleber darauf hat mich dann doch interessiert.

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Die “Berliner Morgenpost” elektronisch lesen, 6 Monate lang umsonst - was soll dabei schiefgehen? Und wäre doch nett, auf dem Weg in die Arbeit oder zurück mal kurz in der S-Bahn auf dem Smartphone die Berlin-Nachrichten durchzulesen. Also mal anmelden. Die Startseite von epapern.de verspricht:

Die Startseite von epapern

Papern bedeutet, dass Sie überall und jederzeit auf Ihrem Smartphone, dem Tablet oder am PC druckfrische Tageszeitungen oder Zeitschriften lesen können.

Das klingt doch gar nicht schlecht. Aber was bekommt man, wenn man sich angemeldet hat? Das hier.

Ein Epaper ist wirklich ein PDF

Ich kann mir bei epapern.de auf einer Website ein PDF auf mein Gerät herunterladen. Wie war das nochmal? “Überall und jederzeit auf ihrem Smartphone…” Natürlich, stimmt, ich kann auf meinem Smartphone ein PDF öffnen. Diese grässlichen PDFs, die gerne auch als wöchentlicher Newsletter von Journalisten-Verbänden verschickt werden, anstatt alles einfach in eine ordentliche Mail zu packen, die auf den verschiedenen Geräten hervorragend skaliert. Aber ich schweife ab. Das Epaper sieht dann so aus:

Epapern auf dem Smartphone

Klar, man kann einzelne Artikel heranzoomen, so dass man sie lesen kann. Nur leider dann immer nur ein winziges Stückchen, dann scrollt man mit dem Finger runter, dann nach rechts und wieder rauf, dann wieder runter, dann wieder nach rechts und wieder raus etc. pp. Weil die Zeitung so ausgeliefert wird, wie sie halt wunderbar auf so ein großes Zeitungspapier gedruckt passt.

Artikelausschnitt

Das Schlimme daran ist: Wenn das jemand ausprobiert, der vielleicht zum ersten Mal darüber nachdenkt, ob Digitalausgaben lesen nicht vielleicht doch eine gute Idee ist, der wird das Experiment sofort kopfschüttelnd beenden. Und vermutlich nie wieder ein Digitalabo einer Tageszeitung abschließen. “Bei Spiegelonline kann ich das besser lesen…” wird er denken.

Und irgendwo weint ein Verlagsmanager und schreibt einen Brandbrief an die Politik, die doch verdammt noch mal endlich was gegen die Kostenloskultur im Netz und dieses an allem schuld seiende Google tun soll.

Auflagenentwicklung Tageszeitungen

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#Berliner Morgenpost #Digital #Epaper #Epapern #Süddeutsche Zeitung #SZ
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