Tote Kängurus klicken besser als der Job-Verlust

Ich habe heute im Radio gehört, dass Bombardier in Hennigsdorf mehrere hundert Stellen streichen will. Das hat mich interessiert, ja, es hat mich betroffen gemacht. Als langjähriger Journalist in der damals noch vorhandenen Wirtschaftsredaktion der “Märkischen Allgemeinen” war Bombardier im Norden von Berlin als einer der wichtigen Arbeitgeber im Land ein bedeutender Gegenstand der Berichterstattung. An so einem Unternehmen hängen viele Arbeitsplätze, direkt im Unternehmen, indirekt bei Zulieferern. Aber in so einem Unternehmen werden auch immer wieder tolle Innovationen entwickelt, Projekte gestartet, arbeiten interessante Leute.

Weil ich also gehört hatte, dass dort so viele Job verloren gehen werden, wollte ich mich heute Abend dazu mal genauer informieren. Und wo tut man das? Natürlich beim Online-Auftritt der Regionalzeitung vor Ort. Was ich dort gefunden habe, hat mich dann aber überrascht. (Würde meine alte Zeitung in ihrer neuen Art vermutlich teasern vor diesem Link zum Weiterlesen.)

Als ich die Seite aufgerufen habe, sehe ich das:

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Hmmm, na gut, ein Feuer im Gefängnis und Demos in Oranienburg - auch wichtig.

Also mal ein bisschen runterscrollen.

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Eine exklusiver Vorabdruck eines Romans in der Wochenend-MAZ. Hmmm… Und ein Tierschänder, der zwei Kängurus getötet hat. Hab ich mich vielleicht doch verhört, da am Radio. War es eine Ente? Aber wäre eine Ente nicht auch eine Nachricht wert?

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Ach nein, da ist ja doch was. Auf der dritten Seite. Nach Parkgebühren in Potsdam und Platzeck, der im BER-Aufsichtsrat nie von etwas erfahren hat. Der Text ist, nun ja, sehr nachrichtlich. Viel mehr als ich schon im Radio gehört habe, erfahre ich jetzt auch nicht. Ich weiß, Wirtschaftsberichterstattung hat keinen hohen Stellenwert. Klickt nicht, wird nicht gelesen, interessiert die Leute nicht.

Es liegt aber vermutlich auch daran, dass die Beiträge gut versteckt sind und, nun ja, ohne große Emotionen aufgeschrieben sind. Weder Betroffene kommen zu Wort noch gibt es Reaktionen von der Politik. Könnte auch daran liegen, dass nicht so viel Zeit für Recherche war:

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Gut, weder bei der PNN noch beim “Tagesspiegel” noch in der “Berliner Zeitung” bin ich online überhaupt fündig geworden. Dort findet sich zumindest auf der Startseite kein Beitrag dazu.

Aber zum Glück gibt es ja Google News, diesen Suchaggregator, den die Verlage gerne bepreisen oder verbieten würden. Der führt mich dann dankenswerterweise zum RBB - dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Land. Und dort gibt es einen Beitrag als Video und einen guten Text dazu. In dem unter anderem die Beschäftigtenvertreter ihre Angst, dass das der Anfang vom Ende des Standorts ist Ausdruck verleihen. Und in dem Text kommt auch die märkische Politik zu Wort. Und jetzt fühle ich mich zumindest gut informiert. Und denke an die Zeiten, als der RBB die MAZ-Berichterstattung nachgefilmt hat.

Tags
#Bombardier #Journalismus #MAZ
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