Medienmänner, die auf Social Media starren*

Die Medien und die Digitalisierung. Geht dieses Internet irgendwann wieder weg? Warum sollen wir da unsere Inhalte präsentieren, die wir gedruckt doch verkaufen wollen? Und was soll dieses ganze Twitter, Facebook und Gedöhns? Für all das hab ich keine Zeit. Das war die Stimmungslage zu der Zeit, als ich noch Tageszeitungsredakteur war, bei vielen Kollegen. Und in der Führungsetage erklärte man zwar schon, dass diese Sozialen Medien halt auch das Zeitungsgeschäft verändern würden (ein “leider” wurde immer leise mitgedacht), aber be- oder genutzt hat das ganze Zeug keiner von denen, die sich als Vordenker und Leitfiguren verstanden.

Funfact: Der Herausgeber dieser Zeitung hat lange Zeit seine Kolumnen mit der Hand geschrieben, die dann seine Sekretärin ins Redaktionssystem eingeben musste, was dazu führte, dass diese Kommentare immer länger und länger wurden. Per Hand auf Zeile schreiben, das ist halt nicht so einfach. Aber Digitalisierung von oben verordnet, nun ja, also eher nicht. Weniger fun, aber auch fact am Rande: Heute gibt er durchgeknallte rechtspopulistische Parolen oder einfach nur dumme Beleidigungen als Landtagsabgeordneter der AfD von sich. Und ist statt auf sein Wissen über das britische Königshaus und Preussen stolz auf sein “unfreundliches Gesicht”.

Aber zurück zum Digitalen und den Medien. Thomas Knüwer hat sich bei “Indiskretion Ehrensache” die Mühe gemacht mal nachzusehen, welche Führungskräfte großer deutscher Medien denn so unterwegs sind, bei Social Media. Das Ergebnis ist weniger überraschend als ernüchternd.

Knüwer stellt dann fest:

Und wenn jetzt jemand kommentiert (was fast immer bei solchen Themen der Fall ist), diese Hochrangigen hätten ja Besseres zu tun als zu twittern, so muss doch entgegnet werden, dass einerseits sich der Sinn vieler Dienste erst erschließt, wenn man sie genutzt hat, egal ob es um die Wirkung der Vernetzung bei Facebook ist, das Magenumdrehen beim Nutzen von Oculus Rift oder die Beschleunigung eines Tesla. Und andererseits es recht unwahrscheinlich ist, dass jemand im Gegenzug Wissen über Datenbanken oder Programmiersprachen mitbringt.

Und da ist mir ein Auszug aus einem Interview eingefallen, das Madsack-Geschäftsführer Thomas Düffert erst kürzlich seinem eigenen Mitarbeitermagazin gegeben hat.

Und dessen Kenntnis Knüwer sicher zu einer anderen Meinung gebracht hätte ;-) (oder ihn darin bestärkt hätte, dass die Führungsebene den Schuss zu oft noch nicht gehört hat). Darin sagt Düffert:

Thomas Düffert im Madsack Interview

Ich habe weder Xing- noch Facebook-Account, und ich twittere auch nicht. Ich habe mich dagegen entschieden, weil sich mein Mitteilungsbedürfnis in Form von Likes und Dislikes in Grenzen hält und mir meine Privatsphäre wichtig ist. Für mich ist aber viel wichtiger, dass ich weiß, was da läuft, wie das funktioniert und welche Bedeutung das für uns hat - und da bin ich auf dem Laufenden.

Mich hat das schon beeindruckt. Also zum einen, dass es Leute gibt, die Twitter verstehen und seine Bedeutung erkennen können, ohne es zu nutzen. Ich habe gefühlte drei Anläufe gebraucht, um mit dem Dienst warm zu werden und nur annäherend seine Möglichkeiten zu begreifen. Und auch dann hat sich in jahrelanger Nutzung bei mir immer wieder ein Aha-Effekt eingestellt. Und dann gibt es Leute, die Verlage leiten, die sowas einfach so können. Durch Wissen. Da fühlt man sich schon ziemlich klein.

Beeindruckt hat mich aber zum anderen auch, dass man durch solches abseitsstehendes Beobachten und Wissen auch Dinge entdeckt, von denen ich trotz intensiver Nutzung sozialer Medien noch nie etwas gesehen habe. “Dislikes” zum Beispiel, mit denen man sich dort mitteilen können soll. Ja, ich weiß, es gab Gerüchte, dass Facebook sowas planen würde, aber das soll ja dann doch anders aussehen - und von Twitter, Instagram und Co. kenne ich nur die “Likes” in ihren verschiedenen Formen. Mist, hätte ich mich auch nur theoretisch damit beschäftigt, ich wäre so viel schlauer.

Aber Spaß beiseite. Man würde ja vielleicht glauben, dass jemand auch von außen begreifen kann, was da in den Sozialen Medien vor sich geht, wenn er dann Dinge äußern würde, die auch nur einen Funken davon zeigen würden. Stattdessen sind es genau die Klischees und Vorurteile von denen, die noch nie Twitter, Facebook & Co. genutzt haben - oder höchstens ohne Sinn und Verstand. Es gehe nur um einen Mitteilungsdrang (hey, dafür hat man doch ein Blog!) oder kurze Stimmungsäußerungen wie “Like”. Das ist Social-Media-Debatta anno 2008. Oder so. Da wundert man sich nicht - und da sind wir wieder bei “Indiskretion Ehrensache” - dass deutsche Medien in der digitalen Welt noch ganz schön hinterherhinken.

Die Stelle eignet sich übrigens gut für einen Werbeblock: Die hub conference des Bitkom am 10. Dezember dreht sich genau um diese Digitalisierung. In einem Block auf der Start-up-Stage geht es dann ganz konkret um die Disruption der Medien. Und auf der Pressekonferenz (10 Uhr) werden Ergebnisse einer Befragung zu Stand und Ausblick der Digitalisierung für fünf Branchen vorgestellt, unter anderem der Medien. Wer nicht vorbeischauen kann, kann die Berichterstattung auf dem Twitter-Kanal @hubconf verfolgen oder auch in einem Livestream.

Dort kommen viele Vertreter von Branchen, von denen sich Medien inspirieren lassen können - und wollen. Im Interview steht auch:

Thomas Düffert im Madsack Interview

Gut, dass klingt nach der VW-Abgas-Affäre etwas merkwürdig und weckt bei Satirikern bestimmt lustige Assoziationen, aber im Kern bleibt es natürlich richtig. So es denn mehr ist als eine Absichtserklärung.

*ohne es selbst zu nutzen

Tags
#Digitalisierung #Madsack #Medien
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