Datasetten für die Berliner Schulen

Es gehört jetzt nicht allzu viel Sachverstand dazu zu begreifen, dass unsere Gesellschaft immer stärker durch die Digitalisierung geprägt ist. Und man kann relativ schnell feststellen, dass Deutschland da nicht über die allerbesten Voraussetzungen verfügt. Das ist volkswirtschaftlich nicht schön, das ist aber auch für uns alle und vor allem diejenigen blöd, die noch etwas länger in diesem Land leben werden. Vulgo: Die Kinder und Jugendlichen.

Um so erstaunlicher ist es ja eigentlich, dass das mit der Digitalisierung und unseren Schulen nicht so richtig klappt. Ok, wir haben die Bildungseinrichtungen des Landes weitgehend ans Internet angeschlossen (und sei es nur mit dem Sekretariats-Computer) und PCs gibt es auch irgendwie. Und Beamer natürlich. Aber so richtig Digitalkram im Unterricht, also Apps in Erdkunde, Big Data in Sozialkunde oder vielleicht ein paar kleine Programme für die Experiment-Auswertung in Chemie? Nicht wirklich.

Einen Eindruck, warum das so ist, bekommt man durch die Lektüre dieses Artikels im “Tagesspiegel”. Kurz: Das Land Berlin hat geplant, eine dezentrale IT-Infrastruktur für die Schulen aufzubauen - also nicht für den Unterricht, für die Verwaltung, Stundenplanplanung und so. Und hat dann nach 8 Jahren und einem zweistelligen Millionenbetrag festgestellt, dass dezentral doch doof ist und das jetzt alles irgendwie zentral aus einem Rechenzentrum erledigt werden soll.

Jetzt ist die Digitalisierung der Schulverwaltung in Berlin sicher ein Großprojekt, verglichen damit, das Digitale in die Klassenzimmer und den Unterricht zu bekommen, aber doch eher ein Klacks. Wenn ich mir jetzt vorstelle, man würde in die Schulklassen die Dinge einführen, die sich vor 8 Jahren irgendein Gremium ausgedacht hat… Wenn man in der Schulverwaltung im 3. Obergeschoss, ganz hinten links, die Tür öffnet, da sitzt sicher die Kommission die darüber streitet, ob die C64 für die Projektklassen mit Floppy-Laufwerk angeschafft werden oder ob doch eine Datasette reicht. Und irgendwo wird gerade ein Schulbuch lektoriert, das tatsächlich ein Beispielprogramm in BASIC aufführt, um “die Verzahnung von moderner Digitaltechnik mit den Lerninhalten der etablierten Physik zu verzahnen”. Oder so.

Das Innovationstempo nimmt stetig zu, nur ist die Verwaltung darauf leider überhaupt nicht eingestellt. Und wenn es schlimm ist, dass wir es nicht schaffen, einen Großflughafen zu bauen, dann ist es nichts anderes als dramatisch, dass wir unseren Kindern nicht mehr das Rüstzeug in der Schule mitgeben, damit sie in dieser Welt zurechtkommen. Der Digitale Graben wird dann zwischen denen verlaufen, die zu Hause nicht nur die Anwendung als dieser Technologien mitbekommen, sondern ein tiefgreifendes Verständnis dafür entwicklen. Damit dürften aber viele Eltern ähnlich überfordert sein wie ihren Kindern die Bedeutung von Makromolekülen aus Aminosäuren oder Graphen ganzrationaler Funktionen zu erklären.

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